Die Relativität der Zeit

Beim Abwasch stand ich erneut neben Boris am Spülbecken. Ich hatte mich so sehr daran gewöhnt, Teller abzutrocknen.
»Was planst Du? Was ist Dein Trumpf, von dem Du erzählt hast?«, fragte ich Boris.
»Ich habe noch sowas wie ein Handgerät meines Transporters. Ich zeig ihn Dir, wenn wir schlafen gehen.«
Anja betrachtet Boris kritisch. »Ich kann Dir den Quatsch immer noch nicht ganz abnehmen. Erklär mir doch bitte, auf welchen Theorien Deine Erfindung beruht.«
Boris stöhnte. Er blickte uns an, als wolle er einem Hund das Zeitunglesen beibringen.
»Alles geht zurück auf die Entdeckung der Quantenphysik. Eigentlich begann es noch eher. Vor über hundert Jahren entdeckten Forscher, durch die Brechung des Lichts am Doppelspalt, dass Licht sich in Wellen ausbreitet, genauso wie die Wellen auf einer Wasseroberfläche. Dies wurde als große Erkenntnis gefeiert, bis einige Leute, darunter auch Einstein und Planck behaupteten, dass Lichtstrahlen aus Teilchen aufgebaut werden müssen. Sie belegten dies z.B. durch die Beobachtung am schwarzen Strahler.
Es gab große Dispute, in denen die Verfechter von Wellen und die von Teilchen einander gegenseitig beleidigten.
De Broglies postulierte, da er dem Streit endgültig ein Ende setzten wollte, die die kleine Gemeinschaft der Wissenschaftler spaltete, dass Lichtstrahlen sowohl Teilchen wie auch Strahlen sind. Beide Seiten hatten gewonnen. Damit beendete er zwar den Streit, machte die Lage allerdings nicht einfacher.
Die großen Denker machten sich jetzt darüber Gedanken, welche Materie in Wirklichkeit auch einen Wellencharakter haben könnten. Sie wollten wissen, wie Atome aufgebaut sind, kamen mit den Ergebnissen ihrer Experimente allerdings nicht ganz klar.
Schrödinger kam während einer Ski-Freizeit – manche Menschen können wirklich schwer abschalten – eine Formel in den Sinn, die das Problem beschreiben könnte. Die Formel war super, da sie viele Beobachtung erklärte, hatte jedoch einen Haken: Sie war nicht lösbar. Irgend ein Schwachsinn blieb immer übrig, egal wie man es dreht oder wendete.
Heisenberg leitete aus der Formel seine Unschärferelation ab. Um diese zu Erklären kam erneut Schrödinger auf eine dumme Idee. Er erklärte sie mit einem Gedankenexperiment.
In einem Karton sitzt eine Katze. Neben der Katze steht ein Gift, welches jederzeit die Katze töten kann. Solange man den Karton nicht öffnet und hineinschaut, ist die Katze für den Außenstehenden weder lebendig noch tot. Er kann es nicht wissen, solange er nicht hineinblickt. Wenn er es allerdings tut, hat die Katze einen bestimmten Zustand. Man kann sich allerdings nicht erklären, wie sie es bisher geschafft hat, das Gift zu umgehen.
Schrödinger wurde von Katzenliebhabern übrigens bis zu seinem Tod angefeindet.
Genauso wie bei der Katze ist es auch bei kleinesten Teilchen. Sie sind für uns nicht fassbar. Entweder kennen wir ihren Ort, können dann allerdings nicht sehen, wie sie sich bewegen oder wir kennen ihre Bewegung, können dafür allerdings nicht sagen, wo sie gerade sind.
Die ganze Misere ist ein Ergebnis der Formel, von der ich erzählte. Eine Formel, die nicht gelöst werden kann. Entweder berechnet man den Ort oder die Bewegung. Niemals beides gleichzeitig.
Mit Materie kennen wir uns aus, da sie uns umgibt. Da Schwingungen allerdings größtenteils unsichtbar sind, fehlt uns hier die Erfahrung. Eine tolle Eigenschaft von Wellen ist, dass sie getunnelt werden können.
Es wäre so, als würden sie auf ein Hindernis treffen, es überspringen und unbeschadet hinter ihm erscheinen. Wir können uns das wie einen Geist vorstellen, der durch Türe und Wände gehen kann. Das wiederum können wir uns vorstellen, da das Radio z.B. auch in geschlossenen Räumen funktioniert. Die Radiowellen überwinden Mauern, wobei ich hier stark vereinfache.
Tatsächlich können wir feststellen, dass Wellen von einem Ort zum anderen springen, ohne dass sie jemals im Zwischenraum waren. Diesen Sprung nennt man Tunneln.
Forscher fanden heraus, dass kleinste Teilchen dieselbe Eigenheit haben. Sie springen von a nach b ohne jemals im Raum dazwischen zu sein.
Was sich schneller als Licht bewegt, so sagt Einstein, ist auch schneller als die Zeit. Die Wellen kommen daher schneller am Punkt b an, als sie a verlassen. Ab hier hängt sich unser Gehirn dann auf.
Forscher in Deutschland haben eine Symphonie von Mozart getunnelt. Leider konnten sie ihren Erfolg nicht belegen, da sie die Symphonie im Raum nicht mehr fanden. Sie war zwar am Punkt x verschwunden, ›wo‹ oder besser ›wann‹ sie jedoch aufgetaucht ist, wusste niemand. Ich persönlich glaube, dass die Symphonie einem gewissen Mozart vorgespielt wurde. Er hat in Wirklichkeit nur von sich selbst abgeschrieben!
Die Auswirkungen dieser Überlegungen sprengen auf jeden Fall unseren Kopf.
Neueste Berechnungen haben gezeigt, dass man die Schrödinger Formel doch lösen kann, wenn man die Zeit als komplexe Zahl einsetzt. Sie ist dann nicht mehr eindimensional. Sie besitz eine weitere Ebene. Auch dies können wir mit unserem Geist nicht begreifen.
Durch das Hinzufügen einer weiteren Ebene ist es möglich, dass Teilchen gleichzeitig an zwei Orten sein können.
Wir sind in unserer Welt so gefangen, wie eine Milbe, die auf einem Bett sitzt. Ihre Welt ist eben. Sie kennt kein ›Oben‹ oder ›Unten‹. Die Milbe lebt in einer zweidimensionalen Realität.
Wir kennen nur die lineare Zeit. Gelingt es der Milbe, die Ebene des Bettes zu verlassen, dann wäre fast alles möglich. Sie könnte sich frei bewegen.
Genau das macht mein Gerät. Es befreit uns von der Linearität der Zeit.«

