Maria

Vor der Tür blieben wir stehen. Ich sagte: »Bei Maria hast Du sicherlich ein Problem mit der Verführung.«
Frühling hämmerte unbekümmert an die Tür, während sie sagte: »Das werden wir sehen.«
Eine tiefe Frauenstimme sagte: »Kommen sie herein. Was ist denn los?«
Frühling riss die Tür auf und war mit ein paar großen Schritten ins Zimmer getreten. Sie lehnte sich wie vorher leicht nach vorne und sagte: »Wir brauchen den Schlüssel für die Asservatenkammer.«
Maria war groß und stämmig. Sie musste an die 1,80 m lang sein und sie wirkte wie eine russische Kampfschwimmerin zu Zeiten des Kalten Krieges. Ihr Kinn schien dem Gesicht entfliehen zu wollen. Dazu hatte sie die blondierten Haare zu einem Pferdeschwanz straff nach hinten gebunden.
Diese Frau konnte innerhalb von ein paar Minuten eine Kneipenschlägerei auflösen, nur dadurch, dass sie den Raum betrat. Das Pfeifen von Frühling prallte an ihr ab, wie an einer Betonwand.
Für einen Moment allerdings schien die Polizei-Wand überrascht. Dann verengten sich ihre Augen zu Schlitzen. Sie sagte: »Wer sind sie und was wollen sie hier?«
Frühling lächelte sie an und sagte: »Was wir wollen, haben wir gerade schon gesagt. Wer wir sind, spielt keine Rolle.«
Maria sagte: »Irgendwie spielt es schon eine Rolle, solange sie sich nicht im Gefängnis wiederfinden wollen.«
Frühling sagte: »Wir sind ihre neuen Kollegen und wir würden uns gerne umsehen. Könnten Sie uns vielleicht in die Asservatenkammer bringen?«
Maria wirkte kaum besänftigt.
Ich dachte mir, dass sich die Situation sehr interessant entwickelte. Dafür hätte ich sogar Eintritt bezahlt.

Von Frauen und Männern

Auf der Treppe sagte ich: »Dem Kerl hast Du hoffentlich nicht das Herz gebrochen?«
Frühling lachte und sagte: »Hast Du den Ring am Finger nicht gesehen? Ich hab nur ein wenig Romantik in sein Leben zurückgebracht.«
Ich sagte: »Du hast also keine gute Meinung über die Ehe? Außerdem sah er  mir nicht so aus, als hätte er auf Romantik gewartet. Ich frage mich, wie viel Ehen Du bisher zerstört hast.«
Frühling sagte: »Das mit den Ehen zerstören, ist eins meiner Hobbys. Allerdings ist es schwerer, durch den Seitensprung des Mannes eine Ehe zu zerstören, als durch den Seitensprung der Frau. Ist das nicht irgendwie ungerecht?«
Zwei Treppenstufend auf einmal nehmend sagte ich: »Das ist auch so ein Ding der Evolution. Als die Menschheit noch mit Knüppel durch Felder rannte um Mammuts zu jagen, pflanzten sich Leute, die nicht eifersüchtig waren weniger oft fort. Den Männern, denen egal war, mit wem ihre Frauen verkehrten, blieb kein eigener Nachkomme.
Schlief eine Frau mit einem anderen Mann, konnte das bedeuten, dass ›Mann‹ Kinder großzog, die nicht seine eigene waren.
Solange jedoch der Mann die Mammut-Schnitzel nach Hause brachte und sie über dem eigenen Kamin grillte, konnten Frau und Kindern egal sein, mit wem er sonst noch ›abhing‹. Verließ er hingegen Frau und Kind für eine Andere, dann war die Existenz in Gefahr.
Noch heute ist es zumindest statistisch so, dass ein Mann einen One-Night-Stand seiner Frau weitaus kritisch bewertet, als eine Frau den ihres Manns. Andersherum bewertet eine Frau es wesentlich kritischer, wenn er mit einer anderen ins Kino geht. Sagt er, dass ›Gefühle‹ im Spiel waren, dann ist die Beziehung ernsthaft in Gefahr.«

