Frühling 2016 – Kapitel 4

Ich sagte: »Wenn es eine Bewerbung für den Hauptverdächtigen gäbe, hättest Du gerade die Stelle angetreten.«
Frühling sah mich mit großen Augen an. Ich sagte: »Dein Hundeblick hilft Dir jetzt auch nichts. Wenn ich die Fakten zusammenzähle, dann bist Du auf jeden Fall ganz vorne.
Zunächst versuchst Du mich schon die ganze Zeit von dem Fall abzubringen. Wenn es nach Dir ginge, hätten wir keine Untersuchung angefangen. Deine Ausreden, dass Du keine Krimis magst, war schon immer sehr dürftig.
Dann kannst Du, genauso wie der Täter, durch Wände springen. Du hättest also sowohl die alte Dame, wie auch den Räuber in seiner Zelle überwältigen können.
Bleibt noch der angebliche Täter, den Winter sich einbildet. Du sagst selbst, dass Du gerne selbst auf die Idee gekommen wärst. Das sagst Du bestimmt nur, um auf Deine eigene Größe anzuspielen und von dir abzulenken.«
Frühling pustete die Luft in einem Stoß aus. Dann sagte sie: »Dann fehlt Dir nur noch das Motiv und Du kannst Dich beruhigt hinlegen. Es ist übrigens nicht besonder schlau, ein höheres Wesen zu erklären, dass es die Hauptverdächtigte ist. Wäre ich jetzt sauer, würde ich Dich in Deinem Zimmer meucheln und die Tür von innen verschließen. Das würde die Ermittler sicherlich vor ein Rätsel stellen. Wer weiß, ob man Herbst oder Winter darauf ansetzen würde.«
Ich sagte: »Du gibst es also zu?«
Frühling klang genervt und gelangweilt. Sie sagte: »Warum soll ich die alte Frau ermordet haben? Es macht wesentlich mehr Spaß, mit euch zu spielen, als euch zu zerstören. Das Zerstören ist eher Winters Spiel. Ich bin dafür zuständig, dass alles neu erblüht. Außerdem ist der Umstand, dass Winter und Herbst Kommissar spielen, wesentlich außergewöhnlicher, als meine Abneigung dagegen. Wir mischen uns nicht gerne in die Angelegenheiten der Menschen ein. Wir haben unsere eigenen Jobs.«
Ich sagte: »Ausflüchte helfen Dir jetzt nicht weiter. Du bleibst auf jeden Fall auf der Liste.«
Ich sah Frühling an. Frühling sagte: »Die gesamte Geschichte ist Mist.« Dann schwieg sie.
Der Straßenverkehr zwang mich dazu mich erneut auf die Straße zu konzentrieren. Abgelenkt sagte ich: »Was meinst Du?«
Sie sagte: »Deine Erzähltechnik ist grauenvoll. Dieser Deus-ex-Machina Kniff z.B., den Du genutzt hast, um in den Traum von Herbst reinzukommen. Das macht ein guter Autor nicht.«
Ich sagte: »Wir konnten uns doch auch nicht ewig mit dem Sandmann unterhalten. Das hätte man mir sicherlich verübelt.«
Frühling sagte: »Blah, Blah, Blah!«
Ich sagte: »Wenn Du es anders machen willst, dann hättest Du es doch schreiben können. Was fällt Dir eigentlich ein, mich ständig zu kritisieren.«
Sie sagte: »Achte besser auf die Straßen. Du willst doch sicherlich gesund ankommen.«
Nur durch heftiges Bremsen konnte ich meinen Wagen noch stoppen. Fast wären wir in das Auto vor uns gerauscht.
Frühling sagte: »Dann kommt die gesamte Misere mit den Namen dazu. Was hast Du Dir eigentlich vorher gedacht?«
Ich sagte: »Hast Du schon einmal etwas vom entdeckenden Schreiben gehört?«
Frühling blies die Luft geräuschvoll durch ihre lockeren Lippen und klang ein wenig wie ein Trecker kurz vor dem Ausschalten.