Abendessen

Boris setzte sich beim Abendessen, trotz der klaren Anordnung, zu mir an den Tisch. Heiko saß ihm zur Seite. Unsere verschreckte Schildkröte schaute nicht zu uns, als wir uns niederließen. Es war, als hätte er einen Fleck auf seinem Teller entdeckt, den er nur mit Geisteskraft wegzaubern wollte.
Kalt lächelnd sagte Boris zu ihm: »Weißt Du zufällig, wo ich eine alte Schere finde?«
Der Angesprochene zuckte zusammen. Er sprang auf und eilte zum Tisch der Heimleitung.
Boris lehnte sich zu mir hinüber. »Jetzt wissen wir, wer uns verraten hat.«
Ich blickte ihn fragend an. Eine Idee, von wem er sprach, hatte ich nicht.
»Ich habe ihm gestern Nacht gedroht, dass ich seinen Schwanz abschneide, wenn er uns verpetz hat. Dazu würde ich die stumpfeste Schere nehmen, die ich finden könnte. Er blieb so ruhig liegen, dass ich meinte, er würde schlafen.
Er zuckte mit den Achseln. »Jetzt hat er sich verraten.«
Heiko stand hinter Herr Berkowitz und deute in unsere Richtung. Dabei schien er den Tränen nah.
Der Heimleiter erhob sich. Ein wenig später stand er bei uns.
»Ich hatte doch gesagt, dass ihr euch nicht zusammen an einen Tisch setzen solltet. War das so schwer zu verstehen?«
Boris stand auf und trottete zu einem anderen Platz. Die Mine des Leiters war nicht schwer zu deuten. Es war kurz vor der Explosion. Schnell wendete er sich ab. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, dass Dampf aus seinen Ohren kam.
Heiko setzte sich erneut.
Mir war der Appetit vergangen. Obwohl es Griesbrei gab, war mir neben dem Verräter unwohl. Jesus mag beim letzten Abendmahl anders gedacht haben, ich jedoch bevorzugte Freunde in meiner Nähe.
Heiko flüsterte: »Ich musste es doch sagen. Er ist mein Patenonkel.«
Meine Augen weiteten sich. »Dieses Monster ist dein Onkel?«
Mir wurde schwindelig. Eigentlich hätte es mich nicht überraschen sollen. In dieser Gemeinschaft war fast jeder mit jedem verwandt. Wenn man nur eine begrenzte Anzahl von Partnern hat, blieb das nicht aus.
Bei konservativen, evangelikalen Christen läuft ähnlich wie bei einer Inselbevölkerung. Man lernt sich auf einer Freizeit wie diese kennen, es folgt das Verliebtsein, besucht die Gemeinde des Anderen, kaum hat man sich versehen, ist man verheiratet.
Da Scheidung für die Frommen nicht in Frage kommt, bleibt man sein Leben lang bei seinem Ehepartner. Die Kinder lernen andere Kinder in Freizeiten kennen und der Kreis des Lebens schließt sich.
Ich schaute zu Julia hinüber. Mit ganzem Herzen hoffte ich, dass ihre Eltern nicht teil dieser Bewegung waren oder erst später dazugekommen sind.
Heiko sagte: »Ich wollte euch nicht verraten.«
»Das hat Judas sicherlich auch gesagt. Bezeichnenderweise war es auch an einem Donnerstag, als er den Verrat begann und sich anschließend erhängte.«
»Du willst, dass ich Selbstmord begehe?«
»Ach mach doch, was Du willst. Am Liebsten wäre mir, wenn Boris seine Drohung wahr machen würde. Du hättest es nicht anders verdient.«
»Aber er ist mein Onkel.«
»Würde ich nicht beim Tischdienst helfen, würde ich jetzt aufstehen und gehen. Es schmeckt mir einfach nicht, neben einem Denunzianten zu sitzen.«
Auf einmal hatte Heiko Tränen in den Augen. Er schluchzte, dann sackte er in sich zusammen.
Ich schlürfte ein wenig Grieß von meinem Löffel und versuchte ihn zu ignorieren.

