Frühling und ich blickten auf eine kleine Box, auf der mit zittriger Handschrift eine Nummer auf einem Klebezettel geschmiert wurde. Mit der gleichen Handschrift standen auf dem Zettel: ›Die alte Dame im verschlossenen Raum‹. Die Aufschrift erinnerte mich ein wenig an Cluedo, es fehlte noch Waffe und Täter. Enttäuschenderweise hatten wir damit keinen Gewinner.
Ich sagte zu Frühling: »Wer von Deinen Geschwistern hat denn diese süße Handschrift?«
Frühling sagte: »Sie passt nicht zu Herbst und Winter. Winter versucht sich in Kaligraphie und Herbst lässt die Buchstaben ziellos und nackt im Raum stehen.«
Ich sagte: »So hätte ich die beiden auch eingeschätzt. Vielleicht kann man ja doch von der Handschrift auf die Person schließen.«
Frühling sagte: »Vielleicht findest Du hier ein dickes Buch über Graphologie, mit dem ein Personaler von einem Bewerber erschlagen wurde. Sowas passiert ja alle paar Jahre. Das Buch könnte uns jetzt ganz doll helfen.«
Ich sagte: »Du weißt doch, dass man Beweisstücke nicht so lang aufbewahrt. Außerdem bringt uns das Wissen, wer das hier geschrieben hat, den Täter nicht näher. Der würde sicherlich nicht seine eigenen Akten beschriften.«
Frühling sagte: »Was würdest Du denn in diese Schrift deuten?«
Ich sagte: »Das ist ein Mann oder eine Frau, mit einem sehr geringen Selbstwertgefühl – sowas sieht man an der Größe der Schrift – der oder die anscheinend in Eile gewesen ist.«
Frühling sagte: »Ich sehe hier die Handschrift eines kleinen Greises, der sich kaum noch auf den Füßen halten konnte. Er hat diese Worte mit seiner letzten Kraft auf den Zettel schreiben können, bevor er seinen letzten Atemzug nahm.«
Ich sagte: »Denk doch darüber nach, wo wir hier sind. Hier arbeiten keine Greise.«
Frühling sagte: »Dann war es das kleine Kind eines Beamten, welches unbedingt auch einmal etwas beschriften wollte. Wahrscheinlich hatte es das Schreiben gerade erst gelernt.«
Ich sagte: »Lass uns doch jetzt bitte hinein sehen. Ich platze schon vor Neugierde.«
Frühling lachte und öffnete die Box.
In der Box lagen ein paar Fotos und ein paar Blätter. Die Ausbeute war dürftig und enttäuschend. Ich blickte Frühling irritiert an.
Sie zuckte mit den Achseln und sagte: »Du hattest recht. Das ist alles elektronisch.«
Ich sagte: »Warum sagst Du das nicht früher? Wir hätten zu Hause bleiben und uns das Ganze online ansehen können.«
Frühling sagte: »Du schienst so voller Tatendrang, dass ich beschlossen hatte, dass es ein guter Plan war, Dich ein wenig an die frische Luft zu bringen.«
Ich sagte: »Danke für den tollen Plan. Jetzt war ich an der Luft.«
Sie sagte: »Das hat dir sichtlich gut getan. Dann können wir jetzt zu Hause online gucken?«
Ich sagte: »Schön wenn Du genug Spaß hattest. Vielleicht können wir uns die Sachen auch gleich von Maria ausdrucken lassen. Das erspart uns das Hacken des Polizei-Servers.«
Frühling nickte und sagte: »Keine schlechte Idee. Ich gehe gleich einmal und sag ihr das. Du kannst Dir in der Zeit die Fotos ansehen.«
Während sie nach draußen eilte, sichtete ich die Fotos. Keins war besonders aussagekräftig. Man erkannte auf einem die alte Frau, die auf dem Boden lag. Auf einem anderen war die Wohnung abgelichtet worden.
Die Bücher waren aus den Regalen gefegt. Überall lagen Wäschestücke.
