Kaum waren wir aus dem Raum, sagte Winter: »Zum Glück hast Du die ›nicht zurechnungsfähig‹-Karte ausgespielt. Ich hatte schon Angst, dass Du ihn neugierig machst. Es wäre dumm, wenn sich dieser Trottel in unsere Ermittlungen einmischt.«
»Was meinst Du mit der Karte?«
Winter lachte spitz auf und sagte: »Schon gut. Du bist einfach unschlagbar.«
Nickend sagte ich: »Schön dass ich Dich amüsiere. Ich komme schon alleine klar. Du bist ja immer überall gleichzeitig, allerdings meist nie dort, wo man Dich braucht.«
»Das sagt derjenige, der gestern einfach spurlos verschwunden ist. Ich hätte Dich gebraucht.«
»Darf ich das zitieren? Winter brauchte mich.«
Maria baute sich vor uns auf und sah uns prüfend an, als wären wir eine unbeugsame und völlig unsportliche Schulklasse und sie die Sportlehrerin. Diesen Blick kannte ich. Kurz nach diesem Gesichtsausdruck erhielt ich im Unterricht meistens Anweisungen, der Art: »Wenn Du über den Bock springst, bekommst Du eine Eins!«, die ich nie erfüllen konnte. Meine Versuche beschränkten sich meistens darauf, im vollen Lauf das Sprungbrett zu verfehlen und dann frontal gegen den Bock zu donnern. Der Erfolg damals war: eine Stunden Sport-frei, die ich mit Kühlen meiner Weichteile verbrachte.
Sie schürzte die Lippen (was auch immer das sein soll) und sagte: »Ihr habt den Kommissar ganz schön verärgert.«
Winter lachte hell auf und sagte: »Dafür sind wir da. Er hat allerdings auch selten blöde Fragen gestellt und war nicht unbedingt geschickt bei der Wahl seiner Worte. Bob hat ihn darauf hingewiesen, indem er die Fragen mit genauso blöden Antworten quittierte.«
Maria schüttelte den Kopf. »Das war nicht gut. Ihr dürft in der nächsten Zeit die Stadt nicht verlassen.«
Mit einem Kopfnicken in Richtung Winter sagte ich: »Kein Problem. Ich würde mich sowieso gerne zu Hause ausruhen, wenn man mich lassen würde. Winter ist allerdings auf Streit aus und ich kann nicht für sie sprechen.«
»Der Knilch kann mir gar nichts sagen. Vom niederen Fußvolk nehme ich keine Befehle an.«
Maria sagte: »Das wäre allerdings besser für alle Beteiligten. Herr Paul hat die Innere informiert. Er ist fest davon überzeugt, dass Du die Bombe gelegt hast. Ihm fehlen bisher nur die Beweise.«
»Ist es schlau, einer Verdächtigen zu sagen, dass sie genau das ist?«, sagte ich.
»Es ist nur eine Warnung. Macht einfach keinen Blödsinn.«
Sie drehte sich um und ging in ihr Büro. Winter winkte mir und wir verließen die Wache. Die Besuche hier schienen sich seit dem letzten Frühling zu meinen Ungunsten zu häufen.
Im Auto fragte ich Winter, ob sie eine Idee hatte, wer diese Blonde sei. Frustriert schüttelte sie den Kopf.
Sie sagte: »Blondchen war viel zu nahe an der Explosion. Sie zeigte damit, dass sie keine Angst vor den Folgen hat. Außerdem hat sie sich bewegt, wie ein überirdisches Wesen. Sie ist allerdings keine von uns, sonst müsste ich sie kennen.«
»Und wenn sie neu ist?«
»Dafür war sie zu gut. Man braucht schon ein bisschen Übung. Nimm Dich als Beispiel. Du bewegst Dich immer noch so, als hättest Du Dein Elefant-Dasein nie aufgegeben.«
»Was soll das heißen?«
»War nur eine Feststellung. Jedenfalls ist sie gut und hat keine Angst.«
»Kann ja immer noch sein, dass wir es hier mit einem normalen allerdings verdammt gut trainierten Menschen zu tun haben.«
»Glaub ich nicht.«
»Wenn sie eine Erlaubnis von Deiner Tante besitzt, länger als üblich zu leben, dann müssen wir doch dort erfahren, wer sie ist.«
Winter schüttelte den Kopf und sagte: »Ich sprech nicht mit Tante. Sie ist viel zu überheblich und hat einen merkwürdigen Sinn für Humor.«
»Das kann ich nur bestätigen. Sie könnte uns hier allerdings helfen. Wie wäre es, wenn Du sie kurz anrufst und fragst? Dann bleibt Dir ein Besuch erspart.«
In dem Mantel nach ihrem Handy suchend sagte Winter: »Ich mach das wirklich nicht gerne. Aber Du hast recht, es wäre eine Möglichkeit.«
Sie tippte ein paar Zahlen ins Telefon und wartete. Ich sagte: »Ist schon merkwürdig mit Tod zu telefonieren. Bei einigen Anrufen beschleicht mich zwar auch das Gefühl, dass das Gegenüber scheintot oder zumindest hirntot sei, allerdings kannst nur Du Dir sicher sein, dass Deine Gesprächspartnerin Tod ist.«
Winter lächelte abwertend und wartete, bis das Tuten aufhörte. Sie sagte: »Hallo Tante.«
Ich konnte die Stimme am anderen Ende nicht verstehen. Es entwickelte sich ein Dialog, in dem Winter ihre Tante einige Fragen stellte. Diese antwortete immer einsilbrig. Aus den Fragen konnte ich nicht direkt schließen, worüber sie sprachen. Es war mir, als würden sie einen Code haben, damit man nicht merkt, worüber sie sprachen.
