Frühling 2016 – Kapitel 6

Frühling sah an mir vorbei und musste lachen. Ich folgte Ihrem Blick und war entsetzt.
Sie sagte: »Wäre wohl doch besser gewesen, wenn ich wach geblieben wäre.«
Ich blickte mich um und sagte: »Wie soll ich das meiner Frau erklären?“ Alle Türen der Vitrinen und Schränken, jede Schublade, Alles stand offen. Die Bücher im Bücherregal waren nach vorne gerückt worden.
Frühling sagte: „Scheint so, als hätte hier jemand etwas gesucht.“
Ich sagte: „Er hatte wenig Zeit dafür.“
Die Gegenstände in den Schränken waren noch nicht ausgeräumt worden. Sie waren verrückt, aber nicht herausgeworfen, so wie in den anderen Wohnungen.
Ich sagte: „Als Nächstes hätte er uns wohl umgebracht.“
Frühling wirkte beleidigt, als sie sagte: „Warum muss es ein er sein?“
Meine Augen trafen ihre und ich sagte: „Nachdem ich Dich und Deine Schwester kennengelernt habe, würde es mich nicht überraschen, wenn dies hier das Werk einer Frau gewesen wäre. Es war definitiv eine Naturkraft wie Du.“
Frühling nickte.
Dann lachte sie erneut auf und sagte: „Damit bin ich wohl entlastet. Ich kann auf keinen Fall im Traum mit Dir und hier gewesen sein.“
Ich sagte: „Besitz Ihr keine Kraft, damit ihr an mehreren Orten gleichzeitig sein könnt? Wie macht ihr denn das Wetter auf der gesamten Halbkugel?“
Sie sagte: „Du hast mich erwischt. In dem Fall war ich jedoch nur im Traum. Das hier war ich nicht. Was sollte denn mein Motiv dazu gewesen sein? Ich weiß doch, dass wir den Stein nicht haben.“
Ich sagte: „Das klingt plausibel.“
Nachdenklich sah ich mich im Raum um. Die Tatsachen sprachen eine klare Sprache.
Ich stöhnte und sagte: „Es ist ziemlich offensichtlich, wer der Täter ist.“
Überrascht sah mich Frühling an. Sie sagte: „Willst Du jetzt etwa schon den Fall lösen? Ist doch noch ein wenig früh dafür. Außerdem hatte ich Dir doch verboten den Täter so frühzeitig zu verraten.“
Ich sagte: „Wer bisher noch nicht auf den Mörder gekommen ist, soll sich noch gedulden. Noch haben wir nicht alle Fakten. Außerdem würde mich interessieren, wo der Stein ist, der hier gesucht wird.“
Frühling lachte und sagte: „Also willst Du die Allgemeinheit noch im Unklaren lassen?“
Ich sagte: „Die Allgemeinheit kann sich gerne noch gedulden. Allerdings bin ich sicher, dass jeder der alle Details kennt, wie wir sie kennen, eigentlich recht genau wissen müsste, wem wir hier hinterherjagen.“
Frühling sagte: „Sollen wir kleine Tipps geben?“
Ich sagte: „Untersteh Dich. Wir sollten die letzen Fragen klären, bevor wir uns wieder Schlafen legen. Sonst könnte es recht ungemütlich werden.“
Frühling sagte: „Da hast Du recht. Was machen wir zuerst?“
Mit einem Blick auf meine Uhr sagte ich: „Zunächst gehe ich duschen. Um diese Uhrzeit werden wir noch keine Antworten bekommen. Sobald wir gefrühstückt haben, werden wir zu Maria fahren. Danach sollten wir jemand aufsuchen, der diesen Stein kennt.“
Frühling sagte: „Da fällt mir bestimmte jemand ein.“
Auf dem Weg zum Bad sagte ich: „Das wäre auch besser.“
Auf dem Weg zum Polizeirevier sagte Frühling: „Nennt man so etwas, was wir gerade gemacht haben, jetzt Plot Hole?“
Ich sagte: „Wir haben lediglich die Zeit überbrückt, in der nichts passiert ist – d.h. vom Frühstück bis Polizei. Das ist nur eine Überblendung. Eine Plot Hole ist ein Loch in der Geschichte. Ein Fehler, den der Autor unwissentlich begangen hat. Sowas ist wirklich nervig.“
Frühling sagte: „Als Du den Organgensaft in die Cornflakes gegossen hast, weil Du zu blöd warst, nach der Milchflasche zu greifen, ist auf jeden Fall etwas passiert.“
Ich sagte: „Könnten wir uns jetzt bitte wieder auf die Handlung konzentrieren? Es ist für jeden nervig, wenn Du vom Thema abweichst, wo die Sache gerade spannend wird.“
Ich parkte meinen Wagen auf dem noch leeren Parkplatz direkt vor der Station.
