Mit einem Ruck riss ich die Augen auf. Ich lag auf einem weichen Bett, wobei man die Ausmaße dieses Bettes kaum mit dem der letzten Liege, auf der ich genächtigt hatte, vergleichen konnte.
Dieses Federnreich war ein verdammter Öltanker im Vergleich zum fragilen Schlauchboot der vorigen Nacht.
Um mich herum türmten sich Kissen und Decken und an den vier Ecken, schraubten sich hoche Türme gegen die Decke, deren Verzierungen kleine pausbäckige Engeln beim Liebesspiel zeigten. Das alleine war schon einigermaßen geschmacklos und abstoßend. Der schwere, blickdichte Umhang tauchte das Bett in ein Zwielicht.
Wer ein Harem sein Eigen nennt, würde sich ein solches Schlaf-Ungeheuer ins Wohnzimmer stellen und es mit mindestens zehn leicht bekleideten Damen füllen. Dabei müsste er allerdings aufpassen, dass dieses Zimmer mindestens vier Meter hoch war.
Ein Harem beflügelt bestimmt die Fantasy einiger Herren, ich persönlich bin allerdings rein rational der Meinung, dass eine Frau genug Stress verursacht. Vielleicht bin ich da etwas altmodisch – aber mehr als eine Frau würden bei mir zu einem vorzeitigen Ableben z.B. aufgrund eines Herzinfarktes führen.
Ich kämpfte mich an den Rand der Matratze, die nur eine extra Anfertigung seien konnte, wobei ich mehrere dutzend Kissen und Decken beiseite schieben musste, bis ich den schweren Vorhang erreichte.
Dieser verdammte Vorhang hatte keine erkennbaren Öffnungen. Natürlich waren sie nicht in der Mitte angebracht, so dass ich am Rand immer weiter krabbeln musste.
Erneut schichtete ich Decken und Kissen um und tastete parallel dazu den Vorhang nach Öffnungen ab.
Nach zwei Durchgängen am Rand des Bettes und der Erkenntnis, dass der Vorhang vielleicht nur dazu da war, mich einzuschließen, fand ich doch noch einen Durchgang. Er war so vertrackt gut getarnt, dass ich ihn vorher nicht erkannt hatte.
Sehr vorsichtig zog ich die Enden beiseite und lugte hinaus.
Dort draußen stand dieses blonde, gemeine Wesen. Sie schien hochgradig amüsiert und blickte direkt in mein Gesicht.
Ich musste schlucken.
Sie sagte: »Das hat aber gedauert. Ich hätte Dir wohl eine Wegbeschreibung schicken sollen.«
Dann trat sie nähe an das Bett.
Nach dem ersten Schock brauchte ich viel Zeit, um zu realisieren, was die Dame vor mir trug. Sie hatte ein durchsichtiges, hellrosa Nachthemd aus einem Material an, aus dem meine Oma ihre Gardinen bevorzugte. Darunter trug sie – ich weißt nicht genau, wie die Damenwelt sowas nennt – an der Stelle brauchte ich dringend Google – heißt es Negligee, Korsett oder Strapse?
Bei Männern ist das alles einfacher. Da gibt es nur Boxershorts. Was anderes trage ich sowieso nicht.
Auf jeden Fall, war dies ein Moment, in dem ich am liebsten schreiend weggelaufen wäre. Sie wirkte in dem Stoff so wahnsinnig deplatziert, dass es schon fast lächerlich wirkte.
Dazu traf mich ein Blick, der scheinbar wildes Verlangen in mir auslösen sollte, bei meine Abneigung gegen herrsch- und rachsüchtige Blondinen mit einem egomanischen Komplex jedoch nicht gewinnen konnte.
Sie sagte: »Hallo Süßer. Hast Du Lust auf ein Spiel?«
Ich sagte: »Hast Du ein Gesellschaftsspiel dabei? Du musst allerdings wissen, dass ich Mensch-Ärgere-Dich-Nicht und Kartenspielen verabscheue. Wenn Du allerdings Set dabei hast, könnten wir eine Runde spielen.«
Ihr Verführerblick trübte sich ein wenig unter den Falten, die ihre Stirn für einen Agenblick zierten. Dann sagte sie: »Ich meinte andere Spiele. Wie wäre es mit Rollenspielen?«
»Für Rollspiele brauchen wir die richtigen Würfel und die hab ich unter den Kissen hier drin nicht gefunden. Außerdem bin ich nicht vorbereitet. Man sollte zunächst einen Charakter entwickeln.«
»Für meine Rollenspiele braucht man keine Würfel.«
Dabei lächelte sie charmant, was auf mich genauso freundlich wirkte, wie das breite Lächeln einer Großwildkatze kurz vor dem Sprung.