Dann lagen in der Box ein paar Fotos von verschlossenen Türen und Fenstern. Alle waren gesichtet. Die Wohnungstür hatte sogar ein geschlossenes, jedoch wahrscheinlich von der Polizei aufgebrochenes Ketten-Sicherheitsschloss.
Ich überlegte einen Moment, ob mir eine Methode einfallen würde, wie man dieses Schloss von außen schließen könnte. Magnete würden hier nicht helfen. Wenn man einmal durch die Tür gegangen war, konnte man keinen Bestandteil des Schlosses erreichen.
Für mich hakte ich die Möglichkeit ab, dass der Täter die Wohnung durch die Eingangstür verlassen hatte. Genauso waren die Fenster durch Schlösser jeweils von innen gesichert.
Ich hätte diesen Raum gerne selbst gesehen. Wenn die Fotos alle Ein- und Ausgänge zeigten, hätte der Täter nie aus der Wohnung gelangen können.
Ich ging hinüber ins andere Büro. Frühling hatte sich auf den Schreibtisch gesetzt und sah auf den Monitor. Maria saß auf ihrem Stuhl. Die Beiden bemerkten gar nicht, dass ich in den Raum gekommen war.
Als ich mich räusperte, ließen sie keine Reaktion erkennen. Ich hüstelte etwas theatralisch und Frühling machte eine abfällige Handbewegung.
Ohne mich anzusehen, sagte sie: »Maria ist ein Schatz und lädt gerade alle Files auf einen USB-Stick.«
Ich sagte: »Gibt es nicht mehr Beweisstücke, als die, die hier in der Box liegen?«
Maria schüttelte sich kurz und sah mich an, während sie die Augen verengte und die Stirn in Falten legte.
Ich schloss darauf, dass sie meine Frage nicht richtig verstanden hatte und sagte: »Sind das alle Beweise?«, und hielt die Box in die Höhe.
Maria sagte: »Was willst Du denn noch für Beweise?  Wenn wir etwas nicht mehr brauchen, dann schmeißen wir es weg. In dem Fall haben wir allerdings nicht viel gefunden.«
Ich sagte: »Irgendwie habe ich mir das anders vorgestellt.«
Maria sagte: »Von welcher Dienststelle kommen sie denn? Wie wird es denn da gemacht?«
Schlagartig wurde mir wärmer. Meine Beine wären gerne weggerannt.
Frühling sagte: »Bei unserer alten Dienststelle war DER, für die Beweisstücke zuständig.« Sie deutete mit einer Kopfbewegung in meine Richtung.
Sie sagte: »Er war als Mister Eintüter bekannt. Als er im letzten Fall einen Türrahmen abmontieren lassen wollte, hat ihn der alte Chef versetzt. Offiziell ist es eine Beförderung, inoffiziell musste die Kammer ausgemistet werden. Ich soll ihn begleiten, damit er nicht so alleine ist.
Es würde mich nicht wundern, wenn in seinem Keller noch alte Kartons mit Sachen liegen, die ihn selbst belasten könnten. Bisher war der Nutzen seines Übereifers eher gering. Mir ist kein Fall bekannt, der nachträglich gelöst werden konnte.«
Maria nickte und sagte: »Das kenne ich gut. Mein Vorgänger hatte auch solche Anwandlungen. Ich trenne mich gerne. Schließlich sind wir hier nicht auf einer Müllhalde.«
Frühling blickte erneut auf den Monitor und sagte: »Soweit ich sehe, haben wir jetzt alles. Dank Dir und wir sehen uns bald.«
Maria lächelte und winkte uns hinterher.
Zu Hause sahen wir uns an meinem Rechner die Daten an.
Das Ergebnis war mager. Eigentlich hätte ich auf ein wenig mehr Futter gehofft. Nachdem, was Herbst und Winter erzählt hatten, war ich auf fast alles vorbereitet.
Dass ihre Ermittlung allerdings auf so wenigen Indizien beruhten, war ernüchternd.