Ich sagte: »Du lenkst mich nur schon wieder vom Fall ab.«
Den Blinker setzend wartete ich auf eine Lücke im Gegenverkehr. Dann bog ich auf den Parkplatz und stellte meinen Wagen in die erste freie Parklücke.«
Frühling sagte: »Vergiss nicht, Geld in den Automaten zu werfen. Wäre doch recht schade, wenn wir nach Hause laufen müssten.«
Ich sagte: »Hast du jetzt daran Gefallen gefunden, mich pausenlos zu kritisieren?«
Frühling sagte: »Auf die Dauer macht das richtig Spaß.«
Als wir in den Laden kamen, wurde mir schlagartig bewusst, dass es schwer werden würde, hier Informationen zu erhalten.
Der gesamte Innenraum bestand aus unzähligen Spiegeln, die das Licht der Lampen tausendfach reflektierte und dem Kunden das Gefühl vermittelte, im Inneren der Sonne zu stehen. Jeder Zentimeter war sauber und alles vermittelte das Gefühl des Neuen.
Hinter einer niedigen Vitrine stand eine junge Frau und blickte uns höflich an. Frühling steuerte zielbewusst auf sie zu. Noch bevor sie etwas sagen konnte, meinte die Verkäuferin: »Das ist aber nett, dass der Vater etwas für seine Tochter kaufen möchte.«
Der Sympathie-Faktor, den ich der adretten Blondine gerade noch verliehen hatte, war schlagartig verraucht.
Frühling lachte glockenhell und sagte: »Papi ist heute wegen etwas anderem hier. Der alte Geizhals lässt nur selten etwas springen. «
Leise, so dass die Verkäuferin mich nicht hören konnte, sagte ich: »Das hat keinen Zweck. Das hier ist alles viel zu neu und die Dame zu jung. Sie wird sich nicht daran erinnern können, was vor 25 Jahren passiert ist.«
Die junge Dame hatte entgegen meiner Einschätzung allerdings überirdisch gute Ohren und sagte: »Was ist denn hier vor 25 Jahren passiert?«
Frühling sagte: »Wir sind hier wegen eines Raubüberfalls.«
Ein Schatten wanderte über das Gesicht der Verkäuferin. Sie sagte: »Sie fragen nach dem Raubüberfall, von dem mein Vater immer erzählt hat?«
Ich sagte: »Sie sind die Tochter? Können wir uns vielleicht mit ihrem Vater unterhalten?«
Die Blondine warf ihre Mähne von einer Seite in die nächste und sagte: »Mein Vater ist schon fünf Jahre tot.«
Ich sagte: »Das ist schlimm. Wir brauchen dringend Informationen zu dem Verbrechen.«
Die Stimme der Blondine klang wie ein Hammer, den man auf einen Eisblock gehauen hatte, als sie sagte: »Mein Vater hat mir immerzu von dem Verbrechen erzählt. Warum wollen sie etwas dazu wissen?«
Frühling sagte: »Ist so eine Manie von ihm. Er meint, er könnte das lösen, was überirdische Kräfte vorher nicht konnten. Ich sag ihm schon die ganze Zeit, dass er es sein lassen sollte. Aber er hört einfach nicht auf mich.«
Ich rollte mit den Augen. Dann sagte ich: »Wir untersuchen einen Fall. Vor Fünf Jahren ist die Zeugin des Raubüberfalls auf mysteriöse Weise verstorben. Die Wohnung, in der man das Opfer fand, war von innen verschlossen. Der Pathologe konnte keine Fremdeinwirkung feststellen und trotzdem wird von einem Mord ausgegangen, da nach dem Tod der alten Frau, ihre gesamte Wohnung durchsucht wurde.
