Winter 2016 – Kapitel 7

Eine Gestalt betrat den Raum. Sie hatte ein langes blaues Gewand an, dessen Karputze das Gesicht verdeckte. Von der Statur und dem Gang her, tippte ich auf den Graf.
Er hatte ein Buch in der rechten Hand und einen kleinen Lederbeutel in der Linken und ging zielstrebig auf den Tisch zu.
Mein Gesicht und mein Körper waren im Schatten und ich hoffte stark, dass er mich nicht bemerken würde. Ich rutschte noch ein wenig tiefer auf den Boden und versuchte leiser zu atmen.
Der blau Gekleidete legte das Buch auf den Tisch und schlug es unsanft auf. Soweit ich das aus meiner Position erkennen konnte, war es in schweres braunes Leder gebunden.
Den Beutel legte er neben das Buch und ging dann auf die Schrankreihe auf der mir gegenüberliegenden Seite des Raums zu.
Kurz überlegte ich, ob ich jetzt schnell zur Tür rennen sollte, doch bevor ich den Mut fand, öffnete sich die Tür noch einmal und eine weitere, kleinere Gestalt in Blau betrat den Saal.
Ich erkannte die Stimme von Ilona, als sie sagte: »Bob ist mir entkommen.«
Der Mann in Blau drehte sich nicht um, sonder ging die Schränke ab. Er blickte dabei in alle Regale und sagte: »Das ist höchst bemerkenswert. Du solltest doch eigentlich auf ihn aufpassen.« Es war definitiv der Graf, den ich an seinem Akzent erkannte.
»Ich habe auf ihn aufgepasst und er sich trotzdem geflohen. Er hat mich ausgetrickst.«
»Eigentlich hatte ich immer gehofft, dass Deine Naivität mit den Jahren verschwinden würde. Anscheinend kann man Dich immer noch viel zu schnell verunsichern. Hoffentlich wird das in den nächsten 100 Jahren besser.«
Die Dame trat an den Tisch und blätterte im Buch.
Der Graf sagte: »Warum suchst Du nicht nach unserem Gast?«
»Er war nirgendwo. Allerdings kommt er nicht aus dem Schloss. Ich habe alle Ausgänge versperrt.«
»Du gehst sofort und findest ihn. Er könnte noch wichtig werden. Ich werde in der Zwischenzeit das Ritual durchführen.«
»Darf ich nicht dabei sein?« Ilonas Stimme klang wie die eines kleinen Kindes, die um Süßigkeiten bettelt.
»Beeil Dich und bring mir unseren Gast. Dann kannst Du vielleicht noch sehen, wie ich die Hexe für immer einsperre.«
Ilona huschte aus der Tür. Sie war so schnell verschwunden, wie sie gekommen war. Der Graf holte unterdessen etwas aus einem Regal und brachte es zum Tisch.
Es war ein altertümliches Steingefäß, mit merkwürdigen Rillen an den Seiten, welches dunkel funkelte. Dann ging er auf meine Seite des Raums und ich hätte vor Schreck fast aufgeschrien.
Mit ein paar Schritten war er an einem Regal in meiner Nähe. Ich drehte mich von ihm weg und hörte, wie er ein paar Schritte ging und sich dann bückte.
Während ich noch darüber nachdachte, ob ich ihn angreifen sollte oder nicht, hörte ich, wie er etwas aus dem Regal holte und sich zum Tisch umdrehte.
Schnell lugte ich aus meinem Versteck und sah, wie er eine dicke, schwarze Kerze zum Tisch brachte. Er zündete sie an den anderen Kerzen an und stelle sie in die Mitte des Drudenfußes.
Dann blätterte er in dem Buch und las.
Entweder war er ein schlechter Leser oder es war viel Text, auf jeden Fall benötigte er eine Ewigkeit. Während er las, bildete ich mir ein, Worte auf seinen Lippen sehen, auch wenn ich, da ich dazu nicht ausgebildet war, kein Wort verstand. Irgendwie erinnerten mich die Töne die er dabei erzeugte, eher an Tierlaute, als an eine Sprache.
Ganz plötzlich streckte er die Arme in den Himmel, schüttelte dann mit den Kopf, senkte die Arme und erhob sie erneut. Das Ganze wiederholte er mehrmals
Das Geschehen erinnerte mich an alle Klischees über schwarze Messen, wie man sie gerne in Filmen zeigt. Letztendlich war lediglich seine blaue Robe der einzige individuelle Ton im Einheitsbrei des viel zu häufig Gesehenen.