Die zusätzlichen Bilder zeigten, wie schon auf den ersten ersichtlich, dass die Wohnung von innen geschlossen war. Die Todesursache war Herzstillstand. Das Herz war allerdings gesund, weshalb der Arzt davon ausging, dass der Tod nicht natürlich eintrat.
Frühling sagte: »Die Alte hat sich umgebracht oder ist bei einem Unfall gestorben. Danach fegte ein Wirbelsturm durch die Wohnung. Alles vollständig erklärbar und natürlich. Eigentlich könnten wir den Sack zumachen und die Sache auf sich beruhen lassen.«
Ich sagte: »Siehst Du nicht die Dinge, die auf ihr liegen? Der Raum wurde definitiv durchsucht, nachdem sie schon dort lag. Das geht gar nicht anders. Der Wirbelsturm ist völlig ausgeschlossen.«
Frühling gähnte und entblößte dabei zwei perfekte Zahnreihen und eine hell erdbeerrote Zunge. Danach sah sie mich verschlafen an und sagte: »Wir könnten jetzt irgendetwas Witziges machen. Was hältst Du davon, wenn wir irgend welche Leute verkuppeln, die gar nicht zusammen passen?«
Ich sagte: »Das wäre sicherlich sehr spaßig. Besonders für die Kinder, die aus solchen Beziehungen entstehen. Die sind in der Regel echte Spaß-Kekse.«
Frühling schüttelte abwertend die Hand und sagte: »Du bist und bleibst ein alter Spießer. Bei Deinem Fall ist auf jeden Fall nichts zu holen.«
Ich sagte: »Den Raum hätte ich gerne mit eigenen Augen gesehen. Vielleicht wären mir ja noch andere Dinge aufgefallen.«
Frühling sagte: »Sherlock braucht immer nur ein paar Augenblicke um 98% aller Verbrechen zu lösen.«
Ich sagte: »Auch wenn ich Dich jetzt enttäuschen muss, aber ich bin nicht Sherlock. Trotzdem wäre ich gerne da gewesen. Hast Du vielleicht die Kräfte Deiner Mutter und kannst etwas an der Zeit drehen?«
Frühling sah einen Augenblick nachdenklich gegen die Decke. Dann sagte sie: »Keine Möglichkeit. Aber es gibt da vielleicht einen anderen Weg.«
Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Sie sagte: »Das könnte sogar Spaß machen.«
Ich dachte nur: »Sicherlich wird es mir nicht gefallen.«
Frühling ging in die Küche, in der auf der Fensterbank der Topf stand, in den sie vorher die rote Frucht gesteckt hatte.
Sie sagte: »Ich habe zwar nicht die Kraft meiner Mutter. Aber absolut unfähig bin ich auch nicht.«
Etwas leiser sagte ich: »Das hätte ich auch nie gesagt.« Noch wesentlich leiser sagte ich: »Jedenfalls nicht laut. Für mich habt ihr alle Superkräfte: Kraft der Depression, Kraft der Eisheiligkeit, Kraft der blöden Späße – ich freue mich schon darauf euren Bruder kennenzulernen.«
Mit beiden Händen hielt Frühling den Topf vor sich ausgestreckt. Sie lächelte und sagte: »Nimm die Kanne und gieße kontinuierlich Wasser in den Topf.«
Als ich mich, nachdem ich Wasser in die Kanne gegossen hatte, erneut zu ihr umwand, schien sie von innen zu glühen. Es war so, als hätte man hinter ihrem Rücken ein Scheinwerfer angeschaltet, der so hell war, dass er durch sie hindurch strahlte.
Für einen Moment schreckte ich zurück, doch sie sagte: »Fürchte Dich nicht.«
Ich sagte: »Blödes Zitat. Ich habe mich immer gefragt, warum so etwas gesagt wird. Meist ist doch offensichtlich, dass man sich gerade erschreckt hat. Außerdem solltest Du so etwas nicht zitieren.«
Frühling lachte und sagte: »Ich hab mich doch nur wiederholt und nicht fremd zitiert. Es wäre überdies ganz nett, wenn Du jetzt anfangen würdest. Sonst wird da nämlich nichts draus und wir sehen ziemlich blöd aus der Wäsche.«
Langsam kippte ich die Kanne und goss in kleinen Stößen Wasser in den Topf.