Ich konzentrierte mich auf den Verkehr und lenkte das Auto zurück zum Krankenhaus. Neben mir nahm Winter das Ohr vom Hörer und wirkte frustriert.
Sie sagte: »In den letzten Jahrhunderten hat meine Tante niemand außer Dich auf die Liste gesetzt. Früher passierte das noch regelmäßiger, weil die Leute an Magie glaubten und einige sie sogar praktizieren konnten. Die alten Bücher sind allerdings alle verschwunden. Daran ist meine Tante schuld.«
»Du meinst, diese blonde Dame könnte eine Hexe sein?«
»Oder sie ist mit einer Hexe oder einem Zauberer befreundet. Eigentlich egal, aber das ist die einzige Möglichkeit.«
Winter blickte durch die Frontscheibe und sagte: »Wo fahren wir eigentlich hin?«
»Ich dachte, wir machen noch einen kurzen Abstecher zu meinem Freund. Vielleicht ist ihm auf dem Marktplatz noch irgendetwas aufgefallen, was uns entgangen ist.«
»Warum hast Du nicht gestern Abend schon danach gefragt?«
»Keine Lust.«
»Immer das Gleiche mit Dir.«
Simon hatte Besuch. Er hatte mir gestern von seiner Frau erzählt und ich freute mich darüber sie kennenzulernen. Seine Kinder fehlten, da sie wahrscheinlich ihren Vater nicht in dem Zustand sehen sollten, was auch erklärte, warum er gestern Abend keinen Besuch hatte – jemand musste sich um die Kinder kümmern.
Die Frau wirkte beunruhigt und saß am Rand des Betts auf einem Hocker. Winter hätte sie beinahe umgerannt, als sie das Zimmer betrat. Ohne sich zu entschuldigen, baute sie sich neben dem Bett auf und sagte: »Ist Dir gestern irgendetwas Merkwürdiges aufgefallen?«
»Ja ich hab zufällig einen guten Freund von früher getroffen. Er lag im Bett neben mir und hatte Besuch von einer Dame, die die leicht unhöfliche Art an den Tag legt, Fremde direkt zu Duzen.«
Winter verdrehte ihre Augen und sagte: »Ich meine in Bezug auf den Anschlag?«
Simon überlegte kurz. »Ich war nicht lange vor der Tür, bis die Hölle losbrach. Zumindest habe ich keine bärtigen Männer mit Sandalen und weißen Badenmänteln gesehen. Allerdings hatte ich auch nicht explizit darauf geachtet.«
Ich schaltete mich ein. »War da eine Blondine auf dem Marktplatz, die sich merkwürdig benahm?«
Erneut war Simon still. Er sah zu seiner Frau und sagte dann: »Jetzt wo Du mich daran erinnerst, habe ich tatsächlich eine Frau gesehen. Sie sah ungefähr so aus, wie Deine Freundin.«
Genervt sagte ich: »Sie ist nicht meine Freundin.«
»Da sie Dir nicht von der Seite weicht, liegt die Vermutung nah.«
Winter sagte: »Du hast mich gesehen, wie ich mit Bob über den Marktplatz ging?«
»Nein, Du warst alleine und hast Dich vor dem Gemüsestand aufgehalten.«
»Das war ich nicht. Es wäre auch nett, wenn Du das nicht der Polizei erzählen würdest.«
Hinter Winter sagte eine tiefe Stimme: »Was sollte er nicht der Polizei erzählen?«
Ich wirbelte herum und sah in das Gesicht von Maria.
Winter sagte resigniert: »Er meint, mich am Gemüsestand gesehen zu haben. Dabei war ich die ganze Zeit bei Bob. Außerdem würde ich nicht versuchen ihn in die Luft zu jagen.«
Ich nickte zustimmend und sagte: »Sie hat ganz andere Folterinstrumente, mit denen sie mir mein Leben zur Hölle macht.«
»Sie ist also doch Deine Freundin?«
Maria reichte Simon ihre Karte. Sie ging zu den anderen Betten und rüttelte am Gestell. Als sich die Personen nicht rührten, ließ sie von ihnen ab.
»Das ist sicherlich nicht die netteste Art, zu sehen, ob jemand wach ist.«, sagte ich.
Maria sagte: »Bitte misch Dich nicht in polizeiliche Ermittlungen ein.«
Winter nickte mir zu und ich drehte mich zu Simon. »Irgendwie kenne ich zu viele rabiate Frauen.«, murmelte ich.