Zeitgleich zu dem ersten Opfer starb der Räuber im Gefängnis unter ähnlichen Umständen – erneut ein verschlossener Raum, erneut ein durchsuchtes Zimmer.«
Die Blondine vor mir, hatte auf einmal eine ähnlich helle Hautfarbe, wie die Farbe ihrer Haare angenommen. Ihre Augen waren aufgerissen, als hätte sie beim Öffnen des Kühlschranks ein Pinguin angefallen. Sie sagte: »Mein Vater ist ähnlich gestorben. Die Wohnung war durchsucht worden. Jedoch nahm man an, dass mein Vater vor seinem Tod die Wohnung durchwühlt hatte. Er war schon alt und ein wenig verwirrt.
Ich habe der Polizei immer gesagt, dass es nicht seine Art war, doch man wollte mir nicht glauben.«
Frühling sagte: »So langsam entwickelt es sich zu einem Massenmord. Alle Zeugen wurden aus dem Weg geschafft. Irgendwer hat kräftig aufgeräumt.«
Ich sagte: »Vielleicht hast Du ja Glück und mich trifft es als Nächsten.«
Frühling sagte: »Ich würde in Deinem Fall nicht nach dem Mörder suchen, solange ich sterblich wär.«
Ich sagte: »Nicht wenn Du es selbst warst. Dann hättest Du sowieso  keine Motivation, das Rätsel zu lösen.«
Die Dame vor uns blickte uns fragend an. Ich sagte: »Bitte verzeihen Sie uns. Die Tode hängen alle miteinander zusammen. Gemeinsam haben sie diesen Raum von vor 25 Jahren.«
Der Verkäuferin glitzerte eine Träne am Rand ihrer Augen, die sie mit einem Tempo unbeholfen wegwischte. Dann sagte sie: »Mein Vater erzählte immer wieder von diesem Raub.
Eigentlich nicht unbedingt von dem Raub, sonder über diesen merkwürdigen Stein und seinem Auftauchen.
Der Stein erschien zwei Tage vor dem Raub. Mein Vater konnte sich nie erklären, wo er hergekommen war. Er war einfach da und mein Vater wusste instinktiv, was er mit ihm anfangen musste.
Als ich klein war, war es seine Gutennachtgeschichte und als ich älter wurde, schmückte er sie mit immer neuen Details aus.
Der Stein soll ihm zuvor erschienen sein. Es war wie eine Eingebung – wie das Wort Gottes.«
Die Dame schnäuzte sich dezent die Nase, dabei wendete sie sich leicht von uns ab.
Leise sagte ich zu Frühling: »Müssen wir Gott jetzt auf die Liste der Verdächtigen packen?«
Frühling sagte: »Ich freue mich darauf, wenn Du ihn verhaftest. Das könnte etwas umständlich werden.«
Ich sagte: »Es gibt einen Gott?«
Frühling sagte: »Keine Ahnung. Gerade das macht seine Ergreifung ja so spannend.«
Die Dame hinter der Vitrine sagte: »Er wusste, dass er eine Fassung für einen Anhänger für den Stein machen musste. Die Fassung selbst sollte aus Titan sein.
Als er die Fassung gerade fertig hatte und den Stein einsetzten wollte, kamen die Räuber in den Laden.
Mein Vater war sich sicher, dass es die Räuber damals nur auf den Stein abgesehen hatten.«
Ich sagte: »Was war das für ein Stein?«
Sie sagte: »Mein Vater kannte das Material nicht. Er sagte, er hätte in seinem ganzen Leben keinen zweiten davon gesehen und nie etwas, was vergleichbar schön wäre.«
Ich sagte: »Haben sie die Fassung noch und können wir sie sehen?«
Die Verkäuferin sagte: »Mein Vater trug die Fassung an einer Ketter, sein gesamtes Leben. Ich habe sie hinten im Laden, wenn sie sich etwas gedulden, hole ich sie.«
Wir nickten und die Damen drehte sich um.