Eigentlich fragte ich mich immer, warum Satanisten überhaupt existierten. Wenn man an Satan glaubte, musste man doch zwangsläufig auch an Gott und den ganzen anderen Kram glauben. Es lag doch sehr nah, dass der Herr der Lügen einen egal wie, immer über den Tisch zieht.
Der Graf erhob erneut seine Hände  in die Luft. Diesmal schien er mit seiner Tat zufrieden zu sein, denn er lachte ungezwungen, was fast ansteckend war.
Danach murmelte er weiter, während er das Buch studierte.
Er schien sich auf etwas zu konzentrieren. Seine Arme zuckten durch die Luft.  Es sah so aus, als würden sie nach unsichtbaren Stricken greifen.
Plötzlich war es, als hätte er etwas in der linken Hand. Seine Rechte schloss sich ebenfalls um den unsichtbaren Gegenstand.
Ich machte mir darüber Gedanken, dass der Alte es pantomimisch voll drauf hatte. Man hatte förmlich das Gefühl, als hielte er sich dort mitten in der Luft fest. Das Ziehen kostete ihn Kraft und er zog immer stärker. Er wirkte wie ein Angler, der einen Pottwaal alleine aus dem Meer ziehen müsste.
Plötzlich hob er vom Boden ab. Seine Füße waren ein paar Zentimeter von der Erde getrennte und er hing an dem Gegenstand, welcher ihm so viele Mühe kostete.
Das Ding, welches ich nicht sehen konnte, schien lebendig zu sein. Es wehrte sich gegen den Grafen und wirbelte ihn herum.
Bei einer Umdrehung konnte ich in sein Gesicht sehen und erkannte, dass er die Situation genoss. Ein breites Grinsen war auf seinen Lippen und die Augen strahlten wie kleine Spiegel.
Auf einmal war der Kampf vorbei und der Graf landete auf der Erde. Ich hörte, wie vor dem Tisch etwas Schweres auf den Boden aufschlug. Es klang, als wäre ein Stoffbündel aus einem Hochhaus auf die Straße gefallen.
In der Dunkelheit konnte ich die Umrisse nicht erkennen. Irgendetwas lag auf dem Boden und bewegte sich.
Das Ding stand auf und drehte sich zum Tisch. Ich konnte eine blonde Mähne sehen und verstand, was dort gerade passiert war.
Winter baute sich vor dem Tisch auf und sagte: »Da bist Du ja Bob. Ich habe Dich überall gesucht.«
Der Graf sprach nicht mit Winter, sondern murmelte ein paar Silben und Töne, die keinen Sinn ergaben.
Winter sagte: »Was soll diese Verkleidung? Blaue Roben? Das ist ziemlich merkwürdig.«
Dann blickte sie an dem Graf vorbei auf die Blondine hinter ihm.
Ihre Mine verdüsterte sich schlagartig. Sie sagte: »Man hat Dich entführt? Was ist hier los?«
Ilona kam zurück. Ihre Mundwinkel reichten fast an ihr Kinn. Dabei ließ sie die Augenlider sowie die Schultern hängen. Sie wirkte auf mich wie ein Hund, der die Latschen seines Besitzers zerfetzt und sich danach am Lieblings-Bonsai vergangen hatte.
Der Graf schaute nur kurz über die Schulter und sagte dann: »Du hast ihn nicht gefunden?«
Sie schüttelte den Kopf. Obwohl der Graf sie nicht sehen konnte, wusste er ihre Antwort. »Wie kann man nur so unzuverlässig sein? Es war eine klare und einfache Aufgabe und Du hast sie verpatzt.«
»Er versteckt sich hier irgendwo, da bin ich mir sicher.«
Kopfschüttelnd sagte der Graf: »Wir werden ihn schon finden. Du kannst hierbleiben. Ich fange jetzt mit dem Ritual an.«
»Benötigen wir nicht seinen Samen?«
»Wir haben genug und das muss reichen.«
Er ergriff den Lederbeutel, öffnete ihn und streute den Inhalt in die Schale. Danach holte er eine Phiole aus der Tasche seines Umhangs, öffnete sie ebenfalls und goss den Inhalt zu den anderen Sachen.
Aus einem kleinen Fläschchen goss er noch ein Pulver dazu und erhob die Kerze.