Bastelstunde Tag 4

Die Steine in meinem Bauch schien nicht kleiner zu werden. Im Gegenteil wuchsen sie immer mehr an und schlugen aneinander, sobald ich den Plan im Kopf durchging.
Das Auftauchen des Geistes würde uns vielleicht ein paar Minuten Ruhe bieten. Was sollten wir in dieser kurzen Zeit unternehmen? Die Tür der Höhle aufschließen?
Wenn Siegfried das Gold erblickte, welches dort im Eingang lag, würde er begreifen, dass etwas faul ist. Außerdem mussten wir das restliche Gold rausholen.
Boris wollte bisher immer so viele Helfer wie möglich. Bei der Aktion würde es allerdings auf uns Drei ankommen. Jörg und Daniel sollten wir nicht einweihen, da der Effekt besser wäre, wenn sie schreiend davonliefen. Vielleicht rannte ihnen Siegfried hinterher. Wussten sie von dem Raumschiff?
Julia kam an meinen Tisch, während ich mir Gedanken machte. Sie lachte und zeigte auf meine Schiefertafel.
»Du hast Gebote mit H nach dem O geschrieben.«
»Ich hatte schon immer eine viel zu große Fantasie, wenn es um die Rechtschreibung geht. Vielleicht bekomme ich es überschrieben.«
»Es macht nichts. Lass es einfach so stehen. Du kannst ja behaupten, dass Mose Legastheniker war.«
Ich stimmte in ihr Lachen ein.
Mir kam ein Gedanke. »Sag mal, hast Du heute Nacht etwas vor? Ich meine außer Schlafen?«
»Wollt ihr schon wieder ausbrechen?«
»Siegfried und mein Onkel werden uns begleiten. Sie wollen beweisen, dass es im Steinbruch nicht spukt.«
»Spuken?«
»Ich habe erzählt, dass wir dort auf der Suche nach einem Geist waren.«
»Sie wissen nichts von dem Gold?«
Ich sah Julia an. Sie sah fragend zurück.
»Das Gebot mit dem Lügen muss ich noch aufschreiben.« Ich klopfte mit dem Meißel gegen die Schiefertafel vor mir.
»Das würde ich Dir auch raten.«
»Also kommst Du mit?«
Julia zögerte einen Augenblick, dann nickte sie. Sie lächelte mich an. »Hoffentlich kommt kein Gespenst.«
»Es wird Eines auftauchen. Da bin ich mir sicher. Du brauchst allerdings keine Angst zu haben. Das helle Licht wird von Boris gelenkt.«
Anja kam hinüber zu meinen Tisch. »Na was machen die Gefoulten. Heckt ihr etwas aus?«
Julia wirbelte herum. »Was willst Du denn hier?«
»Ich wollte Sebi nur sagen, dass man weder Boot noch Gebot mit H schreibt.«
»Das habe ich ihm schon gesagt.«
»Dann ist ja gut.«
Anja drehte sich wieder um.  Mit einem gelangweilten ‚Pah‘-Laut wandelte sie zurück an ihren Tisch.
»Die ist echt unmöglich.« Julias Stimme zischte, während ihr Daumen in Anjas Richting zeigte. 
»Sie wird nicht netter, wenn man sie näher kennt. Allerdings ist sie gut mit Boris befreundet. Außerdem kannte ich sie schon, als wir noch Säuglinge waren. Ich könnte schwören, dass sie mir damals den Schnuller stahl.«
Julia musste erneut lachen.
Leider verging das Heimwerken viel zu schnell. Durch Julias Gegenwart raste die Zeit dahin. Zum Schluss rutschte mir die Steinplatte aus den Händen und zersprang auf dem Boden in tausend Teile.
Ich sah betretend auf die Reste. Wahrscheinlich musste sich Mose mit der Erstausgabe ähnlich gefühlt haben.