Simon sagte: »Vielleicht stehst Du ja auf diesen rustikalen Stil.«
Im aufgesetzten Plauderton sagte Winter zu Maria: »Dieser hier ist wach. Du kannst ihn ruhig etwas rumschaukeln. Das wird ihm kaum schaden.«
Mit einem Handwisch in unsere Richtung sagte Maria: »Bitte verlasst den Raum. Ich muss mich mit dem Zeugen allein unterhalten.«
Winter knirschte mit den Zähnen, während wir den Raum verließen. Simons Frau, die sich uns als Hannah vorstellte, wirkte, als ob sie neben sich stehen würde. Sie blickte immer wieder auf die Tür.
Ich sagte: »Er wird schon wieder.«
»Er hätte nicht vor die Tür gehen sollen. Wäre er bei uns geblieben, wäre ihm nichts passiert.«
»Ihm hätte immer etwas passieren können. Er lebt und wird bestimmt gesund.«
Winter sagte: »Er wird ein paar Narben im Gesicht behalten. Das macht ihn vielleicht interessanter.«
»Die Ärzte sagen, dass noch nicht sicher ist, ob er auf dem rechten Augen überhaupt noch irgendetwas sehen wird. Sein rechtes Trommelfell ist ebenfalls gerissen.«
Winter winkte ab. »Nur ein paar Schrammen – er wird sowieso irgendwann sterben.«
Ich schüttelte den Kopf und sah Winter entgeistert an. Sie sagte: »Es ist besser, die Wahrheit zu sagen, sonst macht die Gute sich noch zu große Hoffnungen.«
»Simon scheint mir mit der Geschichte gut umgehen zu können. Sie werden schon sehen, er wird wieder ganz der Alte.«
»Mit ein paar Schrammen, vielleicht ohne Augen und Ohren, aber der Rest sieht noch recht fitt aus.«
Hannah schluchzte leise und rieb sich das Gesicht. Eine rote Lampe leuchtete über der Tür auf und von drinnen erklang ein leises Fluchen. Eine Krankenschwester eilte einige Sekunden später in das Zimmer und warf die Tür hinter sich zu.
Sofort wollte Hannah in das Zimmer stürmen, aber Winter hielt sie zurück und sagte: »Vielleicht hat er es jetzt überstanden.«
Die Tür öffnete sich und Maria trat aus dem Zimmer. Sie sah zerknirscht aus und hielt den Kopf gesenkt.
Ich sagte: »Was ist da drin los?«
Leise sagte Maria: »Ich hab mich auf ein Bett gesetzt, in dem einer dieser Scheinleichen liegt. Dabei habe ich wohl ein Kabel abgerissen. Ganz plötzlich war dann eine Schwester da und hat mich rausgeschmissen.«
»Sei froh, wenn Du kein Hausverbot bekommst. Das könnte im Notfall sehr ungünstig für Dich sein.«
Maria sagte: »Er hat ebenfalls eine blonde Frau gesehen, deren Beschreibung auf Dich passt.«
Winter wirkte beleidigt und zog den Mund kraus. Ich sagte: »Winter war die gesamte Zeit vor der Explosion bei mir. Das müssten auch ein paar Kellner bestätigen können. Sie war nicht leise mit ihrer Kritik an den Speisen und dem Service.«
»Wir haben sie schon befragt. Es ist tatsächlich so, dass sich einige Gäste an Winter erinnern. Sie können ihr allerdings nicht für die gesamte Zeit ein Alibi verschaffen. Jeder der Befragten bestätigt, dass Winter immer unterwegs war. Zwischenzeitlich könnte sie das Restaurant verlassen haben, um die Bombe zu platzieren.«
»Was sollte sie für ein Motiv haben? Vor einem Jahr hat sie noch für die Polizei gearbeitet. Jetzt steht sie plötzlich auf der anderen Seite des Gesetzes?«
»Es war nicht das letzte Jahr.«, sagte Winter.