Zunächst war nichts zu erkennen, doch plötzlich sprang ein kleines grünes Etwas aus der Erde. Innerhalb nur einer Minuten hatte sich ein kleiner Stamm gebildet, an dem kleine Äste hingen, an denen wiederum kleine Blätter sprießten.
Nach zwei Minuten bildeten sich die ersten Früchte.
Langsam wurde die Kanne leer und ich sah Frühling fragend an. Sie lächelte mich an, als wäre ihr gerade der Papst auf Rollschuhen begegnet und sagte: »Das dürfte reichen. Siehst Du, ich hab doch noch eine Superkraft neben der der blöden Späße.«
Ich wurde rot.
Die Früchte waren nicht größer als Blaubeeren. Frühling pflückte zwei und streckte mir eine hin.
Ich sah sie an und schüttelte den Kopf, als ich sagte: »Du wolltest schon einmal, dass ich eine davon esse.«
Sie lachte und sagte: »Diesmal ist sie viel kleiner. Dir wird schon nichts passieren. Wenn Du allerdings den Tatort sehen möchtest, dann iss die Beere.«
Misstrauisch sah ich Frühling in die Augen.
Sie drehte sich um und ging zur Couch. Schwerfällig ließ sie sich niederfallen und sah mich vom Wohnzimmer her an.
Dann legte sie die Beere auf ihre flache Hand und schleuderte sie anschließend mit viel Geschick in ihren Mund.
Langsam folgte ich ihr und setzte mich ihr gegenüber, in den Sessel.
Mittlerweile hatte sie die Augen geschlossen. Ihre Arme hingen schlaff auf der Lehne. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen.
Prüfend drehte ich die Frucht zwischen Daumen und Mittelfinger. Dann führte ich sie langsam zum Mund. Der Geruch, die diese Beere abgab, war wunderbar. Wasser strömte in meinen Mund, der sich automatisch öffnete.
Wahrscheinlich war es eine ziemlich blöde Idee, aber ich wollte einfach wissen, was passieren würde. Wenn Frühling schon sagte, dass es ihr gefallen würde, wäre es sicherlich nur mit Vorsicht zu genießen. Schließlich würde ich mich auch nicht, nur mit einem Bügelbrett bewaffnet, aus einem fliegenden Flugzeug stürzen, nur weil irgendwer sagt, dass das Spaß machen würde.
Die Frucht schmeckte süß und saftig. Ich merkte, wie der Geschmack meine Sinne benebelte. Meine Augen schlossen sich, ohne dass ich etwas dagegen machen konnte und ich richtete meinen Blick nach innen.
Frühling stand in einem dunklen Raum, in dem sie sich angeregt mit einem schwarzhaarigen Zottelkopf unterhielt. Sie gestikulierte wild mit den Händen.
Es musste ein Raum sein, obwohl ich keine Wände erkennen konnte. Über uns befand sich jedoch nicht der Himmel und der Boden fühlte sich sehr glatt an.
Der Zottelkopf erschien mir – abgesehen von seinen Haaren – wie eine griechische Statur, was nicht so sehr an seinem Wesen, sondern an der Eigenheit lag, dass eine Haut marmorweiß und seine Bewegungen kaum wahrnehmbar waren.
Das Einzige, was sich an ihm rührte, waren seine Haare. Je näher ich kam, desto merkwürdiger schienen sie mir. Sie ringelten sich, wie eine unzählig große Menge Würmer in guter Muttererde.
Kurz dachte ich darüber nach, dass man so jemanden gut als lebende Statur in die Stadt stellen konnte. Die Haare müsste man dazu nur in Gibs gießen.
