Frühling 2016 – Kapitel 3

Frühling sah mich an und sagte: »Herbst scheint uns aus seinem Traum geschmissen zu haben.«
Ohne den Vorwurf aus meiner Stimme zu entfernen, sagte ich: »Wahrscheinlich hast Du ihn ein wenig zu viel geärgert. Ich habe sowieso keine Ahnung, wie diese Träume funktionieren.«
Frühling sagte: »Bisher hatte ich auch keine Ahnung. Aber ich muss sagen, dass es mir Spaß gemacht hat. Wir sollten das wiederholen.«
Ich sagte: »Die Chancen, dass uns Morpheus noch einmal in einen Traum lässt, sind wahrscheinlich so realistisch, wie einen Islamisten auf einer Play-Boy-Party anzutreffen, der sich in einer Ecke mit dem Papst unterhält.«
Frühling lachte und sagte: »Dann müssen wir wohl selbst lernen in anderer Leute Träume zu kommen. Im Schlaf ist doch alles möglich.«
Ich sagte: »Seine eigenen Träume aktiv zu gestalten ist möglich, allerdings nicht trivial.«
Frühling sagte: »Du klingst wie langweiligstes Bildungsfernsehen kurz nach Acht.«
Ich sagte: »Bisher ist es mir selten geglückt, aber einmal hab ich tatsächlich mal einen Typen, der meinen Traum zu einem Alptraum werden ließ, an meinem ausgestreckten Arm nach oben gehalten und ihn angebrüllt, dass es mein Traum wäre und er sich gefälligst zu verpissen hätte.«
Frühling sagte: »Meine Träume gestalte ich grundsätzlich aktiv. Ich kann Dir ja jetzt ein paar davon zeigen.«
Ich sagte: »Du weißt genau, dass ich auf Deine Scherze nicht stehe. Außerdem haben wir uns doch darauf geeinigt, diesen Mord aufzuklären.«
Frühling sagte: »Dazu habe ich jetzt überhaupt keine Lust mehr. Wenn Du das machen möchtest, dann kannst Du das auch alleine machen. Ich werde mich dann um Lustigeres kümmern.«
Ich sagte: »Wie kommen wir denn aus diesem dunklen Raum raus?«
Frühling sagte: »Wach erst einmal auf.«
Erschrocken riss ich die Augen auf. Wir saßen in meiner Wohnung auf der Couch und sahen uns an.
Dann nickte mir Frühling zu und ging.

Frühling platzte am nächsten Mittag in meine Wohnung, als hätte ich laut um Hilfe geschrien. Mit weit aufgerissenen Augen sah ich sie an.
Bisher hatte ich über den Fotos und den Berichten des Tatorts gebrühte und war keine Spur weiter gekommen. Eigentlich war ich mir sicher, einen Hinweis übersehen zu haben. Irgend ein Detail musste vorhanden sein, dass ich nicht erkannt hatte.
Als Frühling jedoch hineinkam, zuckte ich so stark zusammen, dass mir die Fotos aus der Hand flogen.
Frühling sagte: »Hallo – Was machen wir heute?«
Ich sagte: »Wie Du siehst, sichte ich gerade erneut die Beweismittel. Von der toten Katzen gibt es keine Spur. Entweder war sie nie da oder irgendjemand hat sie aus dem Gedächtnis aller Beteiligten gelöscht.«
Frühling lachte und sagte: »Du bist ja immer noch an diesem Blödsinn interessiert. Ich dachte, wir könnten heute etwas völlig anderes machen.«
Meine Mine entgleiste mir und ich sagte: »Soweit ich Dich verstanden hatte, sollte ich den Mist doch alleine weiter machen und Du wolltest Dich anderer Dinge widmen.«
Frühling sagte: »Das hab ich am Vormittag gemacht. Dann war mir langweilig und ich dachte, ich könnte Dich vielleicht überreden, irgendetwas Dummes anzustellen.«
Ich sagte: »Wie kann man eine tote Katze verschwinden lassen?«
Frühling sagte: »Soweit ich aus Serien wie ‚Breaking Bad‘ gelernt habe, funktioniert das mit Flusssäure ganz gut. Man darf sie nur nicht in Keramik-Behältern aufbewahren.«
Ich sagte: »Als Chemiker kann ich dem nur beipflichten, obwohl ich sicher bin, dass das Zeug nicht durch die Decke tropfen würde. Außerdem ist schon ein Tropfen auf der Haut ausreichend um sich durch sämtliche Knochen im Körper zu fressen. Damit will ich sagen: Ein Tropfen und Du bist tot.