Während er unverständliche Laute von sich gab und die Kerze mehrfach um das Gefäß führte, brannte diese Kerze immer größer, bis sie fast so groß wie seine Hände war.
Das Geschehen war sehr beeindruckend, musste allerdings durch eine chemische Reaktion ausgelöst worden sein. Magie und Alchemie war das Handwerk von Dilettanten und Scharlatanen. Waren sie gut ausgebildet, kannten sie Tricks, mit denen sie willenlose und naive Dorftrotteln täuschen konnten.
Der Graf hielt die Fackel an die Schale und deren Inhalte verbrannte in eine blauen, stechend riechenden Flamme. Der Rauch verteilte sich in alle Richtungen und raubte mir kurzfristig den Atem. Tränen füllten meine Augen und ich musste sie wegwischen.
Das Murmeln wurde lauter.
Als ich wieder etwas sehen konnte, hatten sich die Züge des Grafen verändert. Es war, als würde ich in einen Spiegel blicken. Vor dem Tisch stand mein Ebenbild und lächelte kalt, was die Täuschung weniger echt erscheinen ließ. Ich glaube nicht, dass ich so lächeln konnte.
Ilona sagte: »Es geht also auch tatsächlich ohne Samen?«
Der Graf zuckte mit den Achseln und sagte: »Es wäre leichter gewesen – anscheinend geht es so allerdings auch ohne.«
Ich war vor Schreck festgefroren. Außerdem wusste ich sowieso nicht, was ich anderes hätte tun sollen. Eigentlich wäre es gut, Winter zu Hilfe zu eilen. Allerdings wollte ich auch wissen, wie diese merkwürdige Situation enden würde.
Der Graf griff erneut in die Luft und verzog sein Gesicht. Über ihm schlängelten sich plötzlich leuchtend grüne Stricke. Sie schienen von allen Seiten auf Winter zuzufliegen. Es waren mindestens dreißig und sie waren lebendig.
Winter blickte den Graf fragend an und sagte: »Was soll denn dieser Blödsinn? Komm endlich zu Dir.«
Einer der Schlingen legte sich um Winters Oberkörper. Mit einer Armbewegung wollte sie den Strick abstreifen, doch blieb er an ihrer Kleidung hängen. Ein Weiterer legte sich über ihren Hals.
Zwei kamen von der Seite und fesselte ihre Hände.
Bald schon war sie vollständig von eingepackt. Die Stricke waren wie eine zweite Haut und man konnte nur noch ihren Kopf aus dem Dickicht erblicken.
Sie sah wenig erfreut aus.
Ganz langsam verloren die Stricke ihre Farbe. Anstelle des grellen Grüns, wurden sie grau und sahen bald aus, als wären sie aus Beton. Winter zuckte in ihrer Falle. Sie konnte nicht entkommen.
Der Graf richtete den Blick auf sie. »Willkommen in Deinem neuen Zuhause.«
Ruckartig blickte Winter auf ihn und sagte: »Na prima. Da bin ich Dir doch glatt in die Falle gegangen.«
»Du hattest gar keine andere Chance. Selbst Dein Verstecken hatte kein Sinn.«
»Ich hatte mir nur eine kurze Auszeit genommen, um wieder zu Kräften zu kommen. Außerdem musste ich noch einmal mit ein paar Leuten sprechen.«
Ilona klatschte in die Hände. Sie umarmte den Grafen von hinten, gab ihm einen Kuss auf die Wange und sagte: »Jetzt hast Du endlich, was Du immer wolltest. Endlich ist Dein Wunsch erfüllt und Du kannst Dich anderen Themen widmen.«
Der Graf schüttelte traurig den Kopf. »Ich bin noch nicht ganz am Ende. Erst einmal müssen wir jetzt diesen Bob finden. Dann können wir das Endspiel einleiten.«
Er drehte sich zu Ilona und deute auf die Tür. Sie drehte sich ebenfalls um und die beiden verließen den Saal. Zum Glück zogen sie die Tür hinter sich ins Schloss.
Schnell trat ich aus meinem Versteck und ging zu Winter. Sie konnte mich zunächst nicht sehen, da sie den Kopf nicht mehr drehen konnte. Daher trat ich in ihr Blickfeld.
