Eigentlich wollte ich mir noch die Zähne putzen, aber die Anziehung meines Bettes war einfach zu stark. Kaum hatte ich das Schlafzimmer betreten, lag ich auch schon auf der Matratze und war in wenigen Sekunden eingeschlafen. Was Frühling im Wohnzimmer machte, interessierte mich dabei reichlich wenig.
Ich hatte noch irgend welche Geräusche gehört, aber darüber nachzudenken war mir unmöglich.
Sobald es dunkel wurde, stand ich vor Morpheus.
Er sagte: »Wir hatten vorher gar keine Zeit uns kennenzulernen.«
Ich sagte: »Du schienst mir nicht so der Typ, der darauf großen Wert legt. Ich dachte, ich wäre Dir egal.«
Neben mir tauchte Frühling auf. Sie hatte ein irres Lächeln im Gesicht und fing augenblicklich an laut zu lachen.
Morpheus sagte: »Du solltest die roten Früchte wegsperren.«
Frühling sagte: »Dich stört doch nur, dass ich jetzt öfter hier bin.«
Morpheus sagte: »Normalerweise hab ich vor euch meine Ruhe, die ich sicherlich auch brauche. Wenn ihr gerade mal ein halbes Jahr habt, bin ich jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und jede Sekunde beschäftigt.«
Ich sagte: »Da muss es einem erlaubt sein, ein wenig grantig zu wirken.«
Frühling sagte: »Wenn man einen Job hat, dann soll man nicht jammern. Entweder man macht den Job oder man lässt ihn. Sich zu beschweren nützt keinem. Jammern kann ich eh nicht ausstehen.«
Sie tanzten von uns beiden weg und drehte sich immer wieder.
Ich sagte: »Was auch immer sie vor hat, ich sollte hinter ihr her.«
Morpheus sagte: »Macht mal – wir sehen uns bestimmt wieder.«
Mit den Worten rannte ich hinter Frühling her. Sie war schnell.
Als ich Frühling eingeholt hatte, stand sie auf einer Blumenwiese, summte ein lustiges Lied und hüpfte von Blüte zu Blüte, als wolle sie sich für die Rolle der Bine Maya in einer gleichnamigen Oper bewerben.
Ich sagte: »Ist das der Punkt, der obligatorisch eingebaut wird, um jedes Klischee zu bedienen, nur um den Leser zu zeigen, was den Protagonisten fehlt?«
Frühling sagte: »Klischees und Kitsch können die beste Handlung versauen. Ich hab hier nur auf Dich gewartet und mir gedacht, dass eine Blumenwiese mit unzähligen Insekten wesentlich schöner als ein steriles Wartezimmer wäre.«
Ich sagte: »Was hast Du denn vor?«
Frühling sagte: »Als wir beim ersten Mal bei Morpheus waren, habe ich mir abgeguckt, wie man in anderer Leute Träume kommt. Wenn der das kann, dann kann ich das auch.
In unserer Jugend war er derjenige, der über das geringste Talent verfügte. Der war bei uns so verloren, als würde man dich unter MARVEL’s Superhelden gruppieren. Damals war er das Synonym für Talentfreiheit.«
Ich sagte: »Er hatte allerdings einige Jahrtausende zum Üben.«
Frühling sagte: »Mach Jahrmillionen draus.«
Ich sagte: »Die Dinosaurier haben auch geträumt?«
Frühling sagte: »Der Tyrannosaurus träumte von längeren Armen.«
Ich sagte: »Der Einfallsreichtum Deiner Antworten ist arg kurz gegriffen.«
Frühling sagte: »Keine Arme keine Kekse. Da bin ich Dir um eine Armlänge voraus.«
Ich sagte: »Solange wir jetzt nicht aufhören, werden wir wohl heute nichts mehr Gescheites auf die Reihe bringen. Die Frage ist, bei wem dringen wir in den Traum ein? Was finden wir dadurch raus?«
Frühling sagte: »Ich glaube, dass bei Herbst nicht mehr viel zu holen ist. Aber vielleicht bekommen wir bei Winter noch Informationen.«
Ich sagte: »Wie kommen wir rein?«
Frühling vollführte eine merkwürdige, anatomisch kaum mögliche Bewegung mit den Händen und um mich herum wurde alles schwarz.