Frühling sagte: »Nerven Dich Rückblenden in Romanen eigentlich auch so?«
Ich sagte: »War das jetzt eine versteckte Kritik?«
Frühling sagte: »Dieses ganze Gelaber über einen Fall, welcher immer weiter zurück liegt, macht mich ganz irre. Warum kannst Du nichts ermitteln, was noch passieren wird oder gerade passiert?«
Ich sagte: »In den Schreibratgebern steht, dass man Rückblenden vermeiden sollte, wenn man es nicht kann. Aus eigener Erfahrung muss ich sagen, dass mich Rückblenden in Geschichten eigentlich eher stören.«
Frühling sagte: »Und warum machst Du sie dann? Hier wird ja nur darüber geredet, was vor Jahrzehnten passiert ist.«
Ich sagte: »Lässt sich in dem Fall kaum vermeiden. Außerdem hätten wir es ändern können, wenn uns Morpheus öfter in die Träume der Beteiligten lassen würde. Der ziert sich allerdings wie eine kleine Diva.«
Frühling sagte: »Die Kinder wollten damals nie mit ihm spielen. Auf dem Schulhof war er immer alleine.«
Ich sagte: »Das hätte ich jetzt nicht gedacht.«
Frühling sagte: »Du glaubst auch Alles. Als wir jung waren, gab es weder andere Kinder noch Schulhöfe.«
Ich sagte: »Aber ihr habt ihn bestimmt trotzdem gemobbt.«
Frühling sagte: »Thematisch waren wir bei den Rückblenden.«
Ich sagte: »Wenn ich jetzt einfach versuche, sie für den Rest der Geschichte zu vermeiden, würde Dir das gefallen?«
Frühling sagte: »Von mir aus. Aber gibt Dir Mühe.«
Frühling sagte: »Ist es nicht leichtsinnig, uns mit dem gesamten Schmuck alleine zu lassen?«
Eine Stimme erklang gleich hinter der Tür zum Hinterzimmer, die sagte: »Hier ist alles Video-Überwacht. Selbst wenn sie sich bedienen würden, wir hätten sie dabei auf Film.«
Frühling sagte: »Toll ich wollte immer mal ins Kino.«
Die Dame im Hinterzimmer sagte: »Ich hab es gefunden.«
Dann kam sie siegessicher durch die Tür und hielt an einer Kette einen Anhänger in die Luft. Anschließend legte sie ihn vor uns auf die Vitrine, die als Tresen diente.
Die Fassung war edel aber schlicht. Es waren keine Verziehrungen zu erkennen. In der Mitte war eine Öffnung von der Breite meines Daumennagels.
Das Metall fühlte sich kalt an.
Ich drehte die Fassung in meiner Hand und hielt sie gegen das Licht. An der Rückseite waren Kratzer zu erkennen.
Die Verkäuferin sagte: »Mein Vater sagte, dass er irgendetwas eingravieren sollte, nachdem er den Stein eingefasst hatte. Ich kann mich allerdings nicht mehr an die Worte erinnern. Irgendetwas mit Nacht oder Dunkelheit.«
Ich sagte: »Wie sah der Stein denn aus?«
Frühling sagte: »Was war mit den Rückblicken?«
Ich sagte: »Bitte entschuldigen sie. Wie sieht der Stein denn aus, falls es ihn noch gibt?«
Die Dame sagte: »Er war schwarz, jedoch durchsichtig. Im Inneren war ein Einschluss, der gegen das Licht violett funkelt.
Egal wo ich gesucht habe, bisher habe ich von keine Edelstein eine Beschreibung gefunden, die der meines Vaters gleicht.«
Ich bedankte mich und wir verabschiedeten uns.