Die beiden Hobby-Chemiker ohne Handschuhe wären damit wohl schon nach einer halben Staffel im Sarg gelandet.«
Frühling sagte: »Klingt lustig. Wo bekommt man das?«
Ich sagte: »Sicherlich nicht im Baumarkt.
Nur falls es Dich interessiert – Natronlauge hätte genau das Gleiche geleistet, nur dass sie nicht so giftig ist. Sie frisst sich allerdings auch durch Keramik.«
Frühling sagte: »Hast Du kein Lösungsmittel für Deinen hartnäckigen und nervigen Fall? Dann könnten wir uns viel Arbeit ersparen.«
Ich lachte freudlos, bis mir das Lachen in Erinnerung an Winter und ihrer Eigenart im Hals stecken blieb und ich sagte: »Wenn das so einfach wäre, würde ich täglich Fettlöser trinken, um mein Übergewicht abzubauen.«
Frühling sagte: »Dagegen hilft nur ein Fett-Burner.«
Ich sagte: »Hab ich auch schon versucht, war mir zu anstrengend.«
Frühling sagte: »Das ist ja auch der Sinn der Sache. Als Jahreszeit in der jeder seine Fitness neu entdeckt, bin ich sowieso der richtige Ansprechpartner dafür.«
Ich sagte: »Fitness ist nicht das Thema, über das ich reden will. Es geht hier immer noch um den Fall der toten Katze.«
Frühling sah mich mit aufgerissenen Augen an und sagte: »Wie Du aussiehst, ist Fitness kein Thema über das Du Dich unterhalten solltest. Außerdem dachte ich, dass es hier um den Fall der alten Dame geht.«
Ich sagte: »Ist ein Teil von meinem Fall. Mich interessiert jetzt erst einmal, wer eine Katze tötet  und sie anschließend aus der Erinnerung aller Teilnehmer löscht.«
Frühling gähnte und zeigte dabei ihre marklos weißen Zähne. Sie hätte Werbung für Zahnreinigung machen können.
Sie sagte: »Das könnte doch auch ganz andere Gründe haben. Wir könnten doch ein wenig in der Gegend herumfahren. Dann kämen wir auf andere Ideen.«
Ich sagte: »Zunächst einmal glaube ich, dass Du eine Fahrt in meinem Wagen nicht genießen würdest. Du bist eher der Typ für Sportwagen und nicht für Billigkarren, die kaum Benzin verbrauchen.
Des Weiteren glaube ich nicht, dass wir den Fall dadurch schneller lösen. Du willst mich doch nur auf andere Gedanken bringen.«
Frühling sagte: »Draußen ist es so schön. Wir könnten eine Menge unternehmen.«
Ich sagte: »Draußen wird ziemlich überbewertet. Drinnen ist das neue Draußen und auch viel praktischer.«
Frühlings sagte: »Sesselpupser und Bürohocker scheinen da eine ganz neue Wahnvorstellung entwickelt zu haben.«
Ich sagte: »Wir haben das Draußen als Bildschirmhintergrund. Das reicht uns normalerweise voll aus.«
Ich sagte: »Was muss ich unternehmen, damit Du Dich wieder auf den Fall konzentrierst?«
Frühling sagte: »Erkläre mir noch einmal worum es geht.«
Ich sagte: »Wir haben einen von innen geschlossenen Raum. Drinnen liegt eine tote Frau. Alle Räume wurden nach dem Tod der Dame durchsucht. Wir können also davon ausgehen, dass die Frau umgebracht wurde.