Sie trat näher an das Bett und ich wich zurück. Das hätte ich nicht machen sollen, da ich ihr jetzt Raum bot.
Ich sagte: »Du überschreitest gerade meine Komfort-Zone. Es sollte immer eine Armlänge Platz bleiben.«
Mit einem Lächeln und einer lässigen Handbewegung wischte sie meine Worte aus der Luft. Ich krabbelte tiefer in das Bett und sie zog die Vorhänge beiseite.
Der einzige Fluchtpunkt, den ich noch hatte, war durch die Frau blockiert.
Ich stotterte: »Bei unserem letzten Treffen hast Du mich noch zusammengeschlagen.«
»Das war ein Missverständnis. Verstehe es doch einfach als Vorspiel und dies hier ist die Wiedergutmachung.«
»Wo sind wir hier überhaupt?«
»Weit weg von der Polizei. Sogar sehr weit weg.«
Meine Chancen standen vielleicht gut, sie durch ein wenig Plauderei abzulenken.
Ich sagte: »Eine andere Stadt?«
Sie schüttelte den Kopf und sagte: »Weiter.«
»Ein anderes Land?«
»Ja.«
Sie kam immer noch auf allen Vieren auf mich zugekrochen. Jetzt konnte ich ihren Geruch wahrnehmen. Es war eine Mischung aus tonnenschwerem Parfum der Marke ›Letzte-Grabbeilagen‹ – Patschuli konnte man eindeutig riechen, dazu gesellten sich noch Gerüche von Lösungsmitteln, die eigentlich eher im Besenschrank zuhause seien sollten – und einem stechenden Schweißgeruch der Marke ›AUFDRINGLICH‹.
Die Situation entwickelte sich definitiv zu meinen Ungunsten, so wie fast jede andere Situation in dieser vermaledeiten Geschichte.
Mir fiel auf, dass ich bis jetzt noch kaum agiert hatte, sondern nur getrieben wurde. Dabei hassen alle Leser einen passiven Charakter.
Ich musste demnach eilig handeln, bevor mir zu schwindelig wurde und ich alle verbleibenden Leser vergraulte.
Schnell eilte ich zum Rand des Bettes. Wenn der Vorhang keine Öffnungen hatte, müsste er doch wenigsten ein Ende haben.
Aus diesem Grund rutschte ich vom Bett und ließ mich zwischen Vorhang und Bett auf den Boden fallen.
Hier unten musste dringend gereinigt werden. Der Staub von Äonen stieg in meine Nase und ließ mich niesen.
Der Kopf von Blondchen folgte mir. »Was machst Du denn da unten mein Liebster? Hier oben ist es doch viel bequemer.«
»Ich wollte nur nachschauen, ob sie hier liegt.«
»Wen suchst Du denn?«
Ich zuckte mit den Achseln, lächelte und sagte: »Ich hatte gehofft, meine Freiheit zu finden, aber anscheinend habe ich die woanders verloren.«
»Komm doch wieder hoch. Ich kann ganz tolle Sachen mit Dir machen.«
»Das hast Du mir schon bewiesen und ich stehe einfach nicht auf Schmerzen.«
»Ich kann auch Sachen mit meinem Mund machen, wenn Du darauf stehst.«
»Das Reden reicht mir im Moment völlig. Mehr möchte ich gar nicht.«
Die Dame vor mir zog ein Gesicht, als hätte ich gerade auf ihr Lieblingshündchen getreten. Süß und Bitter zwitscherte sie: »Liegt es an mir?«
Ich schüttelte den Kopf und hätte fast reflexartig geantwortet, überlegte es mir dann jedoch anders, nickte und sagte: »Ja!«
In ihren Augen erschienen Tränen, was sie als außergewöhnlich gute Schauspielerin auswies. Leise und den Kopf hängen lassend sagte sie: »Ich kann mich verändern, wenn Du das willst. Ich kann genauso aussehen, wie Deine Freundin.«
Ich ließ einen großen Schwall Luft aus meinem Körper, schüttelte den Kopf und sagte: »SIE IST NICHT MEINE FREUNDIN. Ich bin glücklich verheiratet und stehe absolut nicht auf Blondinen. Sie ist nicht mein Typ, ich bin nicht ihr Typ und eigentlich wäre ich sogar recht zufrieden gewesen, wenn sie dieses Jahr nicht erschienen wäre.«
Im Gesicht der Dame vor mir ging eine weitere Veränderung vor. Sie hatte die Augenbraun hochgezogen und die Lippen gespitzt.