Als ich Nahe genug war, konnte ich Frühlings Worte verstehen. Sie sagte gerade: »Mir fällt kein anderer Weg ein.«
Ich sah nicht, dass sich seine Lippen bewegten. Trotzdem hörte ich seine Stimme klar und deutlich. Er sagte: »Was Du verlangst, kommt einem Verrat gleich. So etwas kann ich nicht leichtfertig entscheiden.«
Frühling sagte: »Gib Dir einen Ruck. Du bist sowieso Dein eigener Herr und die Regeln, die Du brichst, sind Deine eigenen. Wenn Du Dich nicht selbst bestrafst, dann wird Dir auch nichts passieren.«
Mittlerweile stand ich direkt neben Frühling. Sie drehte sich ganz kurz um und sagte: »Das hier ist übrigens der Mensch, von dem ich Dir erzählt habe. Völlig unwichtig, aber irgendwie lustig, auf seine ganz besonders primitive Art und Weise.«
Die Stimme schien erneut von überallher zu kommen. Er sagte: »Der ist mir bekannt.«
Frühling sagte: »Wenn man nicht ab und zu mit ihnen spielt, vergisst man, wie viel Spaß das macht.«
Ich sagte: »Könntest Du mir sagen, was hier los ist?«
Frühling sagte: »Das ist mein Cousin Morpheus. Vielleicht hast Du schon einmal von ihm gehört?«
Ich sagte: »Der Sandmann? Natürlich habe ich von ihm gehört.« Mein Kopf ruckte ehrfurchtsvoll nach unten, als ich sagte: »Es ist mir eine Ehre, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
Ich sagte: »Es war immer mein Traum, Ihnen zu begegnen. Nicht dass das jetzt eine platte Anspielung seien sollte, aber ich liebe ihre Arbeit. Jeder Nachtgeschichte ist absolut einmalig, genial und geistreich.«
Morpheus zeigte weder, dass er mich verstanden, noch dass er mir überhaupt zugehört hatte. Er hatte seinen Blick starr auf Frühling gerichtet – wie ein Nagel der in der Wand geschlagen war – und nichts schien den Blick abwenden zu können.
Ich sagte: »Dazu kommen natürlich noch diese Werke von einem gewissen Gaiman, die mich ebenfalls stark beeindruckt haben.«
Morpheus sagte: »Es ist eine schwere Entscheidung und es wird nicht einfacher, wenn man mir dazwischen labert. Besonders im Anbetracht des Themas.«
Frühling wandte sich zu mir um und sagte: »Du solltest ruhig sein, solange sich die Erwachsenen unterhalten. Vielleicht hat mein Cousin hinterher Zeit für Dich und gibt Dir ein Autogramm mit persönlicher Widmung.«
Etwas leiser und mit einer Hand vor dem Mund sagte ich in Frühlings Richtung: »Kannst Du mir bitte erklären, warum Deine gesamte Verwandtschaft so schlecht auf Menschen zu sprechen ist?«
Frühling flüsterte hinter ihrer Hand in meine Richtung, als sie sagte: »Von meiner gesamten Familie ist eigentlich Morpheus derjeniger, der am besten auf euch zu sprechen ist. Wahrscheinlich ist es bei Dir nur etwas Persönliches. Das solltest Du nicht ernst nehmen.«
Ich sagte: »Wenn es etwas Persönliches ist, dann sollte ich es sehr wohl ernst nehmen. Sonst kann ich mich ja gar nicht verbessern.«
Frühling lachte aus ganzem Hals.
Morpheus Blick verfinsterte sich. Man konnte es nur am äußeren Rand seiner Pupillen sehen.