Im Abfall befindet sich die tote Katze der Alten. Dieses Detail scheinen alle Beteiligte vergessenzuhaben.
Zeitgleich zur Alten stirbt auch ein Räuber im Gefängnis, zu dessen Inhaftierung die Aussage der Frau geführt hat. Die Beute, ein Edelstein, wurde nie gefunden.«
Frühling sagte: »Wir sollten mal im Gefängnis nachfragen. Vielleicht ist es ja leichter den Fall von hinten aufzurollen. Die beiden Tode stecken bestimmt zusammen.«
Ich sagte: »Die gesamte Geschichte hatte ich bis jetzt noch nie so zusammengefasst.«
Frühling sagte: »Du lässt mir sowieso keine Ruhe, bis wir das Rätsel gelöst haben. Dann lass uns doch einfach anfangen.«
Ich sagte: »Du willst nur, dass wir endlich aus dem Zimmer kommen. Wie kam ich auch auf die dumme Idee, dich in einem Raum halten zu wollen?«
Frühling stand auf und ging zur Tür. Sie lachte und winkte mir.
Ich sagte: »Dann lass uns los.«
Vor der Tür sagte Frühling: »Verabscheust Du Serienepisoden auch, die nur aus Rückblenden früherer Episoden bestehen?«
Ich sagte: »Sowas macht doch heute keiner mehr. Heute werden alle Folgen am Stück geschaut. Da braucht man keine Erinnerungen an Früher mehr. Vielleicht ist das bei täglichen Blogs mit durchgängiger Handlung anders, aber sonst kenne ich niemand, der darauf angewiesen wäre.«
Frühling sagte: »Früher hab ich sowas sehr gehasst. Entweder man schaut alles, dann braucht man die Rückblicke nicht oder man lässt es ganz.«
Wie immer koppelte ich mein Handy mit dem Autoradio und schaltete den Streamingdienst meines Vertrauens an. Es erklang ein ziemlich altes Lied. Soweit ich das aus den Augenwinkel sehen konnte, verdrehte Frühling die Augen.
Sie sagte: »Was hast Du denn für alte Kamellen in Deiner Playliste?«
Ich sagte: »Wer in meinem Auto mitfährt, darf sich die Musik ruhig wünschen. Gespielt wird allerdings nur, wozu ich Lust habe.«
Frühling sagte: »Das hier kommt doch direkt aus den 70gern. Ich kenne kaum jemand, der sich sowas noch bewusst anhört.«
Ich sagte: »Ab und zu bin ich aktuell, aber hin und wieder liebe ich auch Klassiker.«
Frühling sagte: »Ich bin Dir gegenüber unendlich alt und trotzdem noch wesentlich frischer, als Du je warst.«
Ich sagte: »Ich danke Dir für das tolle Kompliment. Hättest Du lieber Musik aus dem Mittelalter?«
Sie sagte: »Wir leben in der Welt des Hiphops. Mach doch mal was mit Beat an.«
Ich sagte: »Mit Dir als Beifahrer wünscht man sich, dass das Beamen schon erfunden wäre.«
Frühling lachte und sagte: »Kannst Du Dir überhaupt vorstellen, was das für die Welt bedeuten würde, wenn jeder innerhalb von Sekunden an allen Ortern sein könnte? Denk nur einmal daran, wie oft jeder Mensch in einen Banktresor springen würde, nur um sein Konto auszugleichen.«
Ich sagte: »Das Beamen dürfte natürlich nicht überall erlaubt sein. Banken wären »Beam-freie«-Bereiche. Man würde eine Technologie erschaffen, die einen davon abhält in verbotene Zonen zu springen.«
Frühling sagte: »Das wäre bestimmt der feuchte Traum eines jeden Terroristen.«
Ich sagte: »In der Zeit des Beamens gäbe es kein Terrorismus mehr. Die Menschheit wären so eng beieinander, dass sie sich einfach vermengen würde. Was macht es für einen Sinn Deutscher zu sein, wenn man den Abend am Strand von Hawaii, den Morgen in den Alpen und den Nachmittag im Büro in Amerika verbringen kann?«
Frühling sagte: »Zum Glück sind wir schon angekommen. Sonst müsste ich auf diese Frage noch antworten.«
Frühling tänzelte auf den Eingang zu und schob die schweren Türen mühelos auf. Die riesigen Stahlwände hielt sie wie Schwingtüren einer Puppenstube in einer Hand und winkte mir zu.