Auf dem Weg zum Auto sagte Frühling: »Bist Du sicher, dass Du alle Informationen hast, die Du von der Verkäuferin bekommen konntest?«
Ich sagte: »Für lange Diskussionen hab ich einfach keine Zeit. Schließlich wollen wir den Fall abschließen, bevor der Sommer anfängt. Wie sollte ich erklären, dass das nicht funktioniert hat, nur weil wir irgendwo die Zeit verplempert haben.«
Frühling sagte: »Deine anfänglichen Texte haben mir besser gefallen. Da konnte man jeden Tag starten und hat nie etwas verpasst, wenn man mal ne Woche nicht aufgepasst hat. Fast so wie die Känguru Chroniken«
Ich sagte: »Du hast das Buch gelesen?«
Frühling sagte: »Nein, ich hab das Hörbuch gehört.«
Ich sagte: »Und wie sind die?«
Wir waren am Auto angekommen und ich öffnete die Türen durch einen Druck auf den Funk-Öffner an meinem Schlüsselbund. Frühling öffnete die Tür und setzte sich, ich tat es ihr gleich.
Sie sagte: »Das Buch ist wesentlich witziger als die Texte, die Du schreibst.«
Ich sagte: »Das ist doch ein ganz anderes Konzept.«
Sie sagte: »Geht so – Autor unterhält sich mit fiktiver Person und das halbwegs spaßig.«
Ich sagte: »Aber wir lösen auch noch einen Fall.«
Frühling sagte: »Womit wir zu dem Alleinstellungspunkt kämen. Für mich eine ziemlich schwache Nummer. Dir fehlt dabei der Witz.«
Ich sagte: »Deine Kritik an dem Fall hören einfach nicht auf. Das macht Dich immer suspekter.«
Frühling wirkte verletzt. Sie sagte: »Wenn ich schon die erste Steigerungsform, eines ungeläufigen Verbs seien muss, dann wäre ich lieber penetranter.«
Ich sagte: »Haben wir jetzt eigentlich genügend Indizien, um den Mörder zu überführen?«
Frühling sagte: »Bisher haben wir eher genügend Fragen, um ein Buch damit zu füllen.«
Ich sagte: »Es fing mit dem Raub an. Es ist klar, dass der Mörder den Stein bei den Opfern gesucht hat.«
Frühling sagte: »Glaubst Du, dass er die Opfer umgebracht hat, weil sie im Weg waren?«
Ich sagte: »Da bin ich mir noch nicht sicher. Sie wurden auf jeden Fall nicht gefoltert.«
Frühling sagte: »Sie wurden nur augenscheinlich nicht gefoltert. Es gibt genügend Wege jemanden zu foltern, ohne dass es Spuren hinterlässt.«
Ich sagte: »Glaubst Du, dass der Pathologe keine Spuren gefunden hätte?«
Frühling lächelte.
Im Radio lief Nevermind von Nirvana und ich wippte mit den Füßen zum Takt. Frühling sagte: »Man kann Leute schon durch die falsche Musikauswahl in den Wahnsinn treiben.«
Ich sagte: »Ist das jetzt eine Anspielung auf das, was im Radio läuft?«
Frühling sagte: »Es wäre ganz leicht, auf Volksmusik umzuschalten.«
Ich sagte: »Das wäre schon ein Schritt zu heftig. Wenn man mich in den Selbstmord treiben möchte, brauchte man nur Björk anspielen. Das treibt bei mir immer das Selbstmitleid aus allen Poren.«
Frühling sagte: »Mir fallen auch noch viele andere Methoden ein, um Menschen zu brechen.«
Ich sagte: »Es ist also möchlich, dass die Opfer zunächst gefoltert wurden. Meinst Du, dass der Täter den Stein gefunden hat?«
Frühling sagte: »Wir können nur hoffen, dass er oder sie es nicht gefunden hat. Dann hätten wir eine Chance ihn zu fassen.«
Wir brauchten nicht mehr lange, bis wir bei mir zuhause ankamen. Leider gestaltete sich die Parkplatzsuche ähnlich abenteuerlich, wie ich das in diesem Blog schon einmal beschrieben habe.
Vom Wagen bis zur Haustür benötigten wir fast 10 Minuten, in denen sich Frühling höllisch über die geringe Parkplatzdichte in unserer Gegend aufregte.