In ihrem Büro fanden wir Maria.
Sie sah übernächtigt aus und nahm gerade einen Schluck aus ihrem Kaffee.
Ich sagte: „Guten Morgen Maria. Du siehst müde aus.“
Maria sagte: „Diese Träume bringen mich um. Immer wieder sehe ich einen schwarzen Stein mit einem blauen Funkeln tief im Inneren. Wenn das so weiter geht, werde ich wohl einen Psychiater aufsuchen müssen.“
Ich sagte: „Wir wollten noch ein Mal nach dem Fall fragen, den Winter bearbeitet hat. Hast Du etwas Zeit für uns?“
Sie sagte: „In den nächsten fünf Stunden liegt nicht viel an. Außer die Deppen, die jeden Tag nach ihrem gestohlenes Fahrrad fragen und der statistisch Einzige, dem man das Portmonee geklaut hat, wird wohl kaum etwas Interessantes passieren.“
Frühling sagte: „Hast Du Winter von dem dubiosen Sohn der alten Dame erzählt?“
Maria sah sie so an, als würde gerade eine Giraffe auf sie zu rasen. Ich sagte: „Du hast nie von einem Sohn gehört?“
Maria sagte: „Ich weiß nicht, worüber Du sprichst. Kommissarin Winter war von einem auf den anderen Tag verschwunden – quasi über Nacht. An dem Tag davor war sie beim Juwelier gewesen und danach ist sie nicht mehr aufgetaucht.“
Ich sagte: „So etwas habe ich mir gedacht.“
Maria schüttelte den Kopf. Sie sagte: „Was meint ihr überhaupt?“
Ich sagte: „Schon gut. Ich habe da noch eine Frage, die weitaus wichtiger ist.“
Maria sah mich müde an. Ihre Augenringe erzählten Romane über Schlaflosigkeit in mondhellen Nächten. Eigentlich scheute ich mich, sie mit meinen Fragen zu belästigen. Ich beschloss, sie nach ihrer nächsten Antwort in Ruhe lassen.
Ich sagte: »Was wurde aus dem zweiten Räuber des Juwelenraubs vor 25 Jahren? Herbst oder Winter erzählten mir, dass er im Gefängnis gestorben ist?«
Maria lachte kalte auf und erinnerte dabei erneut an Winter. Die beiden waren bestimmt fabelhaft miteinander ausgekommen – oder sie hatten sich tief und innig gehasst. Wenn zu viele Charaktereigenschaften übereinstimmen, geht es meist in die eine oder die andere Richtung.
Maria sagte: »Dass er im Gefängnis gestorben ist, stimmt nicht ganz. Die Festnahme der beiden, war eine ziemliche Sauerei. Ich hatte einen alten, mittlerweile pensionierten Kollegen, der viel darüber sprach.«
Ich sagte: »Erzähl mir davon.«
Maria sagte: »Man hatte die beiden zu Hause überrascht. Dort waren sie gerade dabei, die Beute aufzuteilen. Es ging ziemlich schnell.