Ich stand in dem kleinen Büro, in dem wir unsere Ermittlungen angefangen hatten. Maria, mit ihrer nahezu rechteckigen durchtrainierten Figur, saß hinter ihrem Schreibtisch und war in den Bildschirminhalt vertieft.
Hinter ihr stand Frühling und lachte hinter vorgehaltener Hand.
Ich sagte: »Was ist denn so lustig?«
Frühling sagte: »Sie guckt sich Hochzeitbilder von Promis an.« Dann bog sie sich vor Lachen.
Durch die Tür, vor der ich stand, vernahm ich die bekannte Stimme von Winter. Sie sagte: »Das kann ja ein heiterer Traum werden, wenn er mich an vergangene Zeiten erinnert und meine Schwester darin vorkommt.«
Sie ging an mir vorbei, ohne auf mich zu achten, und baute sich vor Frühling auf. Maria sah überrascht nach oben, schien allerdings nur Winter wahrnehmen zu können.
Frühling sprang zunächst auf der Stelle in die Luft und dann ihrer Schwester um den Hals.
Ich sagte: »Als ich euch das letzte Mal zusammen gesehen habt, war euer Verhalten wesentlich kühler.«
Frühling sagte: »Da war auch noch Winter. Außerdem weiß sie ja nicht, dass wir uns absichtlich in ihren Traum geschmuggelt haben. Ich kann Ihr also ein schlechtes Gewissen einreden und mich positiver darstellen.«
Winter sah mich an. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ihr Blick durch mich durch ging. Allerdings war ich mir sicher, dass sie wusste, dass ich im Raum stand.
Ihre Stimme klang kalt, als sie sagte: »Ihr habt euch absichtlich in meinen Traum gehackt?«
Frühling sagte: »Ach ich glaub, sie kann uns hören. Herbst konnte das nicht.«
Ich sagte: »Da sie uns wahrnehmen kann, wäre es nett, wenn Du nicht weiterhin von ihr sprichst, als könnte sie uns nicht hören. Das könnte sie eventuell als unfreundlich beurteilen. Aus Erfahrung kann ich mir gut vorstellen, was dann passiert.«
Zu Winter gewandt sagte ich: »Hallo Winter.«
Winter sagte: »Ich würde Dir gerne die Hand geben, aber ich kann Dich nicht sehen. Ich kann nur hören, was Du sagst. Soweit ich mich erinnere, ist das kein großer Verzicht, sonder eher ein Vorteil. Es ist aber trotzdem dubios.«
Ich sagte: »Wir wollen wissen, was Du damals bei Deinen Ermittlungen im Fall der alten Frau gemacht hast.«
Winter setzte sich an einen freien Schreibtisch und blickte verwirrt in meine Richtung. Sie sagte: »Da gibt es kaum etwas zu erzählen. Das hatte ich Dir doch schon klar gemacht.«
Ich sagte: »Es hört sich vielleicht merkwürdig an, aber Du kannst nicht bewerten, wie interessant der Fall wirklich ist. Irgendjemand hat an Deinen Erinnerungen herumgefuscht.«
Winter sah an meinem Ohr vorbei. Sie sagte: »Es wäre leichter mit Dir zu sprechen, wenn ich Dich sehen könnte. Jetzt wirke ich wie eine Wahnsinnige, die mit sich selbst sprecht.«
Ich sagte: »Ich kenne genug Menschen, die mit sich selbst sprechen und ich würde keinen von denen als Wahnsinnigen bezeichnen. Die meisten sind sehr kreativ und brauchen das Gespräch.«
Winter sagte: »Die Idioten, die ausgedachte Persönlichkeiten in ihre Welt schaffen müssen, damit ihnen etwas Interessantes  passiert, würde ich hier allerdings ausklammern. Das hat auf jeden Fall etwas Krankhaftes.«
Ich sagte: »Nur weil ich mich mit Jahreszeiten unterhalte, gehöre ich noch lange nicht in die Klapse.«
Winter sagte zu Frühling: »Er hat es noch nicht begriffen. Wenn er Einsicht zeigt, wäre das zumindest ein kleiner Hinweis auf Besserung.«
Frühling sagte: »Von so etwas sind wir noch weit entfernt. Im Moment wäre es schon eine Verbesserung, wenn er sich nicht ständig Bob nennen und seinen eigenen Namen benutzen würde.«
Ich sagte: »Könnt ihr euch nicht lieber wieder streiten, als über mich zu reden? Das war letztlich interessanter.«
Winter sagte: »Lass mal, das ist endlich ein Thema, bei dem wir uns einig sind.«
Frühling sagte: »Der Typ ist völlig durchgebrannt, aber irgendwie lustig.«
Winter sagte: »Das ist wahr.«
Ich konnte nicht fassen, dass die Beiden immer wieder vom Thema abkamen. Irgendwie macht mich so etwas sauer.