Kapitel 7: Bibelarbeit am Nachmittag

Die Zeit verging wie im Flug. Mein Onkel brachte uns zur Bibelarbeit und wir hatten keine Chance, uns weiter zu unterhalten.
Jeder von uns ging in seine Ecke. Ich folgte nur widerwillig den Worten unserer Prediger.
Dem Exodus folgten das Goldene Kalb und mit ihm die zehn Gebote. Die Geschichte hatte mir noch nie wirklich gefallen. Die ersten Gebote waren eher sphärisch als praktisch. Die Letzten waren dagegen so trivial, dass man sie auch selbst hätte erfinden können.
Was bedeuten schon ›Du sollst den Namen Deines Gottes nicht unnütz führen‹? Im Islam wird der Name Gottes so oft wie möglich genannt. Selbst bei alltäglichen Gesprächen. Ein einfaches ›guten Appetit‹ wird zu ›Ala segne Deine Speisen‹. Ein Hallo wird zu ›Ala segne Dich‹.
Warum hatte es der christliche bzw. jüdische Gott, der doch derselbe ist, nicht so gerne, wenn man seinen Namen gebraucht? Es steigert doch nur seine Beliebtheit. Für einen Gott gelten anscheinend andere Regeln des Marketings.
Während der Hälfte der Stunde fuhren zwei schwarze Limousinen auf den Hof. Herr Berkowitz war diesmal besser darauf vorbereitet. Kaum hatten sie die Einfahrt erreicht, war er schon auf dem Weg nach draußen.
Er fing den ersten Wagen ab und lehnte sich zum Fahrer hinunter. Einige Minuten später, in denen Siegfried beständig schrumpfte, setzten die Autos zurück und verschwanden. Mich hätte interessiert, was Berkowitz den schwarzen Männern sagte. Er brauchte recht lange, um Ihnen die Sache mit dem Privatgrundstück klar zu machen.
Ich schaute zu Boris, der sich verkrampft hinter seiner Bibel festhielt.
Wenn er noch einen Tag blieb, würden sie ihn holen. Sie würden mit noch mehr Autos anreisen. Danach würde selbst Herr Berkowitz sie nicht zurückhalten können. Dabei benahm er sich die gesamte Zeit merkwürdig unbefangen.
Gegen Ende der Bibelarbeit erklärte der Mann mit der peinlichen Frisur dann: »Das Geländespiel fällt heute Nachmittag aus. Stattdessen wird Siegfried mit euch basteln.«
»Wir wollen die Steinplatten Moses nachbilden. Ich habe dazu extra kleine Schiefernplatten anfertigen lassen.«, sagte Siegfried. Er lächelte uns an.
Ich sah zu Boris hinüber, der mich fragend ansah.
Die Anderen eilten aus dem Raum, um zur Werkstatt zu kommen. Sie wollten auf keinen Fall etwas verpassen.
Ich hielt Boris und Anja zurück. »Wisst ihr, warum das Geländespiel heute ausfällt?«
Boris zuckte mit den Achseln. Anja sagte: »Wahrscheinlich sind wir dadurch besser zu kontrollieren. Sie wollen nicht, dass wir neue Pläne aushecken.«
»Apropos Pläne, wie ist der Plan für heute Abend? Ihr seid doch so gut darin, euch etwas einfallen zu lassen.«
Boris lächelte. »Wir sind doch auf der Suche nach einem Geist. Was wäre, wenn dieser Geist tatsächlich erscheinen würde? Er wartet nur auf einen Wink von mir.«
»Das dürfte für die nötige Ablenkung sorgen. Allerdings glaube ich nicht, dass Siegfried vor Angst davonläuft und wir alleine das Gold holen können.«
»Die Bedingung dafür ist, dass wir den Schlüssel haben. Sonst können wir auch das Gold vergessen.«
Anja mischte sich ein. »Du setzt alles auf eine Karte. Der Plan hat viel zu viele Löcher.«
»Wir müssen improvisieren. Fällt Dir etwas Besseres ein?«
»Mein Onkel wird uns begleiten. Er hat definitiv keine Angst vor Geister.«
»Ich habe noch eine Überraschung im Ärmel.«
Ich schüttelte den Kopf. Das gefiel mir nicht. Wie Anja es sagte, lagen vor uns zu viele Unwägbarkeiten. Es gab zu viele Punkte, in denen etwas falsch laufen konnte.
Wenn Siegfried sich nicht ablenken ließe, wenn mein Onkel nicht auf die Show hereinfiel, was würden wir dann machen?
Boris legte die Hand auf meine Schulter. »Das wird schon gutgehen.«
»Es muss gutgehen. Es geht gar nicht anders. Die Konsequenzen, wenn etwas schief liefe, wären verheerend.«