Er sagte: »Es wird auch nicht einfacher, wenn ihr mich jetzt auslacht.«
Ich sagte: »Sie lacht nicht über Dich, sondern über mich.«
Morpheus sagte: »Ich würde euch nur unter einer Bedingung in die Träume lassen: Beide Träumer müssten einverstanden sein.«
Frühling ließ alle Luft stoßweise aus ihrer Lunge schnellen und sagte dann: »Das macht doch gar keinen Spaß!«
Ich sagte: »Um was geht es hier eigentlich?«
Morpheus wandte sich nicht zu mir, aber ich spührte, dass seine Worte zum ersten Mal an mich gerichtet waren. Er sagte: »Sie will in die Träume von Winter und Herbst. Da wir allerdings nicht in einem Teenie-Roman sind und überdies keiner von euch Silber mit Nachnamen heißt, kann ich das leider nicht erlauben.«
Mit einem schiefen Grinsen sagte Ich: »Wir könnten uns sicherlich im Traum umbenennen lassen?«
Morpheus sagte: »Für jemand, der sich abends an den Computer setzt, solange seine Frau nicht da ist, um merkwürdige Texte zu tippen, bist Du ziemlich vorlaut.«
Ich sagte: »Wollen wir jetzt tatsächlich eine Metaebene eröffnen, in dem der Charakter mit dem Autor spricht? Das ist sowas von abgegriffen, seit Deadpool, Tintenherz und Sofies Welt.«
Morpheus sagte: »Interessante Mischung, wenn man bedenkt, dass Du zwei von den genannten Titeln nur als Film und von dem Dritten nur den Klappentext kennst. Außerdem fängst Du doch damit an, in dem Du das ‚Eindringen in fremde Träume‘ ins Spiel bringst. Das ist doch genauso abgestanden.«
Ich sagte: »Ich würde es nicht als anti-innovativ, sondern als top aktuell ansehen – und es war nicht meine Idee, sondern Frühlings. Was kann ich denn für das Eigenleben meiner Charaktere? Wenn dem Autor die Fantasie durchbrennt und die einzelnen Leute machen was sie wollen, ist das dann grundsätzlich ein Fehler des Schreiberlings?«
Morpheus sagte: »Es gibt Charaktere, die entwickeln sich und sind dann nicht mehr einzufangen. Ein guter Autor hat vorgesorgt und das eingeplant.«
Ich sagte: »Ich hab nicht geplant, dass Du jetzt hier einen Plausch mit mir hältst. Soweit es in meiner Macht steht, erlaubst Du uns den Eintritt in die Träume der zwei, damit die Handlung weiter geht. Wäre ja noch schöner, wenn wir uns hier endlos unterhalten müssten.«
Morpheus drehte sich endlich zu mir und sagte: »Definitiv schlagende Argumente. Ihr solltet jetzt weiter, sonst geht der ganze Mist hier gar nicht zu Ende.«
Unvermittelt sah ich Herbst vor mir stehen. Er lehnte an einem Türrahmen und sah von dort aus in eine Wohnung hinein.
Drinnen waren ein paar Uniformierte, soweit ich das von meiner Position hinter Herbst sehen konnte, die sich wie Ameisen in ihrem Bau benahmen.
Die Tür, vor der Herbst stand, war von außen aufgebrochen worden. Es waren Spuren zu erkennen, die auf grobe Gewalt schließen ließen. Eine halbierte Kette schaukelte von einer Seite in mein Blickfeld. Das waren die Bilder, die ich schon kannte.
Herbst beugte sich zur Kette, um das Schloss zu inspizieren.
Frühlings Stimme, die hinter mir erklang, überraschte mich so sehr, dass ich zusammenfuhr. Sie sagte: »Das wird bestimmt witzig. Wenn wir genügend Chaos veranstalten, wird Herbst stark an sich und seinen Träumen zweifeln.«
Ich sagte: »Dazu sind wir nicht hier. Ich will die Wohnung sehen.«
Frühling huschte an mir vorbei und baute sich vor Herbst auf. Sie bewegte ihre Arme und Beine wie die eines Hampelmanns auf und ab und machte dabei merkwürdige Fratzen.