Jeder kennt diese Treffen, bei denen eigentlich wichtige Dinge zu klären sind (wie z.B. die Funktionalität einer Anlage oder eines Programms) und in denen trotzdem fünf Stunden lang über die farbliche Gestaltung einer Unwichtigkeit debattiert wird. Mich bring sowas immer auf die Palme. Warum kann man sich nicht auf das Wesentliche konzentrieren?
Ein solches Verhalten kennzeichnet die Redewendung ›von Hölzchen auf Stöckchen kommen‹ und gerade das ist die Redewengung, die einen guten Freund sofort ‚an die Decke springen lässt‘. Der Satz ist sein erklärtes Kryptonit.
Er meint, dass es schlimm wäre, wenn man so etwas behaupten würde. Das wäre sprachlich der größte Murks, den man sich in Deutschland ausgedacht hätte.
Ein anderer Kollege mag die Redewendungen ›wenn die Tage kürzer werden‹ und ›zwischen den Jahren‹ nicht. Er meint, diese Floskeln wären wissenschaftlich nicht tragbar. In seiner Gegenwart nutze ich sie daher besonders gerne und ausgiebig.
Erst nachdem ich meinen Gedanken nachgegangen war, merkte ich, dass Winter und Frühling auf etwas warteten. Dabei sah mich Frühling direkt an, während Winter die Wand hinter meinem rechten Ohr fixierte.
Ich sagte: »Auf was wartet ihr?«
Winter sagte: »Ich wollte wissen, für welchen Punkt der Ermittlungen Du Dich genau interessierst.«
Ich sagte: »Erzähl mir doch erst einmal von den einzelnen Phasen Deiner Ermittlung. Vielleicht finden wir einen guten Punkt, um einzusteigen. Wie bist Du an die Sache rangegangen?«
Frühling sagte: »Dafür, dass er gerade noch in einem fernen Universum schwebte, kann er recht gut umschalten.«
Winter sagte: »Herbst hat sich da auf jeden Fall ein interessantes Exemplar erwählt.«
Ich sagte: »Könnten wir uns bitte konzentrieren und nicht weiterhin über mich sprechen?«
Frühling lachte und sagte: »Das sagt der Richtige. Wer spricht denn hier immer von sich selbst?«
Dann sah sie Winter an und fragte: »Was hältst Du eigentlich von meiner neuen Nagellackfarbe?«
Winter sagte: »Herbst hatte mir von dem Fall erzählt. Wir trafen uns zufällig und er war ganz begeistert. Ich sollte unbedingt weiterermitteln.«
Ich sagte: »Das ist doch gar nicht seine Art, von irgendetwas begeistert zu sein. Normalerweise ist er doch eher dagegen, als für irgendetwas zu sein.«
Frühling sagte: »Das denk ich mir auch.«
Sie ging zu Maria hinüber, die irritiert in die Luft starrte. In diesem Traum war sie eine Statistin, die nichts mehr zu tun hatte, als ihrer Chefin – in diesem Fall Winter – dabei zuzusehen, wie sie sich mit zwei Leuten unterhielten, die sie weder hören noch sehen konnte. Das war sicherlich nicht besonders erquicklich.