Der (oder Das) Mitmachblog ist 1 Jahr alt

Es ist tatsächlich schon ein Jahr her… wie die Zeit vergeht.

MitmachBlog

Ich weiß nicht recht, wer sich noch an die lustige Zeit erinnern kann, in dem dieses Baby, das Licht der Welt erblickte. Wahrscheinlich war ich schon wieder blau, tatsächlich war die Geburt auf jeden Fall eine Schnapsidee.
Aus einer Unterhaltung mit Dampfbloque heraus wurde im Kurzschluss dieser Blog gegründet.
»Wie vernetzt man sich in Deutschland mit anderen Bloggern?«, das war die Frage des Kollegen mit dem merkwürdigen ›QU‹ im Alias. Meine Antwort war dieses Ding hier.
Ohne die Hilfe vom Zeilenende und von Einigen von den Ersten, wäre das Kind eine Totgeburt gewesen.
Der Anfang war jedoch grandios. Es war wie ein Gedicht. Jede Mitteilung wurde von so vielen Leuten verfolgt, wie keine Einzige im privaten Umkreis. Die erste Mitarbeiterin verabschiedete sich damals, weil sie den Überblick verlor. Das Chaos war perfekt.
Ich schrieb fast jeden Tag einen Eintrag, wir suchten ein einheitliches Design, welches dann vom Helden der ersten…

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Kapitel 6 ist online!

Hallo und herzlich willkommen im Frühling 2017.

Das sechste Kapitel meiner Geschichte ist jetzt online. Ihr findet es oben im Menü oder hier!

Ab Morgen dürft ihr dann erfahren, wie es im 7. Kapitel weitergeht.

Ich freue mich, über jede Meldung. Wenn Ihr Anregungen habt oder Einwände, wenn euch etwas nicht gefällt, oder Ihr einfach nur labern wollt, dann meldet euch.

Gruß,

SAC

Vor der Bibelstunde

Beim Tischdienst, bei dem ich diesmal trotz der Regel mithalf, fragte ich Boris, warum ihn die Leute in den schwarzen Anzügen nicht erkannt hatten.
»Wenn man mit der Zeit spielt, hat man verschiedene Möglichkeiten. Man kann sich z.B. jünger und älter machen, ganz nachdem wie man wirken möchte.«, sagte er.
»Das heißt, dass Du eigentlich nicht wie ein Zwölfjähriger aussiehst?«
»Ich bin schon etwas älter. Ich hatte gedacht, dass ich so nicht auffalle.«
Die Antwort erschien mir plausibel.
»Die Männer in Schwarz suchen also einen Erwachsenen und erwarten nicht, Dich hier als Kind vorzufinden?«
»Sie wissen, dass ich mich verändern kann. Sie kennen mich nicht als Kind. Allerdings ist das nur eine Frage der Zeit, bis sie ihren Irrtum einsehen..«
Anja kam auf uns zu und schüttelte den Kopf. »Er hatte den Schlüssel nicht in seiner Jacke.«
Boris blickte sie irritiert an. »Wo hat er bloß das Mistding?«
»Heiko sagte, dass Herr Berkowitz uns noch einen Strich durch unsere Rechnung machen kann. Er wird nicht begeistert davon sein, dass wir mit Siegfried heute Nacht den Steinbruch erkunden und nach Geistern suchen.«