Sie sah mich mit großen Augen an und sagte: »Da bist Du aber schnell zurückgekommen.«
Ich lehnte mich zu ihr hinüber und sagte: »Ich bin es.«
Ihre Augen drehten sich nach oben und sie sagte: »War mir klar. Warum hast Du gerade nichts gemacht?«
»Konnte nicht – war zu spannend.«
Ich griff nach den Stricken, die nicht nur so aussahen, sondern sich auch so anfühlten, als wären sie aus Stein. Sie rührten sich keinen Millimeter.
»Wie bekomme ich Dich da raus?«
»Es ist ein alter Zauber.«
»Es gibt Zauber?«
»Hast Du das nicht gesehen? Mutter hatte mal eine Zeitlang damit experimentiert. Es ging darum, Materie durch den Willen zu formen. Letztendlich gab es allerdings zu viel Missbrauch und Mutter hatte diese Sachen wieder verboten.«
»Die Natur hat sich gegen Zauber entschieden?«
»Sie hat ihre Gesetzte leicht angepasst.«
»Aber einige können immer noch zaubern?«
»Für Unsterbliche ist es nichts Außergewöhnliches. Sie haben diese Gabe.«
»Nachdem Du mir die logische Erklärung für etwas völlig phatastische gegeben hast, könntest Du mir sagen, wie ich Dich hinaus bekomme?«
»Hast Du nie Zaubererfilme gesehen? Wenn es einen Zauberspruch gibt, dann gibt es auch einen Gegenzauber. Du musst ihn nur im Buch finden. Meist steht er im Kleingedruckten.«
»Wirklich viel Zeit haben wir nicht. Vielleicht sind unsere Gastgeber gleich wieder hier.«
»Dann beeile Dich bitte.«
Ich rannte zum Buch und sah auf die Seiten.
Eigentlich hatte ich erwartet, irgendetwas lateinisches, in Blut Geschriebenes zu sehen. Statt dessen waren dort nur verdammt viele Piktogramme abgebildet, wie in einer dieser Anleitungen vom schwedischen Möbelhaus.
Anscheinend war dieses Zauberbuch von Analphabeten oder für diese erdacht worden.
Die aufgeschriebene Seite erklärte mir das, was ich gerade gesehen hatte. Dort waren auch die grünen Schlingpflanzen am Ende.
Schnell blätterte ich auf die nächste Seite.
Dort stand etwas, was mich schwach an das rote Einmachglas-Herz erinnerte. In den Bildern wurde beschrieben, wie man es dem Spender entnimmt und was dies für Auswirkungen hat. Mir drehte sich für einen Augenblick der Magen um.
Ich blätterte schnell weiter.
Beim schnellen Blättern sah ich merkwürdige Zauber, die innere Schönheit nach Außen kehrten oder die wahlweise Pflanzen, wie auch Körperteile wachsen ließen, was mich schmunzelnd an diverse Spam-Mails erinnerte. Wenn die Schreiber dieser Mails dieses Buch hätten, sähe die Welt da draußen anders aus und einige Anwender könnten nicht mehr gerade stehen, sondern würden immer wieder nach vorne fallen.
Ein Spruch schien mir vielversprechend. Auf der Seite stand, wie man Stein in Staub verwandelte.
In der oberen linken Ecke standen die dazu benötigten Werkzeuge. Man brauchte ein paar Haare, ein wenig Erde – anscheinend von einem Friedhof – und ein paar Würmer.
Anschließend musste man alles in die Schale geben, ein wenig Pulver verstreuen und das ganze anzünden.
Die meisten Zauber in diesem Buch wirkten ähnlich. Man nahm ein paar Zutaten, verbrannte alles und machte dann komische, an Joga erinnernde Bewegungen und musste dabei ein paar Geräusche murmeln.
Diese Geräusche waren an die Natur angelehnt. Für meinen Zauber brauchte ich eine jaulenden Hund, einen Hahn, der auf dem Kopf stand, drei Ziegen und ein wenig schreiende Katz. Winter würde sich über diese Laute wahrscheinlich amüsieren.
Ich blickte mich hilflos um. Wo fand ich jetzt die Würmer und die Erde? Die Zutaten standen hoffentlich hier in den Regalen.
Für die Suche würde ich eine Lichtquelle brauchen. Daher nahm ich die schwarze Kerze, die merkwürdig schwer war. Als ich sie berührte, flackerte die Flamme kurz auf, als würde sie vor mir zurückschrecken. Beschwichtigend sprach ich mit ihr, bis sie wieder ein konstantes Licht ausstrahlte.
Ich nahm die Kerze und machte mich auf die Suche.