Sie sagte: »Ihr seid nicht zusammen?«
»Nein, Nein und nochmals Nein!«
»Dann war das alles nur ein Missverständnis?«
Ich nickte.
»Das muss er erfahren.«
Eine Stimme erklang vor dem Bett. Sie war tief und hatte einen merkwürdigen Dialekt, den ich so noch nie gehört hatte. Irgendwie östlich, allerdings weder russisch noch polnisch.
Die Stimme sagte: »Es ist nicht relevant. Sie rennt mit ihm rum. Vielleicht ist er nicht in sie verliebt, aber sie ist bestimmt in ihn verliebt.«
Meinen gequälten Unterton konnte ich kaum herunterschlucken. Ich sagte: »Ich bin weder mit Winter, noch mit Frühling, noch mit Sommer und erst recht nicht mit Herbst zusammen. Sie wollen nichts von mir. Sie kommen und gehen und sind nur gute Freunde.«
Ich stockte kurz und sagte: »Gute Freunde ist vielleicht falsch. Sie sind Typen, die ich kenne. Mehr ist da nicht.«
Die Stimme von draußen näherte sich, während sie sagte: »Das sollen wir Dir glauben?«
Eine Hand schob sich unter den Vorhang, packte meinen Arm und zog mich unsanft unter dem Bett hervor. Ich blickte in die kalten blauen Augen, die ich schon einmal gesehen hatte.
Ich sagte: »Sie sind bestimmt der Gastgeber.«
Der Herr hatte weiße Haare, war allerdings vorzeitig gealtert. Sein Gesicht zierten keinerlei Falten oder anderer Altersanzeichen. Die Stirn ging hoch in kleinere Geheimratsecken und sein Kinn zierte ein kleines spitzes Bärtchen.
Er starrte mich an und sagte, wobei er die Konsonanten merkwürdig betonte: »Das ist nur ein Trick. Wenn sie Dich unsterblich gemacht hat, dann liebt sie Dich auch.«
Ich schüttelte den Kopf und sagte: »Unsterblich hat mich ihre Tante gemacht und eigentlich war Sommer daran schuld.«
Der Mann vor mir zischte und sagte: »Wer ist Sommer und wer ist die ominöse Tante meiner geliebten Mina.«
Die Augen verdrehend sagte ich: »Jetzt weiß ich, wer Du bist. War auch nicht weiter schwer zu erraten. Irgendwer hat Dich mal nebenbei erwähnt. Ich muss Dir nur leider mitteilen, dass die Dame, der Du hinterherjagst, nicht wirklich Mina heißt.«
Die Augen des Mannes wanderten in die Ferne und er sagte: »Geliebte und überirdische Mina. Sie ist die Sonne meines Lebens.«
Leiser fügte ich hinzu: »Besser als das Eis an meinem Stiel, aber fast ebenso kitschig. Außerdem hat Winter wirklich kaum etwas mit der Sonne zu tun, wenn man mal vom Fehlen der Sonne absieht.«
Die Augen meines Gegenübers verengten sich, was ich für kein gutes Zeichen hielt und ich sagte: »Die Dame ist mir nicht unter Mina bekannt. Sie nennt sich in meiner Gegenwart Winter und ist verwandt mit den Herren und Damen Sommer, Herbst und Frühling. Übrigens sind die übrigen drei auch ganz sympathisch, wenn man sie erst einmal kennenlernt.«
»Sie machen sich über mich lustig.«
»Käme mir nie in den Sinn. Warum sollte ich mich über einen walachischen Fürsten lustig machen, der für seine Grausamkeiten bekannt ist? Wäre doch äußerst ungesund.«
»Diese Praktiken nützen nichts bei Unsterblichen.«
»Ich würde mich trotzdem nicht lustig machen. Wir sprechen definitiv von der gleichen Person, da ich weiß, dass sie mal mit Dir Zeit verbracht hat. Ich frage mich nur, warum Du nicht bemerkt hast, dass sie eine Jahreszeit ist. Es muss Dir doch aufgefallen sein, dass sie lediglich ein Viertel des Jahres bei Dir war.«
»Sie war beschäftigt und ich habe nicht nachgefragt.«
»War das normal für das mittlere 14. Jahrhundert?«
»Eigentlich nicht, aber ich liebe nun mal selbstbewusste Frauen.«
»An Selbstbewusstsein fehlt es ihr verdammt nochmal nicht.«
Seine eiskalten Augen funkelten mich immer noch an. »Wenn Du nicht ihr Partner bist, was bist Du dann?«
Ich schüttelte den Kopf und zuckte gleichzeitig mit den Achseln und sagte: »Ich habe mich so oft selbst erfunden, dass ich das auch kaum noch weiß. Als Kind wollte ich mal Pastor werden. Dann hatte ich zum ersten Mal Chemie-Unterricht in der Schule und beschloss Chemiker zu werden, was ich dann nach einer Lehre als Chemielaborant, dem nachgeholten Fachabitur in Chemie und einem Studium mit Promotion auch wurde. In dieser Phase verlief mein Leben relativ gradlinig.