Kaum hatte ich sie eingeholt und stand direkt neben ihr, sprang sie rein und ließ den Türgriff los. Nur durch einen beherzten Sprung nach vorne konnte ich einer schweren Verletzung entgehen, während der schweren Flügel hinter mir ins Schloss schlug.
Frühling kicherte. Immer wieder strahlte sie mich an. Am Ende des kleinen Gangs stand ein Wachmann hinter einer wahrscheinlich verstärkten Scheibe. Der Reum in dem wir standen, war eine Art Schleuse und schützte das Äußere vor den Leuten, die drinnen gehalten wurden.
Frühling sagte: »Hallo, wir müssen jemand sprechen, der uns von Dingen erzählen kann, die hier vor 5 Jahren passiert sind.«
Der Beamte sagte: »Wer sind sie und was wollen sie hier genau?«
Ich sah, wie Frühling ihre Show abzog. Ihre Augenlider klimperten in einem merkwürdigen Rhythmus und ihr Körper wand sich, wie der einer Schlange.
Während der erste Polizist, bei dem sie diese Taktik in meiner Gegenwart angewendet hatte, sofort in eine Art Trance verfallen war, zeigte dieser hier keine Regung. Wenn überhaupt möglich wirkte er noch misstrauischer.
Enttäuscht drehte sich Frühling zu mir und sagte, in einer Stimme, die nur ich hören konnte: »Ich glaube, der hier ist schwul. Du müsstest einmal fragen.«
Ich stellte mich vor Frühling und sagte: »Guten Tag Herr Kovac.«, wobei ich den Namen auf einem Aufnäher ablas, den der Mann auf der Brust trug.
Ich sagte: »Wir wollen Informationen über einen Häftling, der vor ca. 5 Jahren in diesem Gefängnis gestorben ist.«
Herr Kovac beäugte mich kritisch. Frühling hielt ihm eine leere Karte unter die Augen und flüsterte mir zu: »Du hättest ruhig etwas flirten können. Das würde unsere Chancen vergrößern.«
Der Beamte hinter dem Tresen hatte sich zur Seite gedreht und hatte ein Telefon abgehoben. Leise sprach er in den Höhrer und lauschte auf Antworten. Dann nickte er in unsere Richtung.
Zu uns gewandt, sagte er: »Der Direktor wird in ein paar Minuten hier sein.«
Ich nickte ihm zu und sagte: »Mir sind ihre gepflegten Hände aufgefallen. Gehen sie regelmäßig zur Maniküre?«
Der Mann sah mich an, als wäre er ein Priester, den ich nach dem Weg zum nächsten Freudenhaus gefragt hätte. Hinter mir fing Frühling laut an zu lachen.
Noch während sich die Farbe in meinem Gesicht von rot auf kalkweiß änderte, war der Direktor bei uns. Er trat durch eine Seitentür und winkte uns, ihm zu folgen.
Nicht lange danach, saßen wir in einem kleinen Büro. Der Mann hatte einige Bilder seiner Familie auf seinem Schreibtisch versammelt, lehnte sich in seinem Sessel zurück und faltete die Hände über seinem nicht vorhandenen Bauch.
Er machte auf mich den Eindruck eines tibetanischen Mönches, der uns gleich mit den neuesten Entspannungstechniken das Ohr abkauen würde. Sein kahlgeschorener Schädel, auf dem sich das Licht der Neonröhre spiegelte, verstärkte das Bild noch. Sein Alter konnte ich nicht einschätzen – er musste zwischen 30 und 60 Jahre alt sein.