Frühling pustete Maria eine Strähne ihres Haars in die Augen, die diese mit ihrer Hand erneut zurücksteckte. Sobald die Strähne da war, wo sie hingehörte, pustete Frühling sie erneut zurück. Sie schien an dem Spiel Gefallen zu finden, während Maria immer verärgerter wirkte.
Ich sagte: »Unsichtbarkeit ist eine starke Kraft.« Winter sagte: »Und aus großer Kraft folgt große Verantwortung – das schafft sie nicht! Man gibt keinem Kind eine Atomrakete in die Hand, wenn man keinen Weltkrieg auslösen möchte.«
Ich sagte: »Dass Herbst begeistert war, ist auf jeden Fall verdächtig. Gekoppelt mit eurem Gespräch, ihr geht euch ja sonst aus dem Weg, ist das noch merkwürdiger.«
Winter sagte: »Es war ein höchst interessanter Fall.«
Frühling sagte, während sie die Strähne erneut in Marias Gesicht pustete: »Es ist absolut Deine Sache, einen Fall zu übernehmen, den Du nicht selbst gestartet hast, bei einer Geschichte, die länger dauern könnte, als die paar Monate, die Du hast.«
Winter sagte: »Wenn Du das so ausdrückst, dann natürlich nicht. Aber es war einfach interessant für mich. Ich wollte wissen, wer der Mörder war.«
Ich sagte: »Warst Du sofort begeistert?«
Winter sagte: »Nein ich musste erst einmal eine Nacht darüber schlafen.«
Ich sagte: »Hattest Du am nächsten Tag mit irgendjemand Kontakt?«
Winter sagte: »Das ist verrückt, aber am nächsten Tag habe ich fast die gesamte Familie getroffen. Du müsstest Dich doch noch an das Treffen erinnern?«
Sie sah Frühling an, die nickte.
Ich sagte: »Nach dem Treffen mit der Familie hast Du dieses starke Interesse entwickelt?«
Winter sagte: »Ich habe mich sehr auf die Ermittlungen gefreut.«
Ich sagte: »Kannst Du Dich daran erinnern, mit wem Du auf dem Fest am längsten gesprochen hast?«
Winter überlegte und Frühling antwortete für sie: »Größtenteils hat sie sich mit Mutter und unserem Vetter Fantasie unterhalten.«
Ich sagte: »Ihr habt einen Cousin mit Namen Fantasie?«
Winter sagte: »Ich hab mich mit dem doch kaum unterhalten. Er ist unerträglich und meint immer, dass er die Weisheit mit Schneeschüppen in der Eisdiele seines Vertrauens verputzt hätte. Dabei war es nur die Extraportion Verbohrtheit, die für seine Beschränktheit zuständig ist. Er ist märchenhaft.«
Ich sagte: »Ein Typ wie aus dem Märchen?«
Winter sagte: »Ja, so wie Schneewittchen: Blond wie Stroh, dumm wie Brot und das Brett vor dem Kopf aus Ebenholz.
Ich kannt die Perle, auf dem das Märchen beruhte und die war wirklich so hohl, wie ein Schwamm in der Wüste.«
Frühling sagte: »Dafür hast Du Dich recht angeregt mit ihm unterhalten. Das hat bestimmt ne Stunde gedauert.«
In Winters Stimme schwang eine gewisse Anspannung mit, als sie sagte: »Was interessiert es Dich, mit wem ich mich unterhalte.«
Ich sagte: »Wir wollen hier keinen Streit anfangen. Es ist auf jeden Fall interessant, dass Ihr etwas unterschiedlich wahrgenommen habt.«
Winter sagte: »Es ist ein Wunder, dass meine Schwester überhaupt etwas mitbekommt. Sie kümmert sich ja sonst nur um sich selbst.«
Ich stellt mich instinktiv zwischen die beiden, bis mir einging, dass der Effekt verpufft, wenn man nur von einer Person im Raum gesehen werden kann.