Während Roland Richter alles über sich ergehen und sich freiwillig abführen ließ, zog der andere eine Waffe und eröffnete das Feuer.
So etwas passiert sehr selten, auch wenn man das in jedem Krimi und Thriller dauernd sieht. Es war die einzige Schießerei in die mein Kollege verwickelt war. Er sagte, dass er das nie wieder erleben wollte. In seinen Augen war es wie in einem Kriegsgebiet.«
Ich sagte: »Was wurde aus dem Räuber?«
Maria schüttelte sich und nahm einen Schluck aus ihrem Kaffeebecher.
Sie sagte: »Er wurde von einer Kugel im Bauch getroffen. Eine riesige Schweinerei. Er verlor tierisch viel Blut und Darminhalt. Die dabei waren, waren entsetzt. Sie konnten ihn überwältigen und er wurde ins Krankenhaus gebracht.«
Ich sagte: »Er ist da gestorben?«
Maira sagte: »Die Ärzte habe versucht ihn zu retten. Sie sagten, dass der Darm zu sehr zerstört war. Er verstarb fünf Tage nach der Schießerei.«
Ich sagte: »Kannst Du mir den Namen des Räubers geben?«
Maria schaute auf ihren Monitor und gab ein paar Daten ein. Nach ca. 5 Minuten, in denen sich Frühling augenscheinlich sehr langweilte, schrieb sie etwas auf ein Papier und reichte es mir.
Ich bedankte mich und wir gingen zurück zum Auto.
Den Motor des Wagens startete ich nicht. Frühling sah mich überrascht an und sagte: »Wohin fahren wir jetzt?«
Ich sagte: »Das musst Du mir sagen. Wer aus Deiner Familie kann uns sagen, was das für ein Stein ist, von dem wir beide geträumt haben.«
Frühling sagte: »Ich hab von keinem Stein geträumt.«
Ich sagte: »Kurz bevor wir erwachten, haben wir doch von diesem schwarzen Etwas und dem blauen Leuchten im Inneren geträumt.«
Frühling sagte: »Ich hab nicht geträumt. Wir können gar nicht träumen.«
Ich sagte: »Woraus hab ich Dich heute geweckt?«
Frühling sagte: »Du hast mich geweckt? Wie konnte das passieren.«
Ich sagte: »Und dass die Wohnung verwüstet wurde, war bestimmt auch nur eine Einbildung. Wir können nach Hause, um es zu überprüfen.«
Mit sehr leiser Stimme sagte Frühling: »Das ist wirklich passiert.«
Ich sagte: »Wenn Du nicht geschlafen hast, wer hat dann die Wohnung verwüstet?«
Frühling sagte: »Ich weiß nicht, ich hab nicht aufgepasst.«
Ich sagte: »Du willst mich verarschen.«
Frühling sagte: »Ich will mich nur nicht erinnern. Das ist etwas anderes.«
Ich sagte: »Wer kann uns jetzt Auskunft über den Stein geben?«
Frühling hatte den Kopf fallen gelassen. Sie wirkte traurig.
Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, als sie sagte: »Selbst wenn ich es leugne, ich kann diese Angst einfach nicht abschütteln. Ich will das nicht.«
Ich sagte: »Wer?«
Sie sagte: »Nacht kann uns helfen.«
Ich sagte: »Es ist doch hoffentlich nicht so weit, wie zu Deiner Mutter?«
Frühling sagte: »Es ist gleich hier um die Ecke. Fahr los, ich zeig es Dir.«
Dreieinhalb Stunden später kamen wir an.
Wir standen vor einem Mehrfamilienhaus, dass in Reihen anderer, gleichförmiger Häuser stand. Man konnte keine Unterschiede zwischen den Häusern erkennen und ich dacht, dass ich mich hier auf jeden Fall verfahren würde, wenn ich Niemanden hätte, der mich leitete.