Mit dem Ende des Studiums versuchte ich mich allerdings als Programmierer und drei Jahre später mehr oder weniger als Ingenieur.
Wenn mich jetzt jemand fragt, was ich bin, dann würde ich wohl wahrheitsgetreu: vielseitig, sagen. Außerdem bin ich definitiv kein Perfektionist. Wenn eine Sache gut läuft, lasse ich sie laufen und würde nicht einmal eingreifen, um sie perfekt werden zu lassen. Die meisten Dinge, so ist mein Eindruck, brauchen nur ab und zu einen kleinen Schubs und dann laufen sie von selbst. Die Möglichkeit nach einem Eingreifen vor einem Scherbenhaufen zu stehen, ist viel zu groß.«
Der Mann vor mir fuchtelte wild mit seinen Händen. Anscheinend gefiel ihm meine Antwort nicht.
Er sagte: »Was bist Du in Bezug auf Winter?«
»Ein Freund der Familie? Ein Hündchen, welches sie gelegentlich ausführt? Ich habe keine Ahnung, was ihre Geschwister, geschweige denn sie selbst, von mir wollen.«
Ein Lachen erklang hinter meinem Rücken. »Sie wollte einen Alchemisten. Das liegt doch auf der Hand.«
Nachdenklich strich sich der Graf über seinen Kinnbart und blickte durch mich hindurch. Er sagte: »Das kann schon sein, aber warum brauchen sie einen, wenn sie schon selbst so viel Magie hat?«
Ich sagte: »Die ganze Geschichte ist mir zu dumm. Kann mich zufällig jemand nach Hause bringen? Ich langweile mich hier noch zu Tode, auch wenn das schwer möglich ist.«
Schneller als ich blicken konnte, umfasste der Mann meine Hand und zog sie an sich. Er sah mir in die Augen, während in seiner anderen Hand plötzlich ein Messer blitzte.
Krampfhaft versuchte ich, mich von dem Typ zu lösen, doch es war, als hätte ich in ein zu schmales Rohr gegriffen, welches mich jetzt nicht mehr entkommen ließ.
Die Spitze des Messers fuhr über meine Handfläche und an dem Punkt, an dem es meine Haut berührte, zeichnete es eine dünne rote Linie, die langsam und pulsierend breiter wurde.
Erschrocken sah ich, wie das Blut aus der Wunde quoll.
Ich sagte: »Wollen wir jetzt Blutsbrüder werden oder testen sie nur das Bouquet, bevor sie die Flasche öffnen?«
Zwei weiße Arme umfingen meine Schulter und legten sich quer über meine Brust. Ich merkte, wie mein Kopf in den weichen, wenn auch etwas unterkühlten Körper der Dame gedrückt wurde.
Sie sagte: »Er redet zu viel.«
Der Graf legte das Messer weg und holte eine kleine Phiole aus der Tasche, die er mit meinem Blut füllte.
Er sagte: »Das mit dem Blut ist ein Gerücht. Es nervt mich, dass jeder meint, ich würde Blut trinken. Ich zaubere mit dem Blut meiner Opfer. Das ist der Grund dafür, dass ich es sammle.«
Ich sagte: »Sie hätten gerne ein paar Haare oder ein wenig Spucke bekommen können, wenn sie gefragt hätten. Es muss doch nicht immer gleich so brutal zugehen.«
Noch während ich das sagte, merkte ich, wie der Graf nach meinen Haaren griff und das Messer erneut erhob.
»Haare brauche ich sowieso und eigentlich auch Euren Samen. Ich hatte gehoffte, dass meine Gehilfin ihn mir besorgen würde.«
»Sie wollten, dass sie es mir besorgt, so dass sie an meinen Samen kommen? Leben sie noch im Mittelalter? Wir sind doch hier nicht in einer Besenkammer oder auf einer Samenbank.«
Er schnitt mir ein Haarbüschel vom Kopf und streute es in einen Mörser.