Winter sagte: »Wir haben jetzt keine Zeit, dass Du Dir hier alles ansiehst. Es wäre ratsam, wenn Du Dich beeilen würdest.«
»Wenn Du mir sagst, wo ich Erde und Würmer finde, dann werde ich mich beeilen.«
Ich leuchtete in die Regale und mir fiel auf, dass die Piktogramme aus dem Buch auch auf den Behältern aufgebracht waren.
Schnell eilte ich an den vielen Gläsern, Dosen und Vasen vorbei, immer auf der Suche nach den richtigen Zutaten.
Die Erde fand ich nach wenigen Minuten, tat mich allerdings mit den Würmern erheblich schwerer. Sie waren am äußersten Rand des Raums im obersten Regal untergebracht.
Dann eilte ich zurück. Mir schoss die Frage durch den Kopf, ob es wohl relevant war, welche Haare ich nahm. Da ich meine Frisur nicht ruinieren wollte, rannte ich zu Winter und zupfte ihr einige Haare aus einer Strähne.
Sie sah mir wenig wohlwollend dabei zu.
Ich schüttete ein wenig von jeder Zutat in das Steingefäß. Dann stand ich etwas unbeholfen davor. Meine Hände waren schwär, von der matschigen Erde, die muffig roch. Erdgeruch war definitiv nicht mein Deo.
Es war an der Zeit die Substanzen anzuzünden. Mir fehlte allerdings noch dieses weiße Pulver. Ohne das Zeug würde ich kein Feuer hinbekommen.
Den Wurm, den ich in die Schale gelegt hatte, schlängelte sich langsam auf den Rand zu. Wie diese Tiere die lange Zeit in einer Dose überlebt hatten, war ein Mysterium, welches ich zur Zeit nicht lösen wollte.
Hecktisch bückte ich mich und beleuchtete mit der Kerze den Boden unterhalb des Tischs. Vielleicht standen hier noch Säcke mit diesem leichtenflammbaren Präparat herum.
Tatsächlich lag auf dem Boden eine verstreute Menge.
Vorsichtig hielt ich die Kerze näher heran und betrachtete das Pulver. Aus der Nähe sah es nicht weiß, sondern metallisch glänzend aus. Das musste pyrophores Metall sein. So ein Zeug, wie man es bei Wunderkerzen benutzt. Ich hielt die Kerze noch etwas näher.
Plötzlich entzündete sich der Fußboden mit einer Stichflamme. Reflexartig zog ich meinen Kopf von den Flammen weg, was dazu führte, dass ich ihn heftig gegen die Tischplatte stieß.
Die Wucht trieb mir Tränen in die Augen, welche für ein paar Sekunden nur flackernde Sterne sah, die um mich herum Volkstänze aufführten. Ich sackte zurück und landete fast mit der Stirn in den Flammen, die immer noch brannten.
Das Feuer erfasste meinen Bart, der laut fauchend seine Existenz aufgab. Lauthals fluchend und mit den Armen rudernd versuchte ich, die Flammen zu ersticken und mich zu befreien. Zwischenzeitlich fingen meine Ärmel an zu brennen.
Erneut stieß ich mir den Kopf am Tisch. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, als hätte der Tisch unter dem Stoß meines Kopfes laut aufgeheult, es kann jedoch auch umgekehrt gewesen sein.
Endlich gelang es mir, mich zu befreien, in dem ich mich mehr oder weniger fallen ließ und wegrollte. Nach der Aktion musste ich die Feuer ausschlagen, die an meine Kleidung zerrten. Hin und Her rollen erwies sich als die beste Alternative.
Als ich gelöscht war, richtete ich mich auf und blickte direkt in das Gesicht des Grafen, der sich hinter mir aufgebaut hatte.
In seiner Mine wechselten sich Verblüffung, Belustigung und Verärgerung ab, was ihn mir nicht sympathisch erscheinen ließ. Hinter ihm trat Ilona hinzu.
Der Graf sagte zu Ilono: »Ich glaube, wir haben ihn gefunden.«
Ilona lachte spitz auf. »Das wurde auch Zeit.«
Die Augen des Grafen leuchteten im Kerzenschein unnatürlich hell. Sein Blick versprach keine guten Absichten. Hätte er die Macht dazu, er hätte mich mit Laserstrahlen aus seinen Augen verbrannt.