Der gesamte Block, der mindestens einen Kilometer lang und breit zu sein schien, bestand aus den gleichen viereckigen Quadern mit gleichmäßigen, mit der Schablone angebrachter Fenster.
Ich sagte: »Das hier hat überhaupt gar nichts mit Natur zu tun. Wie kann man nur so eine Langeweile aneinander klatschen und darin danach auch noch wohnen?«
Frühling sagte: »Warum sollte das nicht Natur sein? In Kristallen sind die Moleküle ebenfalls ausgerichtet. Es gibt viele Beispiele von natürlicher Ordnung.«
Ich sagte: »Es gibt immer Fehler im Kristallgitter. Durchbrüche, die beweisen, dass dieser Kristall etwas Einzigartiges hat.«
Frühling sagte: »Glaub mir, das Ehepaar, welches hier wohnt, stellt definitiv ein Fehler im System dar. Das wirst Du schon sehen. Betrachtet man das Gitter statistisch, ist alles absolut normiert. Nur durch die Betrachtung einzelner Punkte findet man Individualität.«
Ich sagte: »So wie es beim Menschen ist?«
Frühling sagte: »Für Außerirdische seht ihr alle gleich aus. Zwei Augen, eine Nase, ein Mund und der ganze andere Rest. Sie können euch so viel unterscheiden, wie ihr zwei Igel oder zwei Kaninchen unterscheiden könnt. Erst wenn man einzelne Exemplare kennenlernt, lassen sich Unterschiede erkennen.«
Ich sagte: »Wir philosophieren schon wieder, obwohl wir etwas zu klären haben. Allerdings muss ich dazu noch etwas sagen – ein indischer Gast fragte mich einmal, wie wir Deutschen denn unserer Frauen unterscheiden würden? Sie sähen doch alle gleich aus.«
Frühling riss die Haustür auf. Ich zog, knapp hinter ihr stehend, beide Augenbrauen auf. Dann sagte ich: »Normalerweise klingelt man doch an?«
Frühling sagte: »Ich hab die Elektroschocker nicht dabei. Außerdem sind Tag und Nacht immer daheim und meist nicht auf Späße eingestellt.«
Ich sagte: »Du meinst, tags und nachts ist immer jemand da?«
Frühling sagte: »Komm rein und lass uns hier nicht philosophieren. Du sprichst doch schließlich auch von die Winter und die Frühling. Wer keine Grammatik kann, darf sich Spitzfindigkeiten gerne verkneifen. Denk immer dran, bei Dir heißt es nicht: ‚Als Ich aus dem Fenster sah, graute der Morgen‘, sondern es heißt: ‚graute dem Morgen’…«
Ich sagte: »Mein Fehler war nur, die Jahreszeiten zu personalisieren. Ihr Geschlecht ergab sich aus ihren Eigenschaften.«
Frühling sah mich sauer an und sagte: »Für Dich sind Kälte und Wechselhaftigkeit also feminine Charakteristika?«
Ich sagte: »Wenn Du es so sagst, klingt es sexistisch.«
Frühling lachte und sagte: »Das ist auf jeden Fall gender-technisch arg bedenklich.«
Ich sagte: »Drücken wir es doch positiv aus: Coolness und hohe Flexibilität. Das sind definitiv tolle und bei mir weibliche Werte.«
Frühling sagte: »Mit einer solchen Flexibilität und Coolness bei der Verdrehung der Tatsachen könntest Du Unternehmenssprecher werden.«
Ich sagte: »Dazu sollte ich wohl erst einmal meine Grammatik in Ordnung bringen.«
Frühling nickte und sagte: »Wollen wir jetzt reingehen und Tag und Nacht treffen?«
Aus reiner Gewohnheit fragte ich: »Womit treffen?«
Frühling sagte: »Mit einem tadellosen Benehmen und einer kleinen Prise Humor. Das können die beiden gerad noch verkraften.«
Im Wohnzimmer saß ein älterer Herr, der so aussah, wie das Klischee eines englischen Bankangestellten, aus den 1960gern. Man hätte ihn bei Mary Poppins als einen Freund des Vaters George Banks mitspielen lassen können.