Ich sagte: »Auf der Schule für Zauberlehrlinge wird doch sicherlich unterrichtet, dass sie auch die Gebeine eines Vorfahrens von mir brauchen. Könnten sie nicht damit anfangen? Ich glaube, dass ich jetzt noch mehr gehemmt sein werden, wenn es um den Samenraub geht, den sie vorhaben.«
Der Graf legte die Utensilien zurück und blickte mir erneut in die Augen. Er sagte: »Das mit den Gebeinen ist nur blödes Geschwätz. Niemand braucht irgendetwas von den Vorfahren.«
Ich merkte, wie die Arme, die mich umklammerten, langsam meinen Brustkorb rieben. Mir wurde bei dem Griff immer heißer.
Ich sagte: »Wo ist eigentlich Winter? Ich dachte, dass sie besiegt und von ihnen verschleppt wurde.«
Der Graf verzog den Muntwinkel und er sagte zischend: »Mina ist mir entkommen. Ich hatte sie für ein paar Minuten, doch dann war sie fort.«
»Und jetzt brauchst Du mich als Ersatz?«
»Was soll das für ein Ersatz sein? Nein ich brauche Euch, damit ich sie für immer fangen kann. Es muss ihr irgendetwas an euch liegen, sonst hätte sie euch nicht das ewige Leben geschenkt.«
»Das mit dem Euch wird mir immer sympathischer, je öfter Du es sagst. Da schwingt was Königliches mit.«
Der Graf hörte mich gar nicht. Im Stil der großen Bösewichte, aus allen klischeeverseuchten Geschichten, schien er mir unbedingt seinen Plan verraten zu wollen. Solange der Plan erzählt wurde, hatte der Protagonist jeweils eine gute Chance, die Geschichte mit einem blauen Auge zu entkommen. Allerdings mag ich persönlich keine Klischees und noch bevor er mir etwas erzählen konnte, sagte ich:»Du willst mit meinem Blut und meinen Haaren ein Zimmer tapezieren, damit Winter sich darin wohlfühlt und zu Dir zurück kommt?«
Der Graf schüttelte den Kopf und sagte: »Nein.«
»Du willst meine DNS, um eine Legion Superkrieger zu erschaffen, die die Welt überrennt und Rumänien endlich wieder zu einer Weltmacht erstarken lässt, getreu dem Motto „Rumänien First“.«
»Nein.«
»Du bewunderst mich so sehr, dass Du glaubst, dass jemand für meine Körpersäfte irgendwann einen verdammt hohen Preis au EBay zahlen wird?«
»Nein.«
»Meine Körpersäfte besitzt die Kraft, Blei in Gold zu verwandeln?«
»Nein.«
»Du willst Dich in mich verwandeln, weil Du meinst, dass ich besondere Anziehungskraft auf Winter ausübe?«
Der Graf sah mich an und sagte: »Ihr kennt den Zaubertrank?«
»War nur geraten, allerdings sehr naheliegend, da ich tatsächlich besser aussehe als Du.«
Die Dame hauchte mir ins Ohr: »Wir müssen uns noch um die letzte Zutat kümmern.«
Ich sagte: »Schon seit dem ich das erste Mal einen Film über den lustigen Graf aus Transsilvanien gesehen habe, war es immer mein Traum, vom verrückten, jedoch in diesem Fall weiblichen Renfield verführt zu werden. Wir können uns ja hinterher ein paar Insekten teilen.«
Die Dame zischte: »Wie kannst Du es wagen, mich mit dem Irren zu vergleichen? Ich bin Ilona die Braut des Grafen.«
»Du bist noch nicht einmal seine Geliebte. Das bleibt Winter, die er immer noch Mina nennt, als ob das etwas ändern würde. Außerdem würde der Graf bestimmt neidisch werden, wenn Du mir den Saft aussaugst.«
»Er hasst sie und wird sie vernichten.«
Ich lachte spitz auf und sagte: »Das möchte ich sehen.«
Die Damen rückte immer näher an mich und ich rückte immer weiter in das Bett, bis ich platt an der Wand saß. Kissen lagen um mich verstreut und ich zog eins davon schützend vor mich.
Die Art, wie die Dame langsam auf allen vieren auf mich zu krabbelte, machte mir Angst. Sie öffnete ihre nach hinten zugebundenen Haare und blickte mich gierig an.