Frühling strahlte ihn an und sagte: »Es ist sehr schön, dass sie Zeit für uns haben.«
Der Mann sagte: »Mein Name ist Christoph Meyer. Was kann ich für Sie tun.«
Frühling lächelte ihn an und tat so, als wäre sie vier Jahre alt und wollte von ihrem Vater ein Eis erbetteln.
Sie sagte: »Wir wollten etwas über einen Insassen erfahren, der hier vor ca. 5 Jahren gestorben ist.«
Der tibetanische Mönch lächelte sie an und sagte: »Es geht erneut um den Fall der alten Dame. Wie hieß sie noch gleich?«
Frühling zuckte mit den Schultern, deutete mit einem Nicken in meine Richtung und sagte: »Um die Namen der Opfer hat sich der Schreiber noch keine Gedanken gemacht. Ist ihm bisher gar nicht aufgefallen, aber die alte Dame hat noch keinen Namen.«
Ich sagte: »Du musst nicht unbedingt darauf rumreiten. Ich weiß noch nicht einmal wie der Räuber hieß.«
Der Mönch schüttelte mit zusammengezogenen Mund den Kopf und sagte: »Was ist das nur für eine dilettantische Arbeit.«
Ich sagte: »Nennen wir die Alte doch Klara Koslowski.«
Frühling lachte hell auf. Sie sagte: »Eine Alliteration – wie putzig. Sind wir hier in Entenhausen oder in Smallville?«
Ich sagte: »Donald Duck und Clark Kent sind doch gute Namen? Was willst Du denn?«
Der Mönch griff sich an die Stirn und sagte: »Das macht doch heute keiner mehr. Das ist sowas von abgegriffen. Jeder gute Schreibratgeber warnt davor, so etwas zu machen.« Ich sagte: »In der Kürze der Zeit fällt mir nichts Besseres ein. Also bleibt es dabei.«
Frühling sagte: »Na fein und wie nennen wir den Räuber?«
Ich sagte: »Da fällt mir bestimmt etwas ein.«
Frühling sagte: »Wenn Du mit den Alliterationen weitermachen möchtest, würde ich den Räuber Roland Richter nennen.«
Ich sagte: »Damit kann ich leben.«
Der Direktor sah mich prüfend an und sagte: »Es ist übrigens keine gute Schreibkunst, sich Namen für Figuren erst während des Schreibens auszudenken.«
Ich sagte: »Normalerweise plane ich die Geschichten im Voraus und erarbeite Charakterbögen, auf denen ich Eigenheiten der Figuren festhalte. Jede Person hat dann ihr eigenes Vorleben und die Namen stehen fest.«
Frühling sagte: »Die Namen Deiner Nebencharaktere sind ebenfalls reichlich einfallslos. Ist Dir aufgefallen, dass man aus den Vor- und Nachnamen der Typen dieser Geschichte, den Namen ›Christoph Maria Herbst‹ legen kann?«
Ich sagte: »Was willst Du denn? Ist doch einer der besten deutschen Schauspieler zur Zeit.«
Frühling sagte: »Ich bin schon froh, dass Du mich nicht Till genannt und dem Gefängniswärter hinter dem Tisch  den Nachnamen ›Schweiger‹ verpasst hast.«
Der tibetanische Mönch warf die Stirn in Falten und sagte: »Können wir uns jetzt vielleicht wieder um die Geschichte kümmern und nicht über mich sprechen, als wäre ich nicht anwesend? Außerdem geht es mir auf die Nerven, dass man mich tibetanischer Mönch nennt. Wie wäre es mit Direktor Meyer?«
Ich sagte: »Ab jetzt gelobe ich Besserung. Auch ist es ein prima Einfall, endlich wieder zur Geschichte zurückzukommen. Frühling schafft es immer wieder, mich von der eigentlichen Handlung abzulenken.« Mein Lächeln war vielleicht eine Spur zu schief. Ich fühlte mich, als wäre mir ein Kleinwagen über den Fuß gefahren oder als hätte mich mein Lehrer beim Abschreiben erwischt.