Maria sagte: »Viele Polizisten werden straffällig. Sie haben das Gefühl, dass sie sich das leisten können, glauben, dass sie über dem Gesetzt stehen oder sind einfach ausgebrannt und wollen sich an der Welt rächen.«
»Die Bombe galt mir. Sie wurde erst gezündet, als ich direkt davor stand.«
»Das ist kaum möglich. Bei der Wucht der Explosion hätte man nur noch Stücke von Dir finden müssen. Du musst weit genug entfernt gestanden haben. Wahrscheinlich bildest Du Dir nur ein, dass Du am Ort des Geschehens warst. Ein posttraumatischer Schock oder so etwas.«
Den Kopf schüttelnd sagte ich: »Das ist doch nicht wahr. Ich kann mich noch genau daran erinnern. Die Bombe muss unter dem Obststand gelegen haben. Ich stand direkt davor.«
Maria schüttelte ebenfalls den Kopf. »Das ist nicht möglich. Wir können gerne darüber sprechen, allerdings kannst Du es nicht beweisen.«
Resigniert ließ ich die Schultern hängen. Winter sagte: »Ich finde nett, dass Du uns warnst.«
Für eine Sekunde hielt Maria inne und sah Winter direkt in die Augen. »Warst Du es?«
»Nein ich war es nicht. Ich hatte kein Motiv, habe zu der Zeit etwas anderes gemacht und bin auch sonst völlig unschuldig- jedenfalls soweit es den Marktplatz betrifft.«
Maria sagte: »Wie ich es schon erwähnte: Ihr seid die Hauptverdächtigen in einem Terror-Fall. Ihr müsst in der Nähe bleiben, falls wir weitere Fragen haben – oder eure Schuld beweisen können.«
Mit einem Nicken sagte Winter in meine Richtung: »Wir sollten schnellstmöglich diese Blondine finden. Nur mit ihr können wir nachweisen, dass wir keine Bombe gelegt haben.«
Ich lachte auf und sagte: »Das dürfte kein Problem sein. So oft, wie die Dame schon versucht hat mich zu töten, wird sie es bestimmt noch einmal probieren. Unsere Wege werden sich schnell erneut kreuzen.«
»Es wurden noch mehr Anschläger unternommen?«
»Gestern Morgen hat jemand versucht, mich zu erschießen. Hat allerdings nicht funktioniert. Seit ich bei Winters Tante einen gut habe, prallen Kugeln an mir ab. Es hat schon etwas Gutes, jemand zu kennen, der mit Tod verwandt ist.«
Maria verdrehte die Augen und sagte: »Du klingst manchmal so, als solltest Du dringend im dritten Geschoss die geschlossene Station besuchen, um dort Deine Murmel gerade rücken zu lasssen. Vielleicht hilft Dir das ja.«
»Er hat immer noch genug posttraumatischen Stress oder wie man das nennt. Schreib ihn erst einmal als ›nicht zurechnungsfähig‹ ab.«, sagte Winter.
Ich sah die beiden an und sagte: »Wir können ruhig zu den Autos gehen und ihr könnt euch auf dem Weg weiter über mich unterhalten. Es klingt sehr informativ.«
Maria lachte auf und fragte Winter. »Wie bist Du bloß zu dem gekommen?«
»Er wurde mir quasi aufgedrängt.«
»Du tust mir leid. Es ist allerdings immer so eine Sache, wo die Liebe hinfällt.«
Ich sagte: »Wir sind nicht zusammen und werden es auch nicht sein. Außerdem lass Winters andere Tante aus dem Spiel. Sie ist eine ziemlich verrückte Frau und kommt vielleicht auf Ideen, die keinem von uns gefallen würden.«
Milde lächelnd sagte Winter: »Er weiß immer noch nicht genau, was er an mir hat. Wahrscheinlich wird ihm erst etwas fehlen, wenn ich gehe.«
»Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn Du gehst. Du kannst auch gleich Deiner ganzen Familie sagen, dass sie sich verziehen soll. Sie gehen mir insgesamt auf den Geist.«
Maria blickte ernst und sagte: »Es ist immer so eine Sache. Ich hatte mal eine Freundin, deren Familie ich absolut nicht ausstehen konnte. Die Familie konnte mich im Gegenzug auch nicht leiden. Letztendlich ist die Beziehung daran zerbrochen. Man kann sich nicht völlig von seiner Herkunft lösen. Man bleibt immer ein fester Bestandteil, auch wenn man es manchmal nicht will.«
Etwas zu laut sagte ich: »WIR SIND NICHT ZUSAMMEN UND FÜHREN AUCH KEINE BEZIEHUNG.«
Wir kamen auf den Parkplatz und mir wurde schmerzlich bewusst, dass ich das Parkticket vergessen hatte. Winter regte sich furchtbar darüber auf, dass ich erneut zurückgehen musste.
Bevor ich zum Parkscheinautomaten ging, verabschiedete ich mich von Maria. Irgendwie hatte ich sie in mein Herz geschlossen. Sie war zwar eine raue Person, sie hatte uns allerdings so oft geholfen, dass ihr grober Charakter kaum noch eine Rolle spielte.
Als ich die Beiden verließ, steuerte Maria auf ihr Auto zu. Natürlich parkte sie auf dem Mitarbeiterplatz, auf dem sie nicht bezahlen musste.
Winter sah mir schmollend hinterher. Sie bestrafte meine Vergesslichkeit mit einer Mine, die anderen Menschen sicherlich den Frost in die Glieder hätte fahren lassen.
Als ich gerade vor dem Automaten stand, explodierte etwas hinter mir. Eine Sekunde lang, war alles in grelles Licht getaucht. Dann ließ die Druckwelle einen großen Teil der Fenster auf meiner Seite des Krankenhauses zerbrechen. Es regnete viele kleine Splitter auf mich hinab.
Eine Frau schrie irgendetwas. Ich erkannte die Stimme. Es war Winter. Schnell drehte ich mich um und rannte zurück.
Eine Rauchsäule erhob sich auf dem Mitarbeiterparkplatz. Ich sah, wie Winter in diese Richtung lief. Ich rannte ihr hinterher.
Das Feuer war in einem Auto ausgebrochen, was mir wage bekannt vorkam. Es war der Wagen von Maria.
Winter hatte die Tür erreicht und riss sie auf. Als ich sie erreicht, zog sie etwas aus dem Innenraum, der mit Rauch gefüllt war.
Schnell half ich ihr Maria auf den Parkplatz und weg von dem Brand zu ziehen. Marias Kleidung hatte Feuer gefangen.