Ich sagte: »Irgendwie ist mir die Lust vergangen. Können wir nicht doch lieber Karten spielen?«
Sie lachte mich aus und sagte: »Ich kenne Mittel und Wege, wie man ein Kartenspiel vergessen kann.«
»Prima, es gibt bestimmt viele Süchtige, die der Trick brennend interessiert.«
»Ich kann Dich auch gefügig machen, wenn Du darauf bestehst. Es gibt diverse Zaubertränke.«
Den Kopf schüttelnd sagte ich: »Viagra aus dem Mittelalter wollte ich noch nie ausprobieren. Man muss nicht unbedingt mit Drogen experimentieren, um zu wissen, dass das schlecht für die Gesundheit ist.«
»Du scheinst sehr standhaft zu sein.«
»Ich versuche gerade, dies im Moment nicht zu sein.«
Ilona öffnete langsam ihre Bluse und weißes Fleisch kam zum Vorschein. Sie sagte: »Wenn Dir dieser Körper nicht passt, kann ich auch alles sein, was Du Dir wünschst. Hast Du irgendwelche Fantasien, die Du gerne ausleben würdest?«
Schnell kam mir ein ziemlich dummer Gedanke. Ich krallte mich noch ein wenig fester an das Kissen und betastete dabei den Bezug.
Ich sagte: »Kannst Du Dich in alles verwandeln was ich mir wünsche?«
Sie nickte und sagte: »Ich kann mich jünger machen oder ganz alt aussehen, was auch immer Du bevorzugst. Wenn es sein muss, verwandel ich mich auch gerne in einen Mann.«
»Gehen auch Tiere? Ich hab ja schon immer davon geträumt, mit einer kleinen Katze im Bett zu liegen.«
»Das ist ein Scherz oder?«
»Nein – nur ein Wunschtraum. Aber wenn Du das nicht kannst, überlege ich mir etwas anderes.«
Ilona sah mich fassungslos an. Sie schüttelte den Kopf und ganz plötzlich änderte sich etwas an ihr.
Schnell öffnete ich den Verschluss des Bezuges. Anscheinend hatte die Dame noch nie vom Gestiefelten Kater gehört, denn ihr wuchsen spitze Ohren am Kopf und sie schrumpfte immer weiter.
Als sie nur noch ein kleines Kätzchen war, riss ich den Federkern aus dem Bezug, packte mir die Katze und stopfte sie hinein. Dann sprang ich auf die Füße und rannte zur Öffnung des Vorhangs.
Ich riss sie auf und war erleichtert, dass der Graf nirgends zu sehen war. Schnell rannte ich zum Fenster, öffnete es und schmiss den Bezug samt Inhalt nach draußen.
Da die Dame wahrscheinlich unsterblich war, hatte mir der Schwindel höchstens ein paar Minuten Ruhe gebracht. Der Raum, in dem ich stand, war riesig. Schon die Proportionen des Bettes hatten dies erahnen lassen. An den Wänden und an der Decke waren goldfarbene Verziehrungen.
Allerdings erweckte das Mobiliar den Eindruck, schon lange nicht mehr genutzt worden zu sein. Auf den kleinen Engelchen, die von den Ecken der Zimmer und an den Lehnen der Stühle nach außen ragten, lag eine zentimeterdicke Staubschicht. Die Tische, Schwänke, wie auch der Fußboden waren damit bedeckt.
Ein paar Fußspuren ließen erkennen, wo der Graf gerade noch gestanden hatte. Es würde also leicht sein, ihm aus dem Weg zu gehen.
So leise ich konnte, ging ich zur Tür, die nur angelehnt war und lugte hinaus. Auf dem Flur konnte ich niemand erkennen.
Ich berührte den Türgriff und schob die Tür langsam nach vorne, immer darauf bedacht, kein Quietschen auszulösen. Als der Spalt groß genug war, schlüpfte ich hinaus.
Die Fußspuren führten in die eine Richtung. Ich wählte die Gegenrichtung und fiel in einen langsamen Trott.
Dieser Gang war verdammt lang mit etlichen Türen auf der einen Seite. Fenster säumten die andere Seite, die einen Blick auf einen grauen Himmel über einem rechteckigen Hof öffneten. Auf diesem Hof stand ein weiteres hölzernes Gebäude, welches baufällig wirkte. Wahrscheinlich hatte man dort vor Urzeiten die Pferde gehalten.
Meine Umgebung wirkte immer älter und grauer, je weiter ich von dem Schlafzimmer floh. Eine der Türen hing nur noch in einer Angel und hinter ihr konnte man ein weiteres, jedoch teilweise schon verfallenes Schlafzimmer erkennen.
Der Graf hatte genug Raum für ein Hotel, jedoch anscheinend keine Gäste. Was die Geschichten, die über ihn kursierten, noch realistischer wirken ließ.