Frühling sagte: »Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich die Geschichte weder für besonders innovativ noch für besonders spannend halte.«
Mein Kopf sank auf die Brust. Leise sagte ich: »Auch hier gelobe ich Besserung. Lass uns abwarten, was der Direktor zu sagen hat.«
Der Direktor schlug mit den Händen auf den Tisch. Er sagte: »Der Tod von Herrn Richter ist mysteriös. Der Gerichtsmediziner sagte, dass die Todesursache eine natürliche war. Man konnte keinen externen Einfluss auf sein Ableben feststellen.
Trotzdem war seine Gefängniszelle völlig verwüstet.
Wir fanden ihn am Morgen auf dem Boden liegend. Alle Bilder waren von der Wand gerissen und alle Bücher waren aus den Regalen gefegt. Kein Gegenstand stand mehr an seinem Ort. Dabei war am Abend vorher nichts Ungewöhnliches festgestellt worden.
Die Zellentür war in der Nacht nicht geöffnet worden. Herr Richter hatte vor und während seines Todes keinen Besuch.
Wir können uns nur vorstellen, dass er einen Herzanfall hatte und in seinem Todeskampf seine Zelle verwüstete. Unerklärlich ist hingegen, warum er nicht um Hilfe gerufen hat.
Eine Erklärung hierfür habe ich nicht.
Es bleibt dabei – die Sache ist reichlich dubiose.«
Frühling sagte: »Zwei Personen, die gleichzeitig starben. Bei beiden wurden die Zimmer verwüstet und beide starben scheinbar auf natürlich Art.«
Ich sagte: »Ich hatte Dir doch versprochen, dass die Geschichte interessant werden könnte.«
Frühling sagte: »Wir suchen einen Mörder, der etwas sucht und durch geschlossene Türen gehen kann. Das ist immer noch nicht besonders innovativ. Ich könnte schwören, dass Sherlock Holmes auch schon einmal so einen Fall hatte.«
Ich sagte: »Wie hat er diesen Fall gelöst?«
Frühling sagte: »Es geht immer darum alles auszuschließen und das, was noch übrig bleibt, muss die Lösung sein, wie abwegig sie auch immer ist.«
Ich sagte: »Vielleicht können wir die Geschichte ja noch unterhaltsamer gestalten.«
Frühling gähnte und sagte: »Ich wüsste nicht wie.«
Ich sagte: »Was wissen sie über den Raubüberfall, für den Roland Richter hinter Gitter saß?«
Der Direktor sah mich groß an, als hätte ich ihn unvermittelt nach seiner Schuhgröße gefragt. Ich für meine Seite, fand die Frage weniger überraschend. Er schüttelte sich, und sagte: »Wir wissen nicht viel. Roland Richter und sein Komplize sind gegen Mittag in ein Juweliergeschäft eingedrungen. Beide waren maskiert und bewaffnet.
Im Laden waren Frau Koslowski, Herr Koslowski und der Juwelier. Nachdem die Räuber die Vitrinen leer geräumt hatten, zwangen sie den Juwelier dazu, den Tresor zu öffnen. Die Beiden waren wohl nicht unter Zeitdruck oder wussten, was sich im Tresor verbarg.
Frau Koslowski diente den Beiden als Geisel.
Im Tresor lag, neben unbehandelten Diamanten und Gold, noch ein merkwürdiger Edelstein, den der Juwelier erst einen Tag vorher erhalten hatte. Er wollte ihn in einen Ring oder einen Anhänger einfassen. Der Stein wurde von ihm später mehrmals als unbezahlbar wertvoll bezeichnet.
Beim Verlassen des Ladens versuchte Herr Koslowski, seine Frau zu befreien. Es kam zu einem kurzen Handgemenge und einem Schuss, der Herrn Koslowski tödlich verletzte. Der gerufene Notarzt konnte später nur noch seinen Tod feststellen.