»Ich glaube nicht, dass Siegfried sich vor ihm rechtfertigen muss.«
Mein Onkel kam in die Küche und sah uns an.
»Eigentlich solltet ihr doch getrennt arbeiten? Aber keine Angst, ich werde euch nicht verraten. Ich wollte nur mit meinem Neffen reden.«
Er kam näher und stellte sich neben das Waschbecken. Zu meinem Erstaunen griff er sich ein Trockentuch und half mit.
»Ich habe mit Siegfried geredet und von eurem Plan erfahren, heute Abend den Steinbruch zu erkunden. Ich werde euch natürlich begleiten. Soweit ich es sehe, wird Wilhelm gar nicht begeistert von der Sache sein.«
»Darüber haben wir gerade geredet.«
»Keine Angst, wenn ich euch begleite, wird Wilhelm nichts dagegen haben. Ich glaube allerdings nicht, dass er uns begleiten wird.«
Boris hatte mit der Reinigung der Teller aufgehört. Er blickte meinen Onkel an.
»Herr Berkowitz hat mir meinen Schmuck abgenommen. Ich würde ihn gerne wiederhaben.«
»Was ist das für ein Schmuck?«
Schnell sprang ich ein: »Es ist ein Talisman, der vor bösen Geistern schützt. Ich weiß, dass Du nichts von Aberglauben hältst, allerdings ist Boris so erzogen worden. Es fällt ihm schwer, diese Ansicht abzulegen. Wenn wir heute Abend zum Steinbruch gehen, wird er sich ohne ihn nackt vorkommen.«
Anja nickte. »Er ist ein absoluter Angsthase. Wenn er sich nicht an seinem blödsinnigen Schmuck festhält, werde ich ihn wohl tragen müssen.«
Mein Onkel erhob eine Augenbraue. Er sah mich an. »Du weißt recht gut, was ich von Talismanen und Amuletten halte. Sie sind Zeichen des Teufels.«
»Ich weiß, dass es Blödsinn ist. Aber mir wurde das so beigebracht. Mich auf die Spur nach einem Geist zu machen, ohne meinen Schutz, wäre so wie im Winter ohne Hemd und Hose im Schnee zu spielen.«
Nachdenklich nickte mein Onkel. »Ich werde bei Wilhelm ein gutes Wort für Dich anbringen. Versprechen kann ich allerdings nichts.«