Endlich kam ich an eine Ecke.
Die Flur vor mir wirkte nur noch grau und verlassen. Ich ging weiter.
Das Holz unter mir knirschte und krächzte. Ich fragte mich kurz, ob es mich halten würde.
Hier musste doch irgendwo ein Treppenhaus sein. Soweit ich das, mit einem Blick aus dem Fenster erkennen konnte, war ich mindestens im dritten Stockwerk, vielleicht sogar noch höher.
Der Fußboden schien bei jedem Schritt zu protestieren. Wahrscheinlich erschreckte ich gerade drei Generationen Holzwürmer, die in ihm lebten.
In einiger Entfernung entdeckte ich eine Ecke in der eintönigen Türreihe, aus der Licht ins Innere quoll.
Ich wollte mein Glück nicht herausfordern und setzte jeden Schritt bewusst und abschätzend.
Es waren nur noch drei Meter, bis zur Ecke.
Das Holz schrie mich förmlich an, als ich einen weiteren Schritt nach vorne setzte. Dann versank mein Fuß im Fußboden.
Zum Glück konnte ich ihn herausziehen.
Ein paar Meter trennten mich nur noch vom Weg nach unten, da war ich mir sicher.
Ich schritt zur Fensterseite und prüfte, ob ich hier durchkommen würde.
Das Holz unter mir protestierte zwar, schien mich allerdings zu halten.
Schritt für Schritt kämpfte ich mich näher. Bald müsste ich um die Ecke blicken können.
Ich überlegte, wer ein so tolles Schloss einfach so verfallen lassen würde. Es war eine Schande mit so einem Schatz so fahrlässig umzugehen.
Endlich konnte ich etwas erkennen.
Es war kein wirkliches Treppenhaus, was sich dort vor mir öffnete. Es mochte vielleicht irgendwann einmal eins gewesen sein, aber jetzt war die Treppen fast vollständig in sich zusammengefallen.
Dies hier war eher ein Fallrohr, als ein Weg.
Die Wände waren einmal schön dekoriert gewesen, was sich an einigen Stellen noch zeigte. Mittlerweile war der Putz an vielen Stellen abgebröckelt und in der Mitte der Mauer verlief ein Riss, der das Licht von außen hineinließ.
Die schwere Sonne, die sich durch eine dichte Wolkendecke gekämpft hatte, schien aus dem Spalt zu tropfen.
Langsam bewegte ich mich auf das Loch im Boden zu. Ich hoffte, dass es eine Möglichkeit gab, nach unten zu klettern.
Wenn nicht anders möglich, würde ich springen.
Plötzlich gaben die Dielen unter mir nach. Ein großes Stück hatte sich gelöst und riss mich auf das Loch zu.
Keinen Halt findend, wurde ich immer schneller, bis ich über den Rand kippte.
Unter mir klaffte die Dunkelheit.
Es ging vielleicht dreißig Meter in die Tiefe und ich fiel.
Dann klatschte ich mit voller Wucht auf den Boden.
Ich muss kurz ohnmächtig geworden sein, denn ich hatte nicht bemerkt, wie die Trümmer auf mir landeten, die mich jetzt auf die Erde drückten.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich mich befreien konnte. Immer wieder musste ich kleinere Stücke von mir schaufeln. Meine Unsterblichkeit hatte sich erneut ausgezahlt.
Meine Umgebung war dunkel. Nur von oben fiel ein dämmriges Licht auf mich hinab.
Die Wände waren aus groben glitschigen Steinen gemauert, die unterschiedlich weit in den Raum hineinragten. Jeder war an der Oberseite mit einer grünen Moosschicht bewachsen.
Die Luft wirkte stickig und abgestanden.
Anscheinend war ich am Erdgeschoss hinabgesegelt und hatte gleich den Keller aufgesucht. Wenn ich aus dem Schloss kommen wollte, muss ich einen Weg nach oben finden. Dieser Weg würde jedoch zwangsläufig durch die nachtfinsteren Katakomben führen, die sich vor mir auftaten. Mein Magen krampfte zusammen.
Zum Glück habe ich keine Angst im Dunkeln und es brachte nichts, hier länger stehen zu bleiben. Ich wusste nicht, wie viel Zeit mir noch blieb, da Ilona und der Graf bestimmt nach mir suchten.
Immer die Arme ausgestreckt vor mir, ging ich los. Dabei tastete ich mich an einer Seite der Wand entlang.
Schon nach wenigen Schritten konnte ich nichts mehr erkennen.
Ein stetes Tropfen erklang vor mir. Feuchtigkeit umklammerte mich. Ich fühlte, wie ein Tropfen auf meine Stirn fiel.