Ich sagte: »Wenn ihr doch meint, dass es so schwer ist mich zu besuchen, warum habt ihr das dann gemacht?«
Frühling sagte: »Es sollte eine Herausforderung sein. Außerdem bin ich nicht mit dem Auto hier.«
Als wir zurück im Wohnzimmer waren und uns auf die Couch setzen, sagte ich: »Was machen wir jetzt. Du hast gesagt…«
Frühling sagte: »Wir wollten doch keine Rückblenden mehr einbauen.«
Ich sagte: »Gut – Du deutest an, dass wir eine Chance hätten, solange der Täter immer noch nach dem Stein sucht.«
Frühling sagte: »Das stimmt «
Ich sagte: »Dann erkläre mir jetzt wie diese Chance zu nutzen ist.«
Mit einer fließenden Bewegung zog Frühling die Kette mit der Fassung aus der Tasche. Sie hielt sie in die Höhe und ließ sie im Schein der letzten Sonne leuchten.
Ich sagte: »Das hast Du mitgehen lassen?«
Frühling lachte und sagte: »War ganz leicht, die hat einfach nicht genug darauf aufgepasst.«
Ich sagte: »Du solltest die Kette zurückbringen, wenn wir damit fertig sind.«
Frühling sagte: »Das überlege ich mir noch einmal.«
Sie lehnte sich zu mir hinüber und ließ die Kette in meine ausgestreckte Hand gleiten. Dann sagte sie: »Wenn wir so tun, als hätten wir den Stein und wollten ihn in die Fassung einbringen, dann könnten wir das Interesse des Täters wecken.«
Ich sagte: »Eine clevere Idee.«
Frühling lächelte und sagte: »Kam ja auch von mir.«
Ich sagte: »Wie wollen wir das anfangen? Wo müssen wir bekanntgeben oder bei wem sollten wir angeben, dass wir den Stein haben könnten?«
Frühling sagte: »Diese Sprünge durch verschlossene Türen – Ich bin mir sicher, dass es ein Unsterblicher war, der hier seine Hände mit ihm Spiel hatte.«
Ich sagte: »Einer der Katzen in Mülltonnen entsorgt?«
Frühling sagte: »Das spricht eigentlich ebenfalls für ein höheres Wesen. Wenn man genügend Dinge um sich herum sterben gesehen hat, bringt man keine emotionale Bindung für einzelne Sachen auf.«
Ich sagte: »Bisher hatte ich das Gefühl, dass Du zu allem und jedem eine emotionale Bindung hast.«
Frühling grinste zunächst und musste dann laut lachen. Ihre Augen füllten sich mit Freudentränen und sie musste sie mit dem Ärmel wegwischen.
Sie sagte: »Du bringst mich immer zum Lachen. Da könnte ich fast versucht sein, tatsächlich so etwas wie eine emotionale Bindung…«
Ich sagte: »Es wäre mir lieber, wenn wir, genauso wie ich das auch mit Winter geregelt hatte, eine rein professionelle Beziehung führen würden.«
Frühling lachte erneut und sagte, zwischen zwei Lach-Attacken: »Jetzt willst Du mich schon für die Beziehung bezahlen?«
Ich sagte: »So war professionell nicht gemeint.«
Frühling sagte: »Klang aber so.«
Ich sagte: »Könnten wir uns vielleicht ein wenig um den Fall kümmern?«
Frühling sagte: »Ich könnte mich auch um Dich kümmern, wenn Du genügend Geld locker hast.«
Mir stieg die Röte ins Gesicht. Manchmal kann ich solche blöden Sprüche nicht unterdrücken und noch bevor ich zu Ende gedacht habe, sind sie mir durch die Zähne gesaust.
Erschöpft sah ich Winter an. Meine Energie für den Tag gingen zur Neige und ich war mir sicher, dass ich keine sinnvolle Entscheidungen mehr treffen würde. Dabei bin ich normalerweise eigentlich sehr entscheidungsfreudig.