Mittagessen

Anja wartete auf uns vor dem Speisesaal. Sie sah mich an und lachte. »Du humpelst ja gar nicht mehr. Hast Du den Schmerz vergessen?«
»Du hättest mich auch warnen können. Dann hätte ich wenigstens verstanden, warum Du es gemacht hast.«
»Ich hätte es auch gemacht, wenn ich keinen Grund gehabt hätte. Es ist einfach zu lächerlich, wie Du über den Platz schleichst. Man kann Dir, während Du läufst, Deine Schuhe neu besohlen. Außerdem fuchtelst Du mit den Armen, als wolltest Du ein Feuer ersticken.«
Boris lehnte sich zu uns. »Was machen wir? Wir brauchen bis heute Abend den Schlüssel und ich weiß nicht, wo er ist.«
»Vielleicht hat ihn Berkowitz in seiner Jacke? Er hatte sie die gesamte Zeit an.«
Boris zog die Augenbrauen nach unten und schaute auf die Erde. Er murmelte: »Wir müssen die Jacke untersuchen.«
Ich schaute in den Raum und sah unsere Heimleitung schon auf ihren Plätzen sitzen. Herr Berkowitz hatte seine Jacke über die Stuhllehne gelegt.
Anja lachte. »Das werde ich machen.«
Sie ging zu dem Stuhl neben dem Mann im Anzug.
Boris nickte mir zu.
Es war erneut ein Platz neben Heiko frei. Dieser winkte mich zu sich. Er lächelte mich an. »Ist Deine Verletzung schon geheilt?«
»Anja hat ganz schön durchgezogen.«
Die Servierwagen wurden eingerollte. Wie jedes Mal roch es nach dem gängigen Allerlei. Wahrscheinlich würde nur die Ostermahlzeit besonders sein. Es gab Linseneintopf, den ich normalerweise ganz gerne aß. Heute hatte ich nicht wirklich Lust darauf. Mir war nach drei Tagen Einheitsbrei nach Pommes und Hähnchenschnitzel.
Heiko füllte sich den Teller und reichte mir die Schüssel.
Er lehnte sich dabei zu mir. »Was habt ihr geplant?«
Ich flüsterte zurück: »Wir werden, wenn Alles glatt läuft, heute Nacht mit Siegfried zusammen zum Steinbruch gehen. Bis dahin brauchen wir allerdings den Schlüssel.«
Ich goss mir eine Portion Eintopf in meinen Teller und reichte die Schüssel weiter.
Heiko sah mich an, während er den Löffel zum Mund führte. Nachdem sein Mund leer war, sah er mich wieder erwartungsvoll an.
»Du kannst mitkommen. Es ist ja eine halbwegs offizielle Veranstaltung. Siegfried möchte uns beweisen, dass es im alten Steinbruch nicht spukt.«
»Ich frage mich, ob Herr Helm das mit Herrn Berkowitz besprochen hat. Der würde uns bestimmt nicht zum Steinbruch lassen.«
»Warum nicht?«
»Er hält ihn für zu unsicher.«
»Es ist seit Jahren nichts passiert. Was soll denn jetzt geschehen?«
Heiko schwieg. Er führte einen Löffel nach dem anderen zum Mund. Sein Schmatzen war widerlich.
Als er aufgegessen hatte, wischte er sich den Mund am Pullover ab.
»Sag mal, was waren das denn heute für Typen? Was wollten die hier?«
»Sie suchen Boris. Zumindest glaubt er das. Er ist immer angespannt, wenn sie da sind.«
»Woher weiß er das?«
Ich überlegte. Dabei schob ich mir einen weiteren Löffel in den Mund. Normalerweise neige ich dazu, mein Essen mehr zu inhalieren, als zu genießen. Diesmal war ich allerdings langsamer als üblich.
»Er kennt die Gruppe. Sie müssen schon eine ganze Zeit hinter ihm her sein.«
»Komisch, dass sie ihn nicht erkannt haben.«
Die Idee war mir noch gar nicht gekommen. Wenn er schon so lange vor ihnen floh, warum erkannten sie ihn nicht sofort?

Die Erklärung

Wir gingen gemeinsam aufs Zimmer, um uns umzuziehen. Das Mittagessen würde zwar erst in einer halben Stunde anfang, allerdings konnten wir uns auch mit anderen Sachen die Zeit vertreiben. Das war zumindest die Meinung der Heimleitung. 
Als ich die Sportsachen ausgezogen hatte, kam Boris in unserer Zimmer. Er legte seine Hand auf meinen Arm. So leise er konnte, sagte er: »Bitte warte, bis die Anderen weg sind. Ich muss mit Dir reden.«
Daniel und Jörg drängten uns, mit ihnen in das Sportzimmer zu kommen. Sie wollten unbedingt eine Partie Tischtennis spielen.
Heiko folgte ihnen, nachdem Boris und ich ihnen versprachen, schnellstmöglich nachzukommen.
Boris setzte sich auf mein Bett. Ich setzte mich neben ihn.
»Ich war während des Fußballspiels im Zimmer der Heimleitung. Wir hatten das mit Anja abgesprochen. Sie sollte die Leute ablenken, damit ich mich umsehen konnte.«
Ich schnappte nach Luft. Anja hatte Julia und mich also mit Absicht gefoult. Es ging nur um eine Ablenkung.
Ich fragte: »Hast Du den Schlüssel?«
»Entweder trägt er ihn bei sich oder er hat ihn so perfekt versteckt, dass ich ihn nicht finde. Auf jeden Fall war meine Suche erfolglos.«
»Anja hat also völlig umsonst versucht, mir das Bein zu brechen?«
»Sie weiß, was sie macht. Das war auch so abgesprochen.«
»Und Du hieltst es nicht für nötig, mich einzuweihen?«
»Du warst viel zu spät. Fast wärst Du gar nicht zum Fußball gegangen. Wo warst Du überhaupt?«
»Ich habe mich mit Julia unterhalten.«
»Der Verräterin?«
»Sie hat uns nicht verraten. Anja hat sie nicht wachgemacht. Julia hat die gesamte Nacht durchgeschlafen. Deshalb hat sie mich auch heute sofort gefragt, was überhaupt geschehen ist.«
»Das hätte Jeder gemacht. Selbst derjenige, der mit seiner Schuld leben muss. Eine Frage macht einen nicht weniger verdächtig.«
»Ich glaube ihr aber. Sie will uns helfen.«
»Du bist völlig geblendet von ihr. Eine objektive Meinung in der Hinsicht kann man sich von Dir nicht erhoffen.«
»Du musst mir einfach glauben, dass sie uns nicht verraten hat.«
»Wer war es dann?«
»Wir hatten uns gestern Abend am Tisch unterhalten. Vielleicht hat ein Anderer beim Essen unsere Unterhaltung belauscht. Vielleicht war es sogar Siegfried selbst.«
»Dagegen spricht, dass die Beiden so schlecht angezogen waren. Hätten sie etwas von unsere Nachtwanderung geahnt, hätten sie sie schon vor der Tür beendet. Sie wirkten, als hätte man sie mitten in der Nacht aus dem Bett geholt.
Außerdem wussten sie wenig über den Zweck unseres Ausflugs.«
»Julia hatte ich gesagt, dass wir das Gold wollen. Wir brauchen es, damit Deine Eltern ihre Schulden abbezahlen können. Das war zumindest die Geschichte, die ich ihr erzählt habe.«
Ich überlegte kurz. »Siegfried wusste nichts von dem Gold. Dann wird es Julia nicht gewesen sein. Sie hätte ihm auf jeden Fall davon erzählt.«
Wir blickten uns an und schwiegen.