Ich zog meinen Mantel aus und bedeckte mit ihm die Flammen, die zischend erloschen.
Ich beugte mich über die leblose Person und wischte ihr den Ruß aus dem Gesicht. Sie atmete nicht mehr.
Schnell tastete ich nach ihrem Puls. Am Hals konnte ich nichts spüren.
Dann klopfte mir Winter auf die Schulter. Mit einer Handbewegung schob ich ihre Hand zurück. Sie sagte etwas zu mir, was ich nicht begriff.
Ich legte eine Hand in Höhe von Marias Herz, nahm meine zweit über die erste und drückte, so wie ich es aus dem Fernsehen kannte.
Winter sagte erneut etwas zu mir, doch ich wollte sie nicht hören.
Sie sagte: »Es hat keinen Zweck. Schau Dir ihr Gesicht an.«
Ich zählte 21, 22 und drückte erneut.
»Ihr halbes Gesicht ist nicht mehr da. Schau sie Dir doch an. Sie ist tot.«
Erneut zählte ich und drückte.
»Das bringt sie nicht zurück. Du kannst sie noch so animieren, das bringt sie nicht zurück.«
»Sei nicht so verdammt pessimistisch. Sie wird schon wieder.«
»Mach Dir nichts vor. Die Hilfe ist umsonst.«
»Das kannst Du nicht wissen.«
Ich zählte und drückte weiter.
Eine Hand riss mich von Maira und um die eigene Achse. Ich blickte in das Gesicht von Kommissar Paul. Sein Wahlrossbart leuchtete in dem Licht der Flammen, die immer noch aus dem Auto stiegen. In seiner Miene sah ich Verachtung.
Er sagte: »Sie haben meine Kollegin ermordet.«
Tränen rannen über meine Wangen. »Das waren wir nicht.«
»Überall wo sie sind, fliegt etwas in die Luft.«
»Ich habe diese verfluchte Bombe nicht gelegt.«
Hinter dem Rücken von Herrn Paul sah ich Winter. Zwei Beamte hatten sie fest im Griff.
Mit einer kalten Stimme sagte der Polizist: »Bitte führen sie die beiden ab. Ich werde mich auf dem Revier um sie kümmern.«
Etwas Kaltes schloss sich um mein Handgelenk. Dann wurde meine Hand nach hinten gerissen. An meinem anderen Handgelenk fühlte ich einen kurzen Druck, dann hatten sich die Handschellen geschlossen.
Winter sagte: »Wie oft sollen wir Ihnen noch sagen, dass wir nichts mit diesen Vorfällen zu tun haben. Sie werden es bereuen, wenn sie uns festhalten.«
Herr Paul fuhr herum und sagte: »Sie drohen mir? Sie drohen mir, nachdem sie eine Kollegin umgebracht haben? Haben sie überhaupt keinen Respekt?«
»Ich habe Respekt vor Leuten, die ihn sich verdient haben. Finden sie diese verdammte Attentäterin – tot oder lebendig – mir ist das egal.«
Ich sagte: »Wahrscheinlich könnte das mit dem tot etwas schwerer werden.«
Die zwei Beamten zerrten Winter zu einem Auto. Ich wurde nach vorne geschoben und stand kurz darauf ebenfalls vor der Tür des Wagens, in dem ich Winter auf der Rückbank sitzen sah. Es ging so wahnsinnig schnell, dass ich kaum etwas begriff.
Schon saß ich neben ihr.
Ich sagte: »Wir können uns hier nicht anschnallen. Mit Handschellen ist das schwer.«
Der Beamte der vor mir saß lachte kurz auf. Er sagte: »Es wird uns niemand deswegen anhalten.«
»Müssen sie nicht die Regeln befolgen?«
»Nicht wenn wir es mit gefährlichen Kriminellen zu tun haben. Und wenn es sich um Mörder handelt, die eine Kollegin umgebracht haben, dann müssen wir das erst recht nicht.«
Winter lachte zynisch auf und sagte: »Wir haben mit dem Tod von Maria nichts zu tun. Das war jemand anderes.«
»Das werden wir dann sehen. Im Moment gehen wir davon aus, dass sie die Bombe gelegt haben.«
Nachdem sie mir alle Dinge abgenommen hatten, die ihnen irgendwie gefährlich vorkamen (mein Gürtel wurde als Erstes konfiziert), stießen sie mich in einen kleinen, ziemlich kargen Raum. Die Fenster waren vergittert. Ein Durchgang führte in ein noch kleines Zimmer, mit einer Toilette.
Im größeren Raum stand lediglich noch ein Bett, welches seine besten Tage schon vor einer Ewigkeit hinter sich gelassen hatte und trotzdem weiter leben musste. Warum sie dem armen Ding keine Ruhe gönnten, konnte ich nicht nachvollziehen. Irgendwie fühlte ich mich gerade genauso wie dieses Bett.
Der Raum war nicht unbedingt das, was ich mir vorgestellt hatte. Insgesamt war es netter als einige Hotelzimmer, in denen ich bisher abgestiegen war. Allerdings fehlten der Schreibtisch und der Fernseher. Wäre mir so ein Zimmer untergekommen, hätte ich mich beschwert. Wer kann schon ohne Fernseher leben? Gilt der nicht eigentlich als Standard?