Frühling sagte: »Was ich machen kann, ist meiner Familie einen Tipp zu geben. Besonders Sommer und Herbst, aber auch Vater und Mutter werden die Nachrichten schnell weitergegeben haben.«
Ich sagte: »Weißt Du, dass das Buch ›Per Anhalter…‹ Recht hat, wenn es behauptet, dass sich nur schlechte Neuigkeiten und Tratsch schneller als das Licht verbreiten?«
Frühling sagte: »Ja ich weiß. Eine Zivilisation, so das Buch, hatte auf dem Prinzip einen Antrieb erschaffen. Das Problem war nur, dass das Schiff auf keinem Planeten gerne gesehen war.«
Ich sagte: »Wie gibst Du denn Deinen Geschwistern ein Zeichen? Habt ihr da ein magisches Spiel oder so etwas?«
Frühling lacht helle auf, sprang von der Couch und ging zum Telefon. Ein paar Minuten später plauderte sie mit ihrem Bruder Sommer.
Das Gespräch dauerte ca. 5 Minuten, bis Frühling sich verabschiedete und erneut wählte. Diesmal war es ihre Mutter. Ich erkannte sie an dem Klang der grantigen Stimme, die ich vor Kurzem noch gehört hatte.
Dieses Gespräch war länger als das erste und man sah Frühling an, dass sie gerne aufgelegt hätte. Irgendwann stieg die Anspannung so weit, dass sie mich an eine geladene Waffe erinnerte.
Plötzlich legte Frühling einfach auf. Sie sah mich an und sagte: »Wenn meine Mutter anruft, dann sage ihr, dass sie sich verwählt hat. Du kennst keine Frühling – die Familie ist Dir fremd. Sie bekommt bestimmt nicht raus, dass ich hier bin.«
Ich sagte: »Du weißt, dass Deine Mutter mich kennt?«
Frühling sagte: »Ach egal – sag ihr einfach, dass ich nicht da bin. Das wird hoffentlich reichen.«
Frühling stand in der Tür und legte das Telefon zurück auf die Station. Zu mir gewandt sagte sie: »Das wird auf jeden Fall reichen. Jetzt müssen wir warten.«
Ich sagte: »Wie lange wird es dauern, bis uns der Mörder jagen wird?«
Frühling sagte: »Wenn das Wesen die gleiche Fähigkeiten wie Mutter besäße, dann könnte es gestern zuschlagen.«
Ich sagte: »Das wäre etwas sehr plötzlich.«
Frühling sagte: »Aber auch sehr überraschend. Damit hatten wir bestimmt nicht gerechnet.«
Ich sagte: »Das würde die Flucht etwas schwieriger machen.«
Frühling überlegte und wippte dabei von einem Fuß auf den anderen.
Ich sagte: »Wenn das Wesen die gleichen Fähigkeiten hat, wie Du sie besitzt, wann würde es dann losschlagen?«
Frühling sagte: »Es könnte dann schon hier sein und uns eingeredet haben, dass es nicht kommt.«
Ich sagte: »Solange wir also glauben, dass das Wesen noch erscheinen wird, sind wir noch nicht in seinem Bann.«
Frühling sagte: »Da ich die gleichen Fähigkeiten habe, hätte es Probleme mir so etwas einzureden.«
Ich sagte: »Von Deinen Überlegungen bekomme ich Kopfschmerzen. Ich glaub, ich muss mich hinlegen.«
Frühling sagte: »Dann sag ich Aufwiedersehen und wir sehen uns morgen.«
Ich zog beide Augenbrauen hoch und sagte: »Übernachtest Du nicht hier?«
Frühling sagte: »Schon wieder ein unmoralisches Angebot?«
Ich sagte: »Du bist mein einziger Schutz. Wenn ich schlafe, bin ich hilflos.«
Frühling sagte: »Dann lege ich mich auf die Couch.«
Als Gentleman hätte ich ihr eigentlich das Bett anbieten sollen, aber ich wollte nicht. Dafür war ich viel zu müde.

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