Er hatte einen gezwirbelten Schnäuzer im Gesicht, eine Nickelbrille auf der Nase und ein Nadelstreifenanzug an. In der Hand hielt er eine Zeitung, in der er stöberte. In seiner Gegenwart bekam ich sofort ein schlechtes Gewissen, nicht gerade am Arbeitsplatz zu sein. Er war ganz Geschäft und gar nicht Freizeit.
Zu Frühling gewandt sagte ich: »Warum entspricht Ihr immer irgendwelchen Klischees?«
Frühling sagte leise: »Diese Klischees müssen auch irgendwo ihren Ursprung haben. Es wäre doch enttäuschend, wenn die Auswirkungen ihrer Existenz eine Andere wären, als die dazugehörigen Naturkräfte, die sie bewirken. Oder anders ausgedrückt – Du kennst die Kraft intuitiv.«
Ich sagte: »Ihr nennt euch Naturkräfte?«
Frühling verdrehte die Augen und sagte: »Sollten wir nicht mit ihm sprechen?«
Nickend drehte ich mich zu Tag. Auf einem Holzschild über ihm standen, in geschnitzten Buchstaben, die Worte ›Carpe Diem‹.
Ich sagte: »Hallo!« Nichts passierte. Er schien sich nicht stören zu lassen und blätterte eine Seite um.
Etwas lauter sagte ich erneut: »Hallo!«.
Nach etwas zwei Minuten, sagte Frühling zu mir: »Es ist besser, wenn Du ihm eine konkrete Frage stellst. Vielleicht meint er sonst, dass Du ihm nur wichtige Zeit klaust.«
Ich sagte: »Was ist an Zeitunglesen denn so wichtig?«
Frühling sagte: »Für ihn ist es wichtig.«
Lauter sagte ich: »Wir hätten ein paar Fragen, wegen eines merkwürdigen Steins.«
Tag zeigte zuerst keine Regung. Nach einer längeren Pause sagte er: »Ein bestimmter berühmter Diamant oder etwas anderes?«
Ich sagte: »Es geht um einen tief schwarzen Stein, mit einem blauen Funkeln in der Mitte.«
Tag zeigte erneut keine Regung. Nachdem ich mich schon wegdrehen wollte, sagte er: »Fragt Nacht. So ein Stein klingt eher nach ihr. Ich glaub, dass ich schon einmal davor gehört habe, aber ich kann mich auch irren. Nacht weiß über solche Sachen Bescheid.«
Ich wandt mich zu Frühling und wollte gerade etwas fragen, als Tag sagte: »Sie ist oben.«
Frühling nickte und führte mich zur Treppe.
In dem Raum, den wir betraten, war eine Drei-Personen-Couch mit einer überproportionalen Dame bestückt. In der rechten Hand hielt sie die Fernbedienung des riesigen Fernsehers, der die halbe Wand abdeckte, in der anderen Hand hielt sie eine Chipstüte.
In einer Ecke des Zimmers stand ein Laufband, welches das Gewicht der Frau niemals aushalten würde.
Die Dame war in ein Plüschzelt gekleidet und hatte ein Schweißband auf der Stirn. Das Ding sah ziemlich speckig aus.
Ich sagte zu Frühling: »Die Nacht hätte ich mir anders vorgestellt.«
Frühling zwinkerte mir zu und sagte: »Du hast sie Dir genau so vorgestellt, sonst würde es hier nicht so stehen.« Dabei grinste sie über das gesamte Gesicht.