Vielleicht wurde er entfernt, weil er Menschen in den Selbstmord getrieben hat. Das Programm ist in der letzten Zeit immer schlechter geworden. Das kann empfindsame Seelen für immer zerstören.
Ich setzte mich auf die Bettkante und sah mich weiter um.
Von außerhalb der Tür hörte ich Winters Stimme. Sie rief nach mir.
Ich ging langsam zur Tür und lauschte.
»Kannst Du mich hören, Bob?«
Für einen Moment zögerte ich. Vielleicht war es eine neue Gelegenheit endlich Ruhe zu bekommen. Wenn ich mich hier einfach nur aufs Bett legen würde, könnte ich vielleicht die gesamte Geschichte vergessen. Sie kam mir sowieso eher wie ein böser Traum vor. Dabei neige ich eigentlich gar nicht zu Albträumen.
Winter schrie erneut: »Bob? Wie geht es Dir?«
Sie klang wirklich besorgt. Ich schrie zurück. »Mir geht es gut. Was ist mit Dir?«
»Ich wusste doch, dass ich Dich mit dem kleinen Trick zum Reden bringen würde. Kaum sagt man die einfache und nicht ganz ehrliche Floskel, musst Du einfach antworten.«
»Du hast mir nicht geantwortet.«
»Brauch ich nicht. Du weißt, dass es mir immer gut geht.«
Müde legte ich meinen Kopf an die Tür. Sie ging mir einfach nur auf die Nerven. Wäre sie dieses Jahr fern geblieben, wäre ich jetzt zu Hause und würde mir eine neue Serie auf Netflix ansehen oder würde PS4 spielen. Hätte sie mich doch blos nie besucht…
Leise murmelte ich: »Hätte, hätte, Fahrradkette.«
»Soll ich uns hier herausholen?«
Immer wieder den Kopf schüttelnd sagte ich: »Nein bitte nicht! Es würde uns nicht viel bringen und wir müssten ständig über unsere Schulter schauen, ob dort die Polizei auf uns lauert. Ich habe da überhaupt keine Lust drauf.«
»Ich kann mich als Wolke durch Gitterstäbe gleiten lassen und hol dann den Schlüssel. Du wirst sehen, das ist kein Problem für mich.«
»Lass uns doch erst einmal hier bleiben. Sie finden vielleicht Beweise für unsere Unschuld.«
»Die finden nicht einmal ein Kamel, welches direkt vor ihnen im Salat steht. Besonders dieser Paul ist ein absoluter Versager.«
Ich konnte eine weitere Stimme im Gang hören. »Interessante Beobachtung. Ich würde den Herrschaften allerdings raten, keine Dummheiten anzustellen, auch wenn ich das mit der Wolke gerne sehen würde. Wir werden uns morgen um sie kümmern.«
Zusammenzuckend ging ich einen Schritt von der Tür weg. Ich schrie Winter noch zu: »Mach bitte keinen Blödsinn und schlaf erst einmal.«
»Muss ich nicht.«
»Dann tu wenigsten so, als würdest Du schlafen, und lass mich ein wenig schlummern.«
Das Bett wirkte plötzlich einladend auf mich, auch wenn es sich dazu sehr viel Mühe geben musste. Zumindest waren die Kissenbezüge neu oder zumindest frisch gewaschen.
Ich blickte unter die Bettdecke und suchte nach Flöhen oder Wanzen. Als sich keine finden ließen, legte ich mich auf die Matratze. Sie war angenehm hart.
Nachdem ich die Socken und die Hose abgestreift hatte, schloss ich als Versuch die Augen. Dort lief gerade ein abartiger Kopfkino-Film, in dem tausende Dinge durch die Luft flogen. Ich sah erneut abgerissene Arme und blickte in das Gesicht von Maira, die mich mit leeren Augen anblickte. Ihre Schläfe wies ein riesiges Loch auf. Das hatte ich bisher gar nicht gesehen.
Ihr Mund öffnete sich und sie sagte: »Du hast mich umgebracht.«
So laut ich konnte, schrie ich: »Das war ich nicht.«
»Du und Deine Freundin bringt nur Leid in die Welt. Jeder der euch kennt, ist in Gefahr.«
Ich schüttelte den Kopf und sagte leise: »Sie ist nicht meine Freundin. Sie ist nur eine Bekannte.«
Marias Rachen öffnete sich weiter und eine schwarze Wolke aus Rauch stieg aus ihr auf. Sie füllte innerhalb von Sekunden mein gesamtes Blickfeld.
Von überall drangen Stimmen auf mich ein. Viele sagten: »Mörder«, andere schrien »Verräter« und einige »Du bringst den Tod«.
Entsetzt riss ich meine Augen auf. Irgendetwas Kaltes hatte meine Wange gestreift.
Um mich herum war es dunkel geworden. Zwei kleine glimmende Lichter erhellten den Raum nur ungenügend. Von meiner Position konnte ich die Toilette sehen, die im Halbdunklen hinter der Türöffnung lauerte. Ihre Klobrille wirkte wie die untere Zahnreihe eines Totenschädels, der mich lächelnd anblickte.