Schuldbewusst schmiss ich die schwarze Kerze zurück auf den Tisch und sagte: »Ich habe nichts gemacht.« Dabei versuchte ich möglichst gelassen zu klingen, was mir nicht gelang, da mein Bart immer noch Rauchschwaden von sich gab.
Winter keuchte hinter mir.
Der Graf ging noch einen Schritt auf mich zu und erhob blitzschnell seine Hand, die nach meiner Gurgel griff. Mit der anderen zog er einen Dolch aus seinem Umhang.
Ich sagte: »Langsam müsstet ihr doch wissen, dass ein Dolch mich nicht verletzten kann.«
Der Graf lachte hohl und sagte: »Das Messer dürftet Ihr noch kennen. Es verletzt auch Unsterbliche.«
Mir wurde plötzlich heiß. Er hatte mich damit vor Kurzem tatsächlich geschnitten, um mein Blut zu bekommen.
»Wir brauchen noch das willige Blutopfer um Mina für immer einzusperren und ihr das Geheimnis des ewigen Lebens zu entreißen.«
Er drückte mich gegen den Tisch, während ich meine Hände erhoben hielt und gegen den Druck seines Griffes ankämpfte. Mir wurde langsam dunkel vor Augen, da mir die Luft ausblieb.
Plötzlich schrie Ilona und der Druck wurde für ein paar Minuten weniger. Ich trat dem Grafen mit aller Wucht gegen den Unterleib, was allerdings keinerlei Auswirkungen zeigte.
Der Graf schleuderte mich ruckartig gegen ein nahes Regal. Seine Mine verriet Panik.
Ich blickte verwirrt zum Tisch, der im Moment alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.
Auf ihm hatte das Buch Feuer gefangen. Die Kerze, die ich hinter mir verstecken wollte, war umgefallen und hatte das Zauberbuch angesteckt.
Die Flammen schossen in die Höhe und brannten mit blauer Flamme.
Für den Bruchteil einer Sekunde stand der Graf ratlos vor dem Tisch. Dann nahm er das Buch.
Die Flammen griffen nach seiner Robe, die zischend ebenfalls zu brennen anfing. Ilona kreischte erneut und sprang ihrem Chef zu Hilfe.
Ich blickte zu Winter, die nicht mehr an dem Platz stand, an dem ich sie vermutete. Dort war nur noch ein Häuflein Staub.
Schnell suchte ich sie im Raum. Sie stand am Regal mit dem schlagenden Herzen und griff danach.
Der Graf brannte mittlerweile so hell, dass die gesamte riesige Halle in ein flackerndes Licht getaucht wurde. Er schrie und wandt sich, während er das Buch immer noch in den Händen vor seinem Bauch gedrückt hielt.
Ilona hatte ihre Robe abgestreift und versuchte die Flammen damit zu ersticken. Die Wirkung war eher mäßig, da ihre Robe ebenfalls nicht feuerfest war.
Winter hielt unterdessen triumphierend das Einmachglas mit dem schlagenden Herzen in die Höhe. Sie schrie: »Machen wir  Schluss mit dem Theaterstück.«
Ilona blickte auf und für einen kurzen Augenblick konnte ich sehen, wie ihr alle Gesichtsmuskeln gleichzeitig entgleisten. Sie erschien blass und hatte die Augen weit aufgerissen.
Winter schmiss das Glas in die Richtung des Grafen. Es schlug auf dem Tisch auf und zerbrach in tausend kleine Teile.
Das Herz rollte hervor. Es rollte vom Tisch, direkt im immer noch glimmenden Feuer, wo es augenblicklich zu zischen anfing.
Unser Gastgeber ließ sich auf dem Boden fallen und drehte sich um die eigene Achse.
Ilona, die ihren Umhang hochgerissen hatte, fing an zu schreien. Diesmal war dieser Schrei allerdings nicht panisch, sonder schmerzerfüllt.
Ihre Haut alterte innerhalb weniger Sekunden, bis sie wie eine uralte Greisin dastand und anschließend in sich zusammensackte.
Die Schreie hörten schlagartig auf. Man hörte nur noch das leise Wimmern des brennenden Mannes auf dem Boden und die Flammen selbst.
Winter schritt auf ihn zu. Sie nahm das Messer, welches in der Nähe auf dem Boden lag und erhob es über ihren Kopf. Dann stach sie zu.