Durch die Aussage von Frau Koslowski über Tätowierungen, die sie erkennen konnte, wurden die beiden Räuber überführt.«
Ich blickte zu Frühling und sagte: »Meinst Du, der zweite Räuber benötigt auch einen Namen?«
Frühling zuckte mit den Schultern und sagte: »Von mir aus, braucht er keinen. Wäre dies hier hohe Literatur, hätte er vielleicht sogar einen eigenen Handlungsstrang mit eigener Perspektive. Für hier, soll es reichen.«
Ich ließ mir die Adresse des Juweliers geben. Der merkwürdige Edelstein hatte meine Neugier geweckt.
Leise sagte ich zu Frühling: »Den Laden sollten wir als Erstes besuchen. Vielleicht finden wir eine weitere Spur.«
Frühling lächelte und sagte: »Wenn Du mich noch mehr langweilen möchtest, können wir das gerne machen. Ich möchte allerdings bemerken, dass es Lustigeres zu unternehmen gäbe. Wir könnten uns z.B. die Gesichter anmalen und anschließend das Kriegsbeil ausgraben. Danach reiten wir zum nächsten Milchbauern und beschimpfen ihn als Bleichgesicht.«
Der Direktor erhob sich und sagte: »Wenn sie sonst keine Fragen mehr haben?«
Er blickte uns durchdringend an und schien in unseren Gesichtern lesen zu wollen.
Ich sagte: »Wann war denn dieser Raub?«
Der Direktor sagte: »Es muss ungefähr vor 25 Jahren gewesen sein. Das war vor meiner Zeit.«
Ich erhob ich ebenfalls und sagte: »Dann saß der Typ mehr als 20 Jahre hinter Gittern? Für einen Raub mit Totschlag erscheint mir das ziemlich viel.«
Der Direktor zuckte mit den Schultern und sagte: »Die Beiden waren schon vorher straffällig geworden. Als Wiederholungstäter wollte man sie lange genug wegsperren.«
Ich blickte den Direktor direkt in die Augen und sagte: »Wir haben noch gar nicht über den jungen Mann gesprochen, der Herrn Richter im Gefängnis besucht hat.«
Der Direktor zog die Augenbraun hoch. Er sagte: »Von einem jungen Mann, der vor dem Tod zu Besuch kam, weiß ich nichts.«
Ich sagte: »Winter hatte mir davon erzählt. Sie hielt den Knaben für den Sohn von Herrn Richter und Frau Koslowski.«
Der Direktor schüttelte den Kopf und sagte: »Das ist mir neu. Erst einmal hat Herr Richter niemals Besuch bekommen und soweit ich weiß, hatte Frau Koslowski keine Kinder. Da sie Herrn Richter nicht im Gefängnis besucht hat, kann er auch kein Kind gezeugt haben.«
Jetzt wirkte Frühling irritiert. Sie sagte: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Schwester sich den Jungen nur ausgedacht hat.«
Wir verabschiedeten uns und gingen zum Auto. Frühling schien aufgebracht und irritiert. Sie sagte: »Es ist eine Sache uns eine tote Katze vorzusetzen. Aber wie bekommt man Winter dazu, etwas zu glauben, was gar nicht da war.«
Ich sagte: »Das ist wirklich eine harte Nuss. Aber schön, dass ich endlich Dein Interesse geweckt habe.«
Frühling stieß die Autotür auf, als wollte sie sie aus den Angeln reißen. Als sie saß, zog sie sie mit einem Knall zu.
Als ich langsam einstieg, sah sie mich groß an. Ihre Augen funkelten und sie hatte das Lächeln eines Raubtiers auf den Lippen.
Bei ihrem Anblick verschluckte ich die Bemerkung, dass sie mit meinem Auto bitte vorsichtiger umgehen solle.
Sie sagte: »Der Fall ist immer noch stinkend langweilig. Ich stehe nun mal nicht auf Krimis. Da kannst Du machen, was Du willst.