Frühling sagte:  »Ich finde es trotzdem unfair.«

Verführt

Frühling lehnte sich über die Theke und ließ den überforderten Beamten tief in ihre Auslage blicken. Erneut dachte ich daran, dass andere Frauen in solchen Situationen billig erschienen wären. Frühling hingegen hatte zu jeder Zeit die volle Kontrolle.
Ihre Stimme klang wie ein leiser Hauch, als sie sagte: »Wir benötigen ein paar Informationen. Könnten Sie so freundlich sein und uns helfen?«
Der Beamte blickte sie an, als hätte ihn gerade seine Lieblingsschauspielerin um ein Autogramm gebeten.
Frühling ließ ein einsames Lachen im Raum erklingen und der Mann blinzelte kurz. Es durchlief seinen Körper, als würde er sich gerade vom Schlaf befreien.
Der Beamte sagte: »Natürlich – worum geht es denn?«
Frühling sagte: »Vor ein paar Jahren ist hier ein Mord geschehen. Wir würden gerne alle Akten einsehen und die Beweismittel durchgehen.«
Für einen Moment sah es so aus, als wäre er wieder in Trance gefallen und könne nicht antworten. Dann bewegten sich seine Lippen doch noch.
Er sagte: »Was war das für ein Mord?«
Ich biss mir auf die Lippe. Wie schafften Frühling dies? Sie musste den Typen hypnotisiert haben. Anders konnte ich es mir nicht erklären.
Sie sagte: »Eine alte Frau – alleine in der Wohnung – alle Eingänge von Innen versperrt – die Ermittlungen zogen sich ein paar Monate – merkwürdige Ermittler hatten den Fall bearbeitet.«
Der Mann lächelte und sagte: »Daran erinnere ich mich gut. Das war vor 5 Jahren. In dem Jahr hatte ich die Dienststelle gewechselt. Kommissar Herbert ist damals verschwunden und dadurch…«
Frühling wedelte mit der Hand und sagte: »Mein Liebster, auch wenn mich Deine Geschichte brennend interessiert, so müssen wir sie leider verschieben.
Wo finden wir die Akten?«
Der Mann sagte: »Den Flur runter, die Treppe rauf, dann den Gang zur rechten Seite, die dritte Tür links. Maria im Raum gegenüber hat den Schlüssel.«
Frühling lächelte und sagte: »Danke!«

Umziehen

Auf dem Weg zum Polizeirevier zog sich Frühling um. Dazu hatte sie sich auf der Rückbank meines fahrbaren Untersatzes niedergelassen. Natürlich wies ich Sie darauf hin, dass man während der Fahrt angeschnallt sein müsste, doch sie überhörte meinen Einwand einfach.
Von Zeit zu Zeit flogen einzelne Klamotten von hinten auf den Beifahrersitz. Bei der Art der Kleidung war mir sofort klar, dass Frühling darauf aus war, dass ich mich prüfend zu ihr umdrehte oder zumindest verstohlen in den Rückspiegel blickte.
Ich tat ihr den Gefallen nicht. Wie ich sie kannte, würde das Vergehen auf einen furchtbaren Scherz hinauslaufen.
Glücklicherweise war der Weg zum Revier nicht besonders weit. Zwanzig Minuten später bogen wir auf den Parkplatz. Sobald ich ausgestiegen war, umrundete ich das Auto und hielt die Beifahrertür offen. Auch diesmal war ich stark darauf bedacht, nicht in Frühlings Richtung zu blicken.
Sie ließ sich etwas Zeit und als sie sich zu mir umdrehte, zeigten ihre Mundwinkel einen Augenblick zu lange nach unten. Ich lächelte sie hingegen breit an und sagte: »Wie sind Deine Pläne?«
Frühling sagte: »Folge mir einfach.«
Als ich ihr folgte, bestaunte ich ihre Kleidung, wobei man die Fetzen eigentlich nicht als Kleidung bezeichnen konnte. Das was Frühling trug, bedeckte nur einen sehr geringen Teil ihres Körpers. Ich würde niemals einer meiner Töchter jemals erlaubt, mit so wenig Stoff auf die Straße zu gehen – besonders nicht bei diesen Temperaturen. Wir sind ja noch nicht im Hochsommer.
Allerdings muss ich Frühling zu Gute halten, dass sie dieser Kleidung tragen konnte, ohne billig zu wirken, was definitiv eine Leistung darstellte. 

Kurznachricht an Frühling

Hallo Frühling,

zunächst einmal frohe Ostern. 

Ich muss Dir sagen, dass die Tradition des Osterfeuers mir noch nie so viel Spaß gemacht hat, wie heute. 

Besonders die Einleitung des Priesters hat mich sehr erfreut. Er begann die Rede mit den Worten: „Das ist kein kleiner Haufen, dass ist ein Berg so groß wie ein Einfamilienhaus – Hoffentlich brennt er genauso gut.“

Besonders witzig ist der Umstand, dass der Prister bei der Feuerwehr ist. Der Schlingel weiß wovon er spricht.

Frühling Du kannst gerne weiter so machen.