Ich sagte: »Lass das. Es trifft ihn bestimmt schon schwer genug, dass er im Moment von Dir träumen muss.«
Frühling sagte: »Vielleicht kann ich ihn so sehr erschrecken, dass er ins Bett pinkelt.«
Ich sagte: »Dazu sind wir nicht hier.«
Sie sagte: »Das wäre aber ein riesen Spaß. Ich könnte es doch wenigstens probieren?«
Ich schob mich an Herbst vorbei und durchsuchte selbst die Wohnung.
Ein Gestank lag in der Luft, der mir fast die Sinne raubte. Eigentlich hätte ich darauf gefasst seien müssen. Schließlich hatte ich die Fotos gesehen. Dass es allerdings so sehr stank, damit konnte man einfach nicht rechnen.
Frühling sah mich an und sagte: »Stell Dich nicht so an. So riecht ihr nun mal.«
Ich sagte: »Aber erst, wenn wir ein paar Wochen das Zeitliche gesegnet haben.«
Frühling sagte: »Eigentlich vorher auch nicht viel besser.«
Herbst ging in die Wohnung hinein. Ich folgte ihm und schaute mich um. Die Mäntel, die an der Garderobe hängen sollten, lagen auf dem Boden. Ihre Innentaschen waren nach außen gekrempelt. Selbst wenn ich Frühlings Idee ernsthaft in Betracht gezogen hätte, so war dies definitiv kein Werk eines Wirbelsturms.
Die Schubladen der Schränke waren geöffnet und ihr Inhalt auf dem Fußboden verteilt. Der Spiegel an der Wand war eingeschlagen worden und die Scherben lagen zwischen den Mänteln und dem anderen Plunder.
Die Dinge schienen auf den ersten Blick keinen materiellen Wert zu haben – nur alter sentimentaler Krempel. Ich fragte mich gerade, ob der oder die Einbrecher alle wertvollen Dinge mitgenommen hatten, als ich auf dem Boden eine vollgefüllte Geldbörse sah.
Mein Blick nach Oben verriet, dass die Verkleidung der Deckenlampe  abgerissen worden war. Anscheinend hatte man alle möglichen Verstecke durchsucht.
Der Kleiderschrank war leicht nach vorne gerückt.
Ich sagte zu Frühling: »Wer auch immer hier gesucht hat, er war auf jeden Fall gründlich.«
Ohne direkt auf meine Fragen einzugehen, murmelte Herbst zu sich: »Die Typen müssen nach dem Mord einen gesamten Tag gesucht haben. Solche Durchsuchungen sind enorm zeitintensiv. Außerdem haben sie nicht gefunden wonach sie suchten, sonst wäre die Verwüstung nur auf ein paar Räume beschränkt.«
Überrasch sagte ich zu Frühling, die immer noch vor der Tür stand: »Kann er uns hören?«
Frühling sagte: »Ich hatte gehofft, dass der elende Depri uns hören kann. Dann können wir ihn endlos beleidigen.«
Ich sagte zu Herbst: »Warum glaubst Du, dass es mehr als ein Einbrecher war?«
Er sah mich nicht an, als er sagte: »Soweit ich das sehe, muss es mehr als eine Person gewesen sein. Es ist mehr ein Gefühl, aber ich glaube, dass eine Person alleine, anders gesucht hätte. Vielleicht wäre es hier dann weniger chaotisch.«
Frühling sagte: »Cool er hört uns, ohne uns richtig wahrzunehmen.«
Danach folgten viele Wörter und Sätze von Frühling an ihren Bruder, die ich an dieser Stelle nicht niederschreiben möchte.
Ich ließ Frühling ihre Späße mit ihrem Bruder treiben und sah mich alleine in der Wohnung um.
Es gab keinen Fleck, der nicht chaotisch aussah und durchwühlt worden war. Alle Dinge, die normalerweise in den Schränken standen, lagen auf dem Boden verstreut. Im Wohnzimmer überdeckte eine Schicht Gegenstände das Opfer.
Man sah gerade noch den Umriss und ein wenig weißes Haar durch den drüber liegenden Berg von Dingen.