Ich versuchte, die Situation zu retten und sagte: »Wo hast Du Deine Ermittlungen aufgenommen?«
Die Umgebung um uns veränderte sich. Maria und das Büro verblassten und wir fanden uns in einem Juwelierladen wieder. Hinter einem Tresen bzw. einer Vitrine stand ein älterer Mann und sah Winter an.
Winter sagte zu Frühling: »Ich hab mir den Juwelier angeschaut. Wenn man sich den Fall betrachtet, dann wird schnell klar, dass alles mit diesem geraubten Juwel zusammenhängt. Die Wohnung wäre nicht durchsucht worden, wenn es um etwas anderes gegangen wäre.«
Ich sagte: »Was war denn Deine Vermutung?«
Maria kam durch die Tür und begrüßte den Juwelier. Sie sagte zu dem alten Mann: »Wir untersuchen den Juwelenraub vor 20 Jahren. Wir glauben, dass der Stein immer noch hier ist.«
Winter sah in meine Richtung und sagte: »Die Vermutung lag nahe, dass der alte Mann den Stein selbst geklaut hatte. Schließlich war es die Gelegenheit, um schnell Geld zu machen. Keiner kannte den Wert und der Ladenbesitzer meinte, der Stein wäre unbezahlbar gewesen.«
Ich sagte: »Wusstest Du, dass der Alte kurz darauf gestorben ist?«
Frühling sagte: »Es wäre nett, zu erfahren, wer alles von Deiner Vermutung wusste. Das würde den Kreis der Verdächtigen etwas verkleinern.«
Winter sagte: »Ich habe niemand davon erzählt. Es war ja nur eine fixe Idee, der ich nachgegangen bin. Der Alte schien den Stein nicht zu haben. Jedenfalls konnten wir, selbst in mehreren Verhören, keine Unstimmigkeiten in seiner Geschichte finden.«
Ich sagte: »Wer erzählte Dir von dem Sohn von Klara und dem Räuber Roland?«
Frühling sagte: »Diese Namen sind wirklich dämlich. Du hättest sie ändern sollen.«
Ich sagte: »Wir hatten uns darauf geeinigt.«
Winter sagte: »Das muss Maria gewesen sein. Sie hatte den Kontakt zum Gefängnis.«
Ich sagte: »Vielleicht sollten wir uns mal mit ihr unterhalten.«
Die Szene veränderte sich erneut. Maria stand im Büro und hielt Winter eine Akte entgegen. Winter sagte: »Das ist die Akte, die mir Maria über den Sohn der alten Dame gab.«
Frühling klaute die Akte direkt aus Marias Händen, warf einen Blick hinein, lachte kurz auf und winkte mich anschließend herbei.
Ich ging zu ihr und blickte über ihre Schulter.
Die Blätter waren weiß.
Frühling lachte und sagte: »Schwesterherz, da hat dich jemand ganz schön verarscht. Diese Akte ist leer.«
Winter nahm ihr den Ordner aus der Hand und blätterte selbst in ihm. Sie nahm ein kleines leeres Blatt heraus und zeigte es uns.
Sie sagte: »Hier kann man den Jungen sehen, der von den Gefängniskameras gefilmt wurde.«
Frühling schüttelte den Kopf und ließ ein Kichern erklingen. Ich sagte: »Das ist der Trick, mit dem Frühling die Leute linkt. Das Foto ist nur ein leeres Stück Papier. Da ist gar nichts drauf. Du siehst, was Du sehen willst.«
Winter blickte irritiert. Dann verwandelte sich ihr Blick. Ich konnte sehen, wie Farbe in ihr Gesicht schoss. Es wurde dunkelrot. Ihre Augen weiteten sich und sie zog die Luft stark ein.
Ich wich einen Schritt zurück.