Ich schaute zur anderen Seite. Dort hatte sich vor Kurzem etwas bewegt, das mich geweckt hatte.
Allerdings konnte ich niemanden erkennen.
Langsam stand ich auf, zog meine Hose und meine Socken an und schlich zur Tür. Vielleicht war das, was mich wach gemacht hatte, gerade hinaus?
Mit ein paar Schritten auf Zehenspitzen tänzelte ich zum Eingang, immer bemüht keinen Lärm zu machen. Ich hielt den Atem an, um mich nicht zu verraten.
Die Tür stand in einem merkwürdigen Winkel. Ich zuckte zusammen, als ich merkte, dass sie offen stand. Wer lässt im Gefängnis denn die Türen auf? War hier gerade Tag des offnen Tors?
Wahrscheinlich wartete hinter dem Ausgang ein Polizist auf mich, der sich dafür revanchieren wollte, dass ich eine Polizistin umgebracht hatte. Sie warteten bestimmt mit langen Stöcken, und aus ihren Münder rann der Geifer auf den Boden.
Es wäre besser, wenn ich die einfach zuschließen würde. Vielleicht merkt keiner, dass was passiert war. Wenn sie dann hier rein wollen, müssen sie erst einmal den Schlüssel finden und ich konnte das Bett vor den Eingang schieben.
An dem Ort, an dem ich stand, zog ein eisiger Windhauch an mir vorbei. Ich musste mich schnell entscheiden. Wenn man mich morgens so erwischte, würde man mir Fragen stellen, die ich nicht beantworten konnte.
Vorsichtig setzte ich einen weiteren Fuß, vor den anderen. Jetzt war es noch wichtiger, keinen Laut zu machen. Angestrengt lauschte ich nach draußen. Hatte ich da eine Stimme gehört, die leise flüsterte?
Ich gefror erneut auf der Stelle und lauschte. Es war nur der Wind. Ein leises Brummen kam aus dem Gang.
Erneut ein paar Schritte weiter – da war wieder dieses Flüstern. Ich hatte es jetzt deutlicher gehört. Irgendetwas unterhielt sich da. Das mussten die Polizisten sein, die auf mich warteten.
Nur noch ein Katzensprung, bis ich die Tür zuschlagen konnte. Natürlich ging sie zum Gang auf, ich musste mich also ein kleines Stück nach draußen lehnen.
Ganz langsam streckte ich meinen Arm aus. Er reichte nicht ganz, bis zum Türgriff. Noch einen Millimeter mit meinem Fuß nach vorne. Ich stand jetzt auf einem Bein und streckte mich, wie ich es schon lange nicht mehr gemacht hatte.
Meine Finger berührten das kalte Metall des Knaufs. Schnell umschloss ich ihn mit meiner Faust.
Langsam zog ich.
Dann landete ich plötzlich unsanft auf dem Boden. Jemand hatte die Tür ganz aufgerissen und stand jetzt direkt über mir.
Schnell legte ich die Hände über meinen Kopf und wartete auf die Schläge, die mich sicherlich gleich treffen würden.
Als sie ausblieben, blickte ich langsam nach oben.
Über mir stand Winter und sagte: »Sollen wir jetzt rausgehen? Mir wird langsam langweilig.«
Sie zog an meinem Arm, während ich protestierte. »Das ist nicht richtig. Wir sollten hierbleiben. Sie werden uns verfolgen und wenn sie uns haben, werden wir sehr lange hinter Gittern sitzen.«
»Stell Dich nicht so an. Du hast alle Zeit der Welt. Außerdem schau Dich um. Das hier ist nicht normal. Sie schlafen alle.«
Erstaunt blieb ich stehen. Tatsächlich lagen die Köpfe der Beamten, die im Zimmer hinter dem Gefängnistrakt arbeiteten, auf dem Tischen. Ihr Schnarchen war das leise Brummen, welches ich vorhin gehört hatte. Sie sahen nicht so aus, als wären sie bei der Arbeit eingeschlafen. Eher so, als hätte man Lachgas in den Raum geleitet.
Ich sagte: »Wusstest Du, dass man von Lachgas gar nicht lachen muss? Es wurde nur so genannt, weil man es früher als Partie-Droge bei feuchtfröhlichen Zusammenkünften eingesetzt hat. Die Leute hatten dabei so viel Spaß – das Zeug macht in leichter Konzentration stark euphorisch – dass man ihm den Namen gab.«
»Das hier war nicht Lachgas. Das hier ist Magie.«
»Du meinst die dunkle Soße, mit der jede Suppe besser schmeckt?«
»Nein, das Zeug, was Harry Potter bekannt gemacht hat.«
»Du meinst, es war Blondi?«
Winter spitze die Lippen und sagte: »Es wäre schön, wenn Du sie nicht so nennen würdest.«
»Zu sexistisch für Dich?«
»Ja, so könnte man das auch ausdrücken.«
Sie hielt kurz inne und sagte: »Sollen wir jetzt gehen? Irgendjemand hat sich sehr viel Mühe gegeben, um uns alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen.«
Ich schüttelte den Kopf: »Das ist überhaupt keine gute Idee.«
»Jetzt hör auf zu jammern und komm endlich.«
»Aber ich jammer gerne und viel. Das ist mein liebstes Hobby.«
Winter nahm meine Hand und zog mich weiter.