Das Bild überraschte mich nicht, da ich es schon vorher auf einem Foto gesehen hatte. Der Gestank jedoch überwältigte mich völlig. Ich kann es nicht beschreiben, aber es raubte mir den Atem, so als hätte man die Luft im Raum durch riesige stinkende Generatoren auf einen Schlag nach draußen gesaugt.
Herbst tauchte hinter mir auf. Ein erfahren wirkender Polizist, der gerade in der Küche stand, sagte: »Gegen den Gestank hilft nur die Zeit. Man sollte sich nicht dagegen verschließen. Innerhalb von wenigen Minuten gewöhnt sich die Nase an Alles.«
Herbst sagte in seine Richtung: »Das ist mir bekannt. Außerdem habe ich damit keine Probleme. Ich habe schon Schlimmeres gerochen. Die Ursuppe meiner Mutter hatte eine ganz andere Qualität.«
Ich versuchte, den Rat zu befolgen, und zog die Luft bewusst durch meine Nase. Der Erfolg blieb zunächst aus. Für einen Augenblick war ich kurz davor, mich zu übergeben.
Frühling lachte laut auf, klatschte in die Hände undsagte: »Du vergisst, dass Du träumst. Das Kotzen wird Dir hier nicht helfen. Versuch Dir einfach vorzustellen, dass überall Rosen herumliegen. Vielleicht erscheinen sie dann.«
Vielleicht lag es am Hinweis von Frühling oder vielleicht hatte der Polizist recht, jedenfalls bekam ich kurz darauf wieder Luft und die Übelkeit ließ nach.
Wie auch immer die Alte umgekommen war, es war definitiv kein Selbstmord. Außerdem war sie, dem Gestank zu urteilen, schon einige Tag tot.
Aus der Küche hörte ich jemanden zischend Luft holen.
Ich folgte dem Geräusch und stand neben einem mir unbekannten Beamten, der die Mülltonne geöffnet hatte.
Ein Schwarm Fliegen hatte sich um die Mülltonne im Schrank, in dem der Eimer stand, und an den Wände der Küche versammelt. Der Gestank wurde schlagartig schlimmer. Über die Schulter des Beamten konnte ich im Eimer sich windende Maden auf einem schwarzen Pelz erkennen. Ein Schauer lief mir den Rücken hinab und verzog sich in der Magengrube.
Der Polizist bückte sich, um den Müll genauer durchsuchen zu können. Er nahm eine Gabel, die auf der Spüle lag und stocherte etwas herum. Dann sagte er: »Hier liegt eine tote Katze im Müll.«
Aus einem anderen Zimmer hörte ich eine tiefe Frauenstimme sage: »Wer macht denn so etwas?«
Dann erschien Maria in der Tür. Sie war mit ein paar Schritten in die Küche geeilt und blickte fasziniert auf den Kadaver.
Sie sagte: »Eine fürsorgliche und liebende Besitzerin hätte ihre Katze anders entsorgt. Das müssen der oder die Täter gewesen sein.«
Herbst sagte: »Packt das Ding als Beweisstück ein. Der Gerichtsmediziner soll herausfinden, ob die Katze vor oder nach der Bewohnerin gestorben ist.«
Frühling lachte und sagte: »Stell Dir das mal vor. Sie hatten uns bisher dieses Detail verheimlicht.«
Ich sagte: »Vielleicht hatten sie ja einen Grund dafür.«
Frühling sagte: »Oder dieser ganze Teil entspringt nur Deiner kranken Fantasie.«
Ich sagte: »Ohne meine kranke Fantasie wären wir wohl jetzt nicht an Ort und Stelle. Aber Du hast wohl recht, das hier ist seltsam. Herbst oder Winter hätten mir sicherlich etwas von der toten Katze erzählt. Maria scheint auch etwas zu entsetzt zu sein, um es später vergessen zu haben.«
Schlagartig verdunkelte sich das Zimmer. Ich stand mit Frühling in einem dunklen Raum und wir blickten uns an.

Ein Kommentar zu „Frühling 2016 – Kapitel 2

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