Winter sagte: »Diesen Trick kennst nur Du. Du hast mich schon als Kind immer damit aufgezogen. Wie oft bin ich mit einem ausgetauschten und leerem Hausaufgabenheft  zur Schule gerannt oder musste feststellen, dass die unterschriebene Entschuldigung gar nicht wirklich unterschrieben war.«
Ich sagte: »Ihr seid zur Schule gegangen? Das klingt interessant. Eine Schule für Jahreszeiten? Wird da Quartalsweise unterrichtet? Sind die Lehrer Sternbilder? Gibt es da Unterrichtsstunden für jedes bekannte Wetter?«
Frühling sagte: »Das war ich nicht. Das muss einer unserer Verwandten gewesen sein.«
Winter sagte: »Wer bekommt denn sowas außer Dir hin?«
Winter ging ein großen Schritt in die Richtung ihrer Schwester.
Ich sagte: »Geil – Frauenkloppe! Sowas fand ich schon auf dem Schulhof toll.«
Ich hörte etwas in Frühlings Stimme, was ich noch nie gehört hatte. Es klang ein wenig nach Unruhe.
Sie sagte: »Du musst es mir glauben. Ich war das nicht.«
Winter schnippte das leere Blatt in Frühlings Gesicht. Ihre Mine war eisiger, als eine Polarnacht und in ihren Augen sah ich das Nordlicht funkeln.
Ihre Stimme war schneidend, wie eine gut geölte Kreissäge. Sie sagte: »Mir sind keine anderen Personen bekannt, die so etwas können. Das ist Dein Blendwerk. So etwas erkenne ich.«
Frühling sagte: »Egal wer das war, er muss mich kopieren.«
Ich sagte: »Ich dachte, ihr könnt das alle? Wie bist Du sonst an dem Job als Kriminalkommissarin gekommen?«
Winter beachtete mich nicht. Sie tippte immer wieder mit dem Zeigefinger auf Frühlings Stirn, als wäre dort eine ESC-Taste.
Frühling wirkte kleiner. Sie ließ die Schulter hängen und ihr Gesicht wurde aschfahl. Sie sagte: »Du kannst sowas doch auch. Du kannst doch auch Leuten etwas vorgaukeln.«
Winter sagte: »Ich kann das bei Menschen – Sterblichen! Aber ich könnte sowas nicht bei Unsterblichen. Dazu bist nur du im Stande.«
Frühling wurde leiser. Sie sagte: »Wenn man das eine kann, kann man das Andere auch. Man muss nur genügend üben.«
Winter sagte: »Du bist so gut, dass Du selbst unsere Mutter und unseren Vater damit hereinlegen kannst. Das ist die Arbeit eines Profise.«
Frühling klang, als wolle sie nach einem Strohhalm greifen, als sie sagte: »Es geht hier um einen Edelstein. Warum sollte ich so viel Energie in die Suche nach einem Edelstein legen? Das sind tote Werte. Das wäre nichts für mich.«
Winter sagte: »Deine Motivation kenne ich nicht, aber die Methoden sind ganz klar Deine.«
Erneut änderte sich die Umgebung.
Winter blickte irritiert zu Frühling. Frühlings Stirn warf Falten. Die beiden Frauen klebten ihre Blicke in den jeweiligen ihres Gegenübers.
Um mich herum wurde es dunkel. Diesmal entstanden keine Gegenstände und Räume. Wir standen im Nirgendwo.
Frühling blickte zu mir hinüber. Sie sagte: »Was hast Du gemacht?«
Ich sagte: »Glaub mir, ich war das nicht. Ich hab auch keine Ahnung, wie das hier funktioniert. Soweit ich weiß, hab ich auch nichts angefasst oder an etwas gedacht, woran ich nicht denken sollte.«
Winters Worte waren schneidend, als sie sagte: »Natürlich. Du warst es ja auf keinen Fall und nie.«
Kleinlaut sagte ich: »Ja Mama.«
Frühling sagte: »Wo sind wir hier?«
Winter sah an sich hinab und sagte: »Ich glaub, ich löse mich auf.«
Tatsächlich verblasste sie, als hätte man in Photoshop den Regler der Transparenz in die falsche Richtung gezogen.