Ablenkung

Mein Onkel unterhielt sich über eine halbe Stunde mit Herrn Berkowitz. Sie plauderten über die alten Zeiten und hatten mich völlig vergessen. Mein Bein fühlte sich mittlerweile wieder gesund an. Die Stelle, an der das Eis lag, brannte nur noch aufgrund der Kälte.
Die Köchin betrat die Küche und blickte uns an. »Wir müssen das Mittagessen vorbereiten.«, sagte die beleibte Dame in ihrem weißen Anzug.
Herr Berkowitz lehnte sich zu mir. »Hast Du noch Schmerzen?«
»Die sind fast weg.«
Mein Onkel lachte und klopfte mir auf die Schulter.
Die Heimleitung half mir auf die Füße und ich humpelte aus der Küche.
Von draußen hörte ich laute Stimmen. Herr Berkowitz ging mit beschleunigtem Schritt aus der Tür zum Fußballfeld.
Ich humpelte schneller.
Als ich draußen war, konnte ich sehen, wie Julia sich vor Anja aufgebaut hat. Sie standen einander gegenüber, wie Kontrahenten in einem Western. Gleich würde der erste Schuss fallen.
Erst langsam begriff ich, dass dieser schon vor meiner Ankunft gefallen war.
Julia schrie: »Erst foulst Du Sebi und jetzt mich. Kannst Du nicht fair spielen? Geht das gegen Deine Prinzipien?«
»Wenn ihr Idioten euch immer in den Weg stellt, müsst ihr auch damit rechnen, dass man zusammenstößt. Fußball ist nun mal kein Sport für Babys. Wenn ihr etwas Harmloses spielen wollt, dann spielt lieber Schach oder Mühle.«
Julia ballte die Fäuste.
Ich humpelte schneller zwischen die Beiden.
Anja sah mich. Sie schüttelte den Kopf. Diesmal ließ ich mich nicht von ihr stoppen. Humpelnd ging ich zwischen die Beiden.
Ganz plötzlich entspannte sich Anja. Sie sah zum Haus und lächelte. Ich folgte ihrem Blick und sah Boris, der aus dem Haus kam.
Anja schaute Julia an. »Ich muss mich entschuldigen. Mein Köpereinsatz war nicht gerecht. Ich werde versuchen darauf zu verzichten und nur noch fair spielen.«
Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging zurück in das Spielfeld ihrer Mannschaft.
Julia wollte ihr hinterherrennen, doch ich hielt sie fest. Ich sagte: »Es hat keinen Sinn. Anja ist sehr störrisch. Sie wird sowieso nicht auf Dich hören.«
»Wie kannst Du sie nur verteidigen?«
»Ich verteidige sie nicht. Ich will Dich nur vor ihr schützen. Keine Ahnung, was in ihrem Kopf vorgeht, allerdings befürchte ich, dass es nichts Gutes ist.«
Siegfried blies seine Pfeife. Er sagte, dass für Heute genug passiert war. Um die Freundschaft nicht weiter zu gefährden, wollte er das Spiel beenden.