Tatsächlich standen alle Türen auf. Der Weg aus dem Revier, war so einfach wie ein Spaziergang im Park, wenn man mal davon absieht, dass man für einige Parks viel Eintritt bezahlen musste und es Nachts weniger sicher war. Hier würden wir die Rechnung erst nachträglich erhalten.
Ich riss mich erneut los und sagte: »Wir sollten das nicht machen.«
Mit einer schnellen Drehung hatte Winter ihre Hand wieder an meinem Ärmel und zog mich los. Sie sagte: »Mach Dir hinterher Gedanken darüber. Wir müssen diese Attentäterin finden.«
»Wäre es dann nicht besser, die Polizei auf unserer Seite zu haben?«
»Die werden den Fall nie lösen, wenn sie glauben, schon Schuldige zu haben. Also komm jetzt und trödel nicht.«
Wir traten auf die Straße. Natürlich fehlte jede Spur von meinem Auto. Außerdem fehlten mir die Schlüssel.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sah ich eine Gestalt, die die Kapuze ihres Regenmantels tief ins Gesicht gezogen hatte.
Mit einem Kopfnicken in die Richtung des komischen Kerls, deute ich Winter an, dass wir beobachtet wurden. Sie sah mich irritiert an und schüttelte den Kopf.
Ich zischte: »Da drüben.«, und deutete erneut in die Richtung.
Winter drehte ihren Kopf und sagte: »Was ist da?«
Als ich hinsah, konnte ich niemanden mehr sehen.
»Da stand gerade noch so ein Kerl, der uns beobachtete.«
»Du spinnst. Wahrscheinlich leidest Du unter Verfolgungswahn.«
»Das ist lustig, dass Du das bemerkst. Wusstest Du, dass die Wahrscheinlichkeit unter Paranoia zu leidet, bei Menschen, die in Wintermonaten geboren wurden, höher liegt, als bei anderen?«
»Willst Du mir jetzt was anhängen?«
Ich schüttelte den Kopf und sagte: »Fahren wir mit dem Bus?«
»Wohin?«
»Das ist eine gute Frage.«
»Die Frage stammt ja auch von mir.« Winter lachte spitz auf.
»Könntest Du das bitte lassen – dieses Lachen erzeugt Aufmerksamkeit, die wir jetzt nicht brauchen.«
Nickend sagte Winter: »Zunächst einmal weiß niemand, dass wir raus sind. Die Einzigen, die es interessiert, liegen drinnen im Tiefschlaf. Des Weiteren können wir zu mir fahren. Die Bude kennt niemand.«
»Du meinst diese Wohnung, in der ich Dich im letzten Herbst besucht habe?«
»Nein ich hab schon etwas anderes. Du wirst es lieben.«
Wir stellten uns an eine Bushaltestelle und warteten. Eigentlich war die Idee den Bus zu nehmen für eine übereilte Flucht ziemlich dumm. Allerdings hatte ich keine Lust, Winter darauf hinzuweisen.
Der Bus hatte Verspätung. Wir warteten eine dreiviertel Stunde, in der ich immer nervöser wurde. Unter ein paar dunklen Bäumen meinte ich, die Umrisse einer Person mit Regenmantel zu erkennen. Als ich jedoch noch einmal hinsah, war sie verschwunden.
Dann sah ich den Kerl hinter einer Litfaßsäule. Ich konnte fast sein Gesicht erkennen. Als ich dann blinzelte, war er verschwunden. Ich glaubte langsam, unter schwerem Stress zu stehen – als Folge des Schlafmangels oder irgendeiner anderen Begebenheit der letzten paar Tage.
Endlich hielt der Bus vor uns und öffnete seine Türen. Ich stapfte am Busfahrer vorbei und sagte: »Meine Begleitung kümmert sich um die Fahrkarten.«
Eine Brieftasche hatte ich natürlich nicht mehr.
In der letzten Reihe sah ich jemand sitzen. Bei der abgedunkelten Beleuchtung konnte ich sein Gesicht jedoch nicht erkennen. Als ich näher kam, sah ich, dass er einen schwarzen Regenmantel an hatte. Schnell drehte ich mich zu Winter, die immer noch mit dem Fahrer diskutierte. Es war sinnlos, sie jetzt zu unterbrechen, deshalb drehte ich mich wieder zurück.
Der Platz, an dem jemand gerade noch gesessen hatte, war leer.

2 Kommentare zu „Winter 2016 – Kapitel 3

  1. Wenn man Kapitel 3 in der Zusammenfassung bei Zeichengröße 16 ausdruckt, ist das Kapitel 16 DinA4 Seiten lang! Puh! (Bei Zeichengröße 12 sind es immer noch 9 Seiten!) Ziemlich umfangreich. Das ist mir im Moiment zu viel, um das alles noch einmal zu lesen. Daher gibt es von mir auch keine Änderungsvorschläge. Sorry!
    Trotzdem finde ich es immer sehr gut, dass man alles noch einmal am Stück lesen kann. Danke dafür!

    Gefällt 1 Person

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