Frühling sagte: »Anscheinend wachst Du auf.«
Winter sagte: »Ich bin gar nicht eingeschlafen. Ihr habt euch in meine Erinnerungen gehackt.«
Winters Stimme war kaum noch zu hören.
Frühling war mit einem Sprung an meiner Seite. Sie flüsterte: »Eigentlich sollten wir uns verabschieden. Der Traum ist aus.«
Ich sagte: »Wir gehen nach Haus.«
Wir standen eine ganze Zeit alleine in der Leere und sahen uns an. Frühling sagte: »Anscheinend nicht möglich.«
Der Raum um uns fing an zu vibrierte. Diese Schwingungen gingen durch meinen Körper, wie ein starker Bass auf einem Rockkonzert.
Frühling sagte: »Das gefällt mir nicht.«
Ich sagte: »Bisher hatte ich von Dir eher dieses Pipi Langstrumpf Einstellung gekannt. Nichts konnte Dich erschüttern – immer gute Launr. Das hat mir besser gefallen.«
Den Kopf von der einen in die anderen Richtung werfend sah sich Frühling um.
Auf einmal hatte ich das Gefühl, dass mir jemand über die Schulter schaute. Ein Frösteln durchlief meinen Körper. Es war als würden tausend kleine Spinnen über meine Haut krabbeln.
Das Bild meiner ersten Alpträume schlich mir in den Sinn. Eigentlich neige ich nicht zu schlechten Träumen, aber dieser Traum lag tief in mir begraben, wartete auf sein Auftauchen und war plötzlich an die Oberfläche geschossen, wie eine aufgedunsene Wasserleiche in einem See.
Immer der gleiche Kinderalptraum, aus dem ich schreiend erwachte. Ich war oder bin klein, unbedeutend im Vergleich zur Umgebung. Meine Stimme halte in einem unendlichen Raum und überall stehen quadratische Blöcke, die sich über einen türmen. Es ist die Angst vor großen Räumen die einen zerreißen, so unsinnig es sich auch anhören mag – die Angst die immer stärker wird.
Frühling sah mich entsetzt an.
Sie sagte: »Wir müssen hier raus.«
Die Panik in ihrer Stimme wurde durch das unendliche Echo verstärkt.
Sie wirkte auf einmal hysterisch. Völlig überdreht.
Meine Stimme war leise und brüchig, als ich sagte: »Wie geht es hier raus?« Die Worte gingen verloren.
Dann sah ich etwas aus der Dunkelheit gleiten.
Es war ein riesiger Stein.
Er schluckte das Licht, saugte es ein, wie der Abfluss einer Badewanne, aus dem der Stöpsel gezogen wurde. Ich merkte den Sog am eigenen Körper und wusste, dass er mein Ende wär, wenn ich mich ihm hingeben würde.
Frühling sagte: »Was ist das?«
Auf dem Stein waren keine Spuren der Bearbeitung zu sehen. Er war nicht geschliffen worden.
Im Inneren pulsierte ein blaues Herz in einem sehr langsamen Takt.
Ich sagte: »Das muss der Stein sein, der verloren gegangen ist.«
Frühling schüttelte sich.
Der Stein war so groß geworden, dass er wie ein baufälliges Hochhaus unheilvoll über uns aufragte und uns zu erdrücken schien.
Das blaue Licht in seinem Inneren wurde zu einer Form. Dort drinnen stand jemand. Es war nur ein Umriss. Ein Gesicht konnte ich nicht erkennen. Allerdings wusste ich, dass es uns ansah.
Frühling zog mich am Arm.
Sie sagte: »Ich will den Stein nicht.«
Ich sagte: »Da bin ich ganz Deiner Meinung. Ich will ihn auch nicht.«
Dann drehte sich Frühling zu mir und schlug mir mit aller Kraft ins Gesicht.
Der Schmerz ließ mich aufschrecken.