Ich sagte: »Dann möchte ich es umformulieren: Meine Leser haben sich die Nacht sicherlich nicht so vorgestellt.«
Frühling lachte hell und sagte: »Sie haben doch keine andere Möglichkeit, als sich Deiner Fantasie zu beugen. Schließlich hast du schon mit Tag als englischen Spießer die Richtung vorgegeben. Es war nur ein kleiner Schritt, die Nacht als den Gegenentwurf zu sehen.«
Ich sagte: »Diese Beziehung wird lange glücklich sein. Schließlich heißt es ja: ›Unterschiede ziehen sich an‹.«
Frühling lacht und sagte: »Das habe ich nie verstanden. Warum sagt man das gleichzeitig mit dem Satz: ›gleich und gleich gesellt sich gerne‹? Das sind doch zwei völlig unterschiedliche Aussagen.«
Ich sagte: »Ist wahrscheinlich so wie in der Physik. Nur magnetische Stoffe können sich gegenseitig anziehen. Haben sie jedoch die gleiche Polarität, stoßen sie sich stärker ab, als magnetische Stoffe nichtmagnetische Stoffe abstoßen.«
Frühling sagte: »Ich find den Vergleich doof.«
Ich sagte: »Wenn sich zwei Menschen sehr ähneln, dann können sie sich entweder gar nicht leiden oder schließen eine starke Freundschaft. Das hab ich schon oft genug erlebt.«
Frühling sagte: »Lass uns lieber nach dem Stein fragen. Deine Reden machen mich müde.«
Ich trat einen Schritt näher auf die fette Dame zu und räusperte mich. Im Fernsehen an der Wand lief »Berlin Tag und Nacht«. Der Klang der Dolby-Surround Anlage schluckte mein Räuspern, wie ein See eine Büroklammer.
Nacht blickte wie gebannt auf die Mattscheibe, währen sie sich Chips in den Mund schob.
Mein Räuspern wurde etwas lauter. Bisher habe ich bei dieser Art von Fernsehen immer weggeschaltet. Gefälschte Banalitäten anzuschauen gefällt mir weniger, als meine Hemden zu bügeln. Das eine davon muss ich zwangsläufig regelmäßig machen, das andere vermeide ich grundsätzlich.
Die wenigen Worte, die ich von der Sendung hörte, reichten mir, um meine Entscheidung nicht zu bereuen.
Ich sagte: »Hallo. Wir sind hier um eine Frage zu einem bestimmten Edelstein zu stellen.«
Nachts Hand mit der Fernbedienung zeigte auf einmal auf den Fernseher und das Bild fror ein. Sie blickte zu Frühling und sagte: »Frühling, meine Lieblings-Nichte. Wie geht es Dir?«
Frühling lachte schallend und sagte: »Es ist auch gut, Dich mal wiederzusehen. Wann haben wir uns das letzte Mal getroffen?«
Nacht sagte: »Das ist schon eine Weile her. Ich kann mich kaum noch daran erinnern.«
Frühling sagte: »Zu der Zeit warst Du auf jeden Fall wesentlich schlanker.«
Nacht sagte: »Ich nehme gerade wieder ab. Du kennst das ja. Im Moment bekämpfe ich gerade den Winterspeck. Du hättest mich mal um Weihnachten sehen sollen. Da war ich rund wie ein Luftballon. Der Winterspeck ist weg – ich habe jetzt nur noch Frühlingsrollen.«
Ich sagte: »Wie ich schon sagte, ich hätte da ein paar Fragen zu einem bestimmten Edelstein.«
Nacht huschte eine Welle über die Stirn, die allerdings sehr schnell wieder verebbte. Sie sah weiterhin nur Frühling an und sagte: »Ist das der Typ, mit dem ihr neuerdings rumhängt?«
Frühling nickte und sagte: »Er ist ganz brauchbar, manchmal etwas zu spießig, aber sonst ganz witzig.«
Nacht sagte: »Kennst Du diese Bücher von diesem Herrn Kling oder so ähnlich? Diese Heftchen mit dem Känguru?