Ich bin nur sauer, dass irgendjemand meine Schwester verarscht und ich nicht vorher auf die Idee gekommen bin. Wer auch immer das war, ist mir auf jeden Fall einen Schritt voraus.«
Ich sagte: »Wir sollten vielleicht noch einmal Maria fragen.«
Bevor ich das Auto startete, wählte ich die Nummer und Maria meldete sich in der Freisprecheinrichtung.
Ich sagte: »Maria, erinnerst Du Dich an den Verdächtigen, den uns Winter nannte? Sie sagte, dass die alte Frau und der Räuber zusammen einen Sohn gehabt hätten.«
Maria sagte: »Daran kann ich mich nicht erinnern. Soweit ich weiß hatte Frau Koslowski keine Kinder. Sie war verwitwet und alleine.«
Ich sagte: »Erinnerst Du Dich an eine tote Katze, in der Wohnung der Alten?«
Am anderen Ende wurde es leise. Kurz bevor ich fragen wollte, ob noch jemand in der Leitung ist, sagte Maria: »Ich erinnere mich an die Katze. Es ist nur komisch, dass ich es vergessen hatte. Jetzt wo Du es sagst – da war eine Katze in der Mülltonne.
Wir haben das nicht weiter untersucht, aber ich weiß nicht warum. Das war einfach weg.«
Nachdem ich Maria gedankt und sie verabschiedet hatte, legte ich auf und startete den Motor.
Frühling sah mich entgeistert an. Sie sagte: »Wohin willst Du jetzt?«
Ich sagte: »Ich will zum Juwelier. Der ganze Fall wird immer seltsamer. Hoffentlich bekommen wir dort ein wenig Klarheit in die trübe Brühe, die man uns vorgesetzt hat.
Wo auch immer wir nachschauen, alles schein mysteriös und dubios. Eine tote Katze, die jeder vergessen hat, ein Täter, an den sich nur eine Person erinnert und der geschlossene Raum.«
Frühling sagte: »Das Letzte ist kein Problem, wenn ich genau darüber nachdenke.«
Die Autos vor mir wurden langsamer. Ich blickte kurz zu Frühling und sagte: »Kennst Du denn jemand, der sich durch Wände bewegen kann?«
Die Ampel wechselte gerade von Rot auf Grün, während ich hinter einem noch stehenden roten Ford langsamer wurde. Frühling sagte: »Durch Wände, Türen und durch Decken ist keine Herausforderung.«
Ich blickte sie irritiert an und merkte im gleichen Augenblick, dass sie nicht mehr neben mir saß.
Ein Auto hupte hinter mir. Ich blickte irritiert von der einen Seite auf die andere. Frühling war einfach verschwunden.
Das Auto hupte noch einmal. Fluchend ließ ich die Kupplung kommen und fuhr los. Mein Wagen rollte über die Kreuzung. Immer noch blickte ich mich irritiert um.
Plötzlich entdeckte ich im Gegenverkehr einen winkenden Beifahrer.
In dem mir entgegenkommenden Auto saß Frühling auf dem Beifahrersitz und winkte lächelnd. In dem Gesicht des Fahrers hingegen spiegelte sich nackte Panik.
Er hatte anscheinend nicht damit gerechnet, dass plötzlich jemand neben ihm auftauchte.
Als der Wagen an mir vorbeigefahren war, hörte ich es hinter mir scheppern und unvermittelt saß Frühling wieder neben mir.
Sie lachte laut auf und sagte: »Das sollten wir öfter machen. Das war wirklich lustig.«
Ich sagte: »Für den armen Typen war es der absolute Schock.«
Frühling sagte: »Wahrscheinlich hatte er mit so einer hübschen Beifahrerin nicht gerechnet. Der sah nicht so aus, als würde er sonst schnell Bekanntschaft mitgut aussehenden Frauen schließen, auch wenn er das sicherlich verzweifelt will.«
Ich sagte: »Wie auch immer.«

Ein Kommentar zu „Frühling 2016 – Kapitel 3

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