Ich war zurück im Schlafzimmer.
Die Sonne fiel durch die Fenster und ich hörte im Nachbarraum einen Schrei.
Schnell sprang ich auf die Füße und rannte ins Wohnzimmer.
Frühling rollte von einer Seite auf die Andere. Ihre Augenlider waren geschlossen, aber man konnte erkennen, dass sie die Augäpfel bewegte. Der Mund war offen und sie sagte etwas, was ich nicht verstehen konnte.
Sofort zog ich sie an ihren Schultern hoch und schüttelte sie. Dabei rief ich ihren Namen.
Ihre Augen öffneten sich und sie sagte: »Ich wünsche Dir auch einen schönen guten Morgen. Allerdings hoffe ich, dass Du besser geträumt hast, als ich.«
Ich sagte: »Warum hast du überhaupt geschlafen? Ich dachte, Du wolltest hier aufpassen.«
Sie sagte: »Ich habe mir gedacht, dass hier sowieso nichts passiert und bin Dir einfach in den Traum gefolgt.«
Ich sagte: »Wenn Du weißt, was ich geträumt habe, wovon ich ausgehe, dann brauchst Du nicht zu fragen, ob der Traum gut war.«
Frühling sagte: »War doch nur eine Redewendung.«
Ich schüttelte den Kopf und sagte: »Da drinnen schienst Du Panik zu haben.«
Frühling sagte: »Das muss getäuscht haben. Ich habe niemals Angst. Da stehe ich drüber.«
Ich sagte: »Als Unsterbliche verständlich.«
Frühling sagte: »Was machen wir jetzt?«

6 Kommentare zu „Frühling 2016 – Kapitel 5

  1. Nun hätte ich eine Frage, wäre es OK wenn ich Deine „Geschichten“ über Herbst, Winter und Frühling in Word kopiere und für mich persönlich ausdrucke, einziger weiterer Leser wäre dann der Galan? Damit ich sie daheim oder im Urlaub gemütlich als Buch lesen kann? Oder gibt es sogar ein verstecktes E-Book zum herunterladen?

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      1. Puh da fragst du die Falsche, kenne mich mit E-Books erstellen überhaupt nicht aus ich lade nur manche runter meist von den Webseiten der Bereitsteller 🙂 wenn ich s rausbekomme sage ich Bescheid, ich glaub nämlich ein Bekannter, welchen wir am Samstag sehen hat ein E-Book rausgebracht.
        DANKE auf jeden Fall – dann kopier ich mir die wirklich und mach mir ein Buch draus – für mich nämlich Lesestoff, welchen man öfter konsumiert 🙂

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      2. Ich kann höchstens selbst publizieren, da ich die erste Regel für alle Verlage missachte: Niemals vorher etwas veröffentlichen!
        Allerdings würde ich nicht unbedingt Geld für das hier verlangen, da es auch hier öffentlich ist.
        Außerdem sind noch zu viele Fehler drin. Ich bin halt ein Legastheniker, der an seiner Schwäche arbeitet – wenn es denn eine ist. 😉

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    1. Ich habe gerade nachgedacht… Die Texte hier werden vor der Veröffentlichung (d.h. meist am gleichen Tag wie sie veröffentlicht werden) überarbeitet. Diese Überarbeitung hab ich nur bei WordPress direkt. Ein Export aus Papyrus Autor würde also nichts bringen. Da ist ja nur die roh Version.
      Dir bleibt also nichts anderes übrig, als dies hier zu kopieren. Sorry.
      Aber die Frage nach dem Download ist berechtigt. Es bleibt die Frage, wo ich sowas einstellen kann.
      Ideen sind willkommen…

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    2. PS: die Weitergabe meiner Texte ist eindeutig erlaubt. Besonders Kritik ist sehr erwünscht. Ich will ja besser werden. Noch fühle ich mich am ehesten im Stadium des Amateurs. Wenn ich mich gut genug fühle, dann setzt ich mich an mein Buch. Der Mist müsste mal fertig gestellt werden. 😉

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