Das erinnert mich doch alles zu sehr an diese Bücher.«
Frühling lachte und sagte: »Er schreibt auf jeden Fall in der gleichen Kategorie. Innovation kann man da nicht erwarten. Winter hat ihm das auch schon vorgeworfen.«
Nacht sagte: »Wenn es gut gemacht ist, dann kann geistiger Diebstahl sogar nett sein.«
Ich sagte: »Als ich damit anfing, mit Jahreszeiten zu reden, kannte ich die Bücher noch nicht. Außerdem gehe ich ja in eine andere Richtung. Da geht es in späteren Teilen um eine Weltverschwörung, während ich mich um einen Kriminalfall kümmere.«
Nacht runzelte die Stirn und sagte: »Kimis habe ich immer gerne. Egal ob Tatort, CSI, Monk oder Criminal Minds – ich sehe mir alles an. Worum geht es denn?«
In Frühlings Richtung sagte ich: »Jeder liebt gute Krimis.«
Um meine Worte ein wenig wirken zu lassen, ließ ich eine kurze Kunstpause, die Frühling nutzte, um leise in meine Richtung zu sagen: »Jedenfalls alle Spießer und Normalos.«
Ich sagte: »Wir untersuchen einen Fall, in dem eine alte Dame in einem Raum ermordet wurde, der von innen verschlossen war.«
Nacht sagte: »Hört sich nach Selbstmord an.«
Ich sagte: »Die Wohnung wurde nach dem Tod der Alten verwüstet.«
Nach blickte mich fragend an. Anscheinend hatte ich ihr Interesse geweckt.
Nacht hörte gespannt zu, während ich ihr den Fall beschrieb. Ihre Augen trafen mich, wie zwei Bälle beim Völkerball. Ich hatte diesen Sport immer verabscheut. Allerdings war nichts schlimmer als das Zirkel-Training. Das nahm ich immer sehr persönlich.
Meinen Bericht beendete ich mit einer möglichst genauen Beschreibung des Edelsteins.
Als ich geendet hatte, blieb es still im Zimmer. Der Hintergrund wurde durch das Standbild der TV-Pseudo-Realität ›Berlin Tag und Nacht‹ beleuchtet. Im Zwielicht dazwischen blitzten mich Nachts Augen an.
Sie sagte: »Ich kenne diesen Edelstein. Die Beschreibung passt auf die Königin der Nacht.«
Erneut Stille, doch dann prustete Frühling los. Sie lachte hinter vorgehaltener Hand und krümmte sich.
Meine Augen zusammenkneifend sah ich sie an und sagte: »Was gibt es jetzt schon wieder Lustiges?«
Zwischen zwei Prustern sagte Frühling: »Das ist so ein dummes Klischee. Es musste natürlich die Königin der Nacht sein. Gibt es den Stein nicht in jedem Krimi? Innovation ist Deine klare Stärke.«
Ich versuchte Frühling zu ignorieren und sagte, zu Nacht gewandt: »Was ist das Besondere an diesem Stein?«
Nacht sagte: »Zunächst einmal ist es mein Stein. Er gehört einzig und allein mir. Ich hab ihn vor ein paar Jahren irgendjemand gegeben. Der Stein sollte eine neue Fassung bekommen.«
Ich sagte: »Bisher ist er noch nicht wieder zurückgekommen?«
Nacht runzelte die Stirn. Dann sagte sie: »Es ist schon ein paar Jahre her. Jetzt wo Du mich daran erinnerst, finde ich es schon sehr merkwürdig, dass ich den Stein noch nicht zurückhabe.«
Frühling hielt sich immer noch den Bauch. Irgendwie war mir ihr Verhalten peinlich. Leise sagte ich zu ihr: »Könntest Du es bitte unterbinden, auf die Schwächen der Geschichte hinzuweisen? Es ist schon peinlich genug, wenn ein Leser es zufällig bemerkt. Andauernd darauf hingewiesen zu werden, ist vielleicht etwas zu viel.«
Frühling wischte sich die Tränen aus den Augen und sagte: »Hast du denn jetzt alle Informationen, die Du zum Lösen des Falls brauchst?«
Ich blickte auf die Uhr. Wenn wir uns beeilten, konnten wir noch einen kurzen Abstecher zum Friedhof machen. Es wäre interessant zu sehen, was das Grab zeigte.