Ich keuchte. »Die traumatischen Erlebnisse, die ihr Jahreszeiten mir bereitet, werden einen Psychologen meines Vertrauens noch extrem reich machen.«
In den Flammen über dem brennenden Häufchen glaubte ich, Winters Tante Tod zu erkennen. Sie blinzelte mir zu und war wieder verschwunden.
Kaum war sie weg, erloschen die Flammen und ich stand in einer fast vollständigen Dunkelheit.
Winter sagte: »Danke für Deinen Gegenzauber. Du hast zwar erneut mehr Glück als Verstand bewiesen, warst dabei allerdings abermalig erschreckend erfolgreich. Der Volksmund hat wohl doch recht, wenn er glaub, dass das Glück die Dummen gepachtet haben.«
Ich sagte: »Kannst Du Licht machen? Das wäre jetzt praktischer als jeder dumme Kommentar.«
Winter ergriff meine Hand und riss mich auf die Füße. Noch während sie das tat, wechselte sich die Umgebung.
Als ich mich an das helle Licht gewöhnt hatte, erkannte ich meine Wohnung.
Winter sagte: »Ich glaub, dass Du hierhin wolltest.«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich wollte nie von hier weg.«
»Jetzt beschwer Dich nicht, es wäre doch langweilig ohne mich gewesen.«
»Was spricht denn bitte gegen Langweile? Außerdem war das Ende viel zu überstürzt. Was ist denn da innerhalb weniger Augenblicke alles gleichzeitig passiert?«
»Die Dame war Ilona, die Frau, die Dracula nach mir zur Frau genommen hat. Er hat sie in einen willenlosen Zombie verwandelt, indem er ihr Herz gestohlen hatte – eine typische Situation, wie sie bei vielen Verliebten allerdings meist weniger sprichwörtlich passiert. Dadurch war sie sein gehirnloses Werkzeug.
Durch den Gegenzauber, den du trotteligerweise und ohne es zu wollen unterhalb des Tisches durchgeführt hast, gabst Du mir die Möglichkeit zu entfliehen. Deine Ablenkung durch das Entzünden des Buchs war übrigens höchst clever.«
»Er wollte mich mit dem Messer erstechen um mich als Blutopfer darzubieten.«
»Er hatte eine Schwäche für Blut. Außerdem neigte er zur Übertreibung. Sein feuriges Temperament mochte ich allerdings auch so an ihm.«
»Dann hätten wir auch dieses Geheimnis gelüftet, was euch zusammengebracht hat. Auf jeden Fall hat der Graf Feuer gefangen.«
»Welches ihn nicht umgebracht hätte. Es hat ihn lediglich geschwächt. Das Messer meiner Tante hat ihm den Rest gegeben und Ilona wurde durch ihr verbranntes Herz getötet.«
Ich schüttelte den Kopf und sagte: »Wie habe ich den Gegenzauber denn bewerkstelligt?«
»Der Wurm, den Du in das Gefäß gelegt hattest, hatte sich befreit und war vom Tisch gefallen. Du hattest noch Erde an den Händen und die magischen Flammen hatten Deine Haare versenkt. Du hattest also alle Zutaten bei Dir. Dazu kamen die merkwürdigen Töne, die Du ausgestoßen hattest. Anscheinend waren es genau diese Töne, die man für den Gegenzauber benötigte.«
»Und was wollte der Graf von Dir?«
»Es besteht ein Unterschied zwischen Deiner Unsterblichkeit bzw. der des Grafen und meiner, wie sich unschwer erkennen lässt. Meine ist etwas besser – man kann mich selbst durch die Werkzeuge meiner Tante nicht vernichten.
Mein Ex war der Idee verfallen, ebenso zu werden. Außerdem wollte er auch andere unsterblich machen können, ohne Ihnen das Herz herausreißen zu müssen. Wenn man alleine lebt, kommt man auf sehr abstruse Ideen.«
»Außerdem schien er eifersüchtig zu sein.«
»Das gehörte zu seinen schlechteren Eigenschaften.«
»Und was ist jetzt mit Kommissar Paul?«

 

6 Kommentare zu „Winter 2016 – Kapitel 7

    1. Kann passieren, wenn man als Autor die Zeit nicht im Auge behält. Aber mal ganz davon ab, dass die eigentliche Handlung mit Dracula Tod auch mehr als abgeschlossen ist. Ich hatte gedacht, dass ich noch nen Epilog hinbekomme – mir ist Frühling allerdings lieber. Wie gesagt – ich plane Großes…

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