Plötzlich blieb ich stehen. Ein Gedanke schoss mir in den Sinn: Was wäre, wenn der Boden vor mir ein Loch hatte?
Ich schüttelte den Kopf. Wenn man ganz unten ist, konnte es schlecht noch tiefer gehen. Außerdem musste hier irgendwo ein Ausgang sein. Bestimmt gab es eine Treppe nach oben. Ich musste nur nach Licht Ausschau halten.
Trotzdem blieb die Unsicherheit hinten im Kopf und pochte von innen gegen meinen Schädel, in einem dumpfen Rhythmus welcher stetig schneller wurde. Ich konnte in der Stille, die nur durch das leise Tropfen unterbrochen wurde, meinen eigenen Körper hören.
Die Härchen auf meiner Haut sträubten sich und ich fühlte einen leichten Luftzug.
Ich ertastete eine Ecke und drehte mich in einem rechten Winkel um.
Dort ganz hinten konnte ich ein Leuchten erkennen. Es war nur sehr leicht und vielleicht bildete ich mir es nur ein.
Das Licht gab mir neuen Mut.
Vielleicht war das das Treppenhaus.
Je näher ich kam, desto mehr erkannte ich, dass das Licht pulsierte. Es schien zu leben und wurde stetig heller und dunkler. Wahrscheinlich brannte dort eine Kerze.
Wenn jemand eine Kerze angezündet hatte, dann war dort vielleicht auch jemand.
Ich presste mich an die Wand und versuchte mein Atmen zu unterdrücken. Nach nur ein paar Augenblicken japste ich nach Luft und erkannte, dass dies wesentlich lauter war, als hätte ich einfach normal weitergeatmet.
Vielleicht hatte man mich schon gehört. Jedoch würde ich den Weg nicht zurückgehen. Ich brauchte jetzt einfach ein Licht.
Das flackernde Licht schien durch den Spalten einer Tür.
So leise ich konnte, schlich ich näher, wobei ich mich die ganze Zeit eng an die Wand presste.
Im Raum konnte ich niemand hören. Soweit ich durch den schmalen Schlitz der schweren, fast unbearbeiteten Holztür sehen konnte, war niemand dort.
Ich lehnte mich vorsichtig nach vorne und schob die Tür auf. Nur ein kleines Stück, da die Scharniere in ihren Befestigungen, wie Sirenen schrieen.
Leise atmete ich ein und blickte mich um.
Der Raum war riesig. Von hier konnte ich keine Fenster sehen, wenn denn welche vorhanden waren. Er schien mir eher eine Höhle, denn ein Keller zu sein.
Wenn ich mich richtig orientierte, war dieser Raum unter dem Innenhof.
Da mich bisher niemand gehört hatte, erschien es mir sicher, die Tür vollständig zu öffnen.
Ich schlüpfte durch den Durchgang und zog das Tor hinter mir ins Schloss.
Ein paar Meter von mir entfernt, stand ein Tisch aus Stein. Er bestand aus zwei groben Quadern zu beiden Seiten und einer riesigen Platte, auf der man bequem drei Jungfrauen hätte nebeneinander opfern können.
Auf ihm brannten 5 Kerzen, in den Ecken eines Drudenfußes, der in brauner Farbe auf die Platte gemalt war.
Ich blickte mich um.
Die riesigen Dimensionen des Raums machten mich schwindelig. Der Saal hatte die Ausmaße einer Kathedrale.
An den fernen Wänden, die durch die Kerzen in der Mitte des Raums nur notdürftig beleuchtet wurde, standen schwere Regale, in denen merkwürdige und verstaubte Utensilien und Artefakte lagen.
Auf der rechten Seite erblickte ich ein Gefäß, etwa in der Größe eines großen Einmachglases, welches rot blinkte. Es reflektierte nicht die Kerzen, sondern schien sein eigenes Licht zu erzeugen.
Neugierig ging ich auf das Gefäß zu.
In dem Glas pulsierte ein faustgroßes Ding in einem langsamen Rhythmus. Es dehnte sich aus und zog sich zusammen, wobei jedes Mal, wenn es sich zusammenzog, ein rotes Leuchten aus ihm drang.
Ich ging etwas näher. Erst als ich sehr nahe stand, sah ich, dass das Ding, welches dort pulsierte, ein Herz war. Es war ledrig und bedrohlich und erweckte in mir Ekel.
Plötzlich quietschte die Tür hinter mir.
Möglichst schnell quetschte ich mich neben das Regal an die Wand.