Wirklich aussagekräftig wäre dies allerdings nicht.
Was mir wirklich noch fehlte, war ein Plan B. Wenn man ein übernatürliches Individuum eines Verbrechens überführt, wie regelt man dann die Strafe? Man kann es nicht einfach inhaftieren.
Ich schluckte. So richtig sicher wären wir, bzw. ich auf keinen Fall. Wollte der Täter am Schluss seine Spuren verwischen, blieb mir nur die Hoffnung, dass Frühling mich schützte. Allerdings zeigten die anderen Jahreszeiten klare Spuren von Beeinflussung.
Frühling sagte: »Ziehen wir es jetzt durch?«
Ich zuckte mit den Achseln und sagte: »Was bliebt uns denn übrig.«
Nacht sagte: »Kann ich noch irgendwie helfen?«
Ich sagte: »Gut dass sie fragen.«
Dann erzählte ich ihr meinen Plan. Das Ganze war improvisiert und hochgradig gewagt. Hätte ich eine andere Wahl, ich hätte mich für ein anderes Vorgehen entschieden.
Nachdem ich geendet hatte sah mich Frühling an und sagte: »Du weißt nicht genau, was Du machen wirst.«
Ich sagte: »Ich habe keine Ahnung. Wir werden es wohl im nächsten Kapitel erfahren.«
Wir fuhren nach Hause. Auf der Fahrt redeten wir über den Plan, den wir immer noch nicht detailliert ausgearbeitet hatten.
Frühling sagte: »Dein Plan ist dünner, als eine Zwiebelhaut. Wenn man ihn gegen das Licht hält, scheint die Sonne durch.«
Ich sagte: »Wenn Du einen Besseren hast, dann können wir ja den durchführen.«
Frühling sagte: »Auf die Schnelle fällt mir jetzt auch nichts ein. Das liegt alles an Deiner merkwürdigen Planung und deinem Plot. Diesmal hattest Du zwar das Sieben Punkte System, aber überhaupt keine Ausarbeitung.«
Ich sagte: »Bisher dachte ich auch immer, dass ein gewisser Rahmen ausreicht, um eine Geschichte zu erzählen.«
Frühling lachte und sagte: »Es fehlte die Isolation. Die hast Du einfach rausgenommen.«
Ich sagte: »Das System setzt auf die Punkte: 1. Aufhänger, 2. Erste Wendung, 3. Erster Kniff, 4. Mittelpunkt, 5. Zweiter Kniff, 6. Zweite Wendung und 7. Auflösung. Da ist die Isolation gar nicht so dringend vorgesehen.«
Frühling sagte: »Ohne richtige Isolation, klappt kein Film in Hollywood.«
Ich sagte: »Wir sind hier in Deutschland und ich spiele das Spiel etwas anders.«
Der Blick von Frühling wurde kalt und boshaft. Sie sagte: »Eine Geschichte ohne Isolation ist keine gute Geschichte. Denk nur an Harry Potter, der in jedem Teil von allen seinen Gefährten getrennt wird, nur um die Aufgaben alleine anzugehen und hinterher dann überraschend doch Hilfe zu bekommen. Selbst der letzte Trash-Film richtig sich nach dem Schema.«
Ich sagte: »In meiner Geschichte wollte ich mal unkonventionell und innovativ sein.«
Frühling funkelte mich boshaft von der Seite an. Sie sagte: »Bei so einem Schwachsinn mach ich nicht mit.«
Dann war sie einfach verschwunden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s