Gruß,

SAC

Unbelehrbar

Frühling wischte sich die letzten Tränen aus ihrem Gesicht. Ein breites Grinsen blieb dabei zurück.
Sie sagte: »Wir sollten wohl unsere eigenen Nachforschungen beginnen. Den Mist meiner Geschwister hält ja kein denkendes Wesen aus. Wahrscheinlich gibt es noch ganz andere Indizien zu entdecken.«
Ich sagte: »Sie hatten sehr gewissenhaft gearbeitet. Zumindest haben sie mir das gesagt. Außerdem weiß ich nicht, wo wir suchen sollten.«
Frühling sagte: »Ein guter Detektiv geht zunächst an den Ort des Verbrechens.« Dies sagte sie in dem Ton, den der Servicetechniker gebraucht, um klar zu stellen, dass das 2 Jahre und einen Tag alte Gerät, jenseits der Garantie, nicht mehr repariert werden kann.
Ich sagte: »Weder weiß ich, wann das Verbrechen verübt wurde, noch wo. Winter und Herbst waren in dem Punkt nicht wirklich präzise.«
Sie sagte: »Wir gehen einfach zur Polizei und fragen. Wenn die uns keine Antwort geben, können wir unsere Untersuchung sowieso vergessen.«

Ein Seufzer strömte aus meinen Lungen und ich verdrehte die Augen.
Frühling sagte: »Traust Du mir nicht zu, dass ich Antworten erhalte?«
Ich sagte: »Antworten vielleicht, aber ob es hilfreiche sein werde, davon bin ich nicht überzeugt.«
Mit einem Ruck stand Frühling im Zimmer und ging auf die Tür zu.
Für einen Moment wollte ich sie zurückhalten. Eigentlich hatte ich zu viele Fragen. Es wäre sicherlich besser, vorher einen Plan zu haben, bevor wir auf die Polizeistation gingen. Vielleicht gab es sogar eine Möglichkeit ohne die Polizei an Informationen zu kommen. Sicherlich war über den Mord in irgendeiner Zeitung berichtet worden.
Doch Frühling konnte ich nicht zurückhalten.
Sie war nun mal eine Jahreszeit und daher unbelehrbar.

Aktenlage

Es gelang mir nicht, meine Gedanken zu sortieren. Das ich die Geschichten gehört hatte, war zu lange her, als dass ich mich an alle Details hätte erinnern können.
Ich sagte: »Herbst erzählte mir von seinem interessantesten Fall. Eine alte Frau war ermordet worden. Die Ermittler nahmen zunächst an, dass es Selbstmord war, da alle Zugänge bzw. Ausgänge der Wohnung von innen verschlossen waren. Jedoch war jeder Zentimeter der Wohnung nach dem Mord durchsucht worden.
Herbst fand heraus, dass die Frau Zeugin eines Juwelen-Diebstahls war, bei dem der wertvollste Edelstein nicht wieder aufgetaucht war. Ihre Aussage brachte die zwei Raubmörder hinter Gitter. Beide Räuber verstarben im Gefängnis. Der Letzte starb weinige Tage vor der Frau.
Winter fand heraus, dass der Räuber und die alte Frau einen gemeinsamen Sohn gezeugt hatten. Dieser Sohn hatte den Räuber vor dessen Tod besucht. Das Opfer des Raubmordes, bei dem der Stein verschwand, war der Ehemann der Frau.
Die Frau hatte sich durch den Raubmord sowohl des Ehemanns, wie auch ihres Geliebtens entledigt. Das Kind gab sie, laut Winter, zur Adoption frei.
Winter sagte, dass das Kind wahrscheinlich nach seinen leiblichen Eltern gesucht hatte. Dabei sei er auf das Geheimnis des verschwundenen Edelsteins gekommen und habe anschließend die Beiden umgebracht.«
Ein helles Lachen unterbrach mich. Mit beiden Händen ihren Bauch haltend, wiegte sich Frühling immer wieder von hinten nach vorne. Sie hatte Tränen in den Augen.
Es dauerte fast fünf Minuten, bis sie zu Atem gekommen war. Immer wieder brach sie in das helle Lachen aus.
Sie sagte: »Wer denkt sich denn bitte so einen Schwachsinn aus? Eltern und Kinder – Verbrechen über zwei Generationen. Das ist einfach zu schwachsinnig.«
Ich sagte: »Das war aber ungefähr die Geschichte, die die beiden erzählt hatten.«

Mainstream

Ich sagte Frühling: »Der Fall von Herbst und Winter war sehr spannend. Obwohl ich nicht damit gerechnet hatte, haben sich viele Leute dafür interessiert.«
Frühling sagte: »Dann lass diese Leute doch den Fall lösen. Für mich ist das Ganze viel zu langweilig. Wer interessiert sich schon für Krimis?«
Meine Augen wurden größer. Die Dame musste direkt vom Mond gestiegen sein.
Ich sagte: »Krimis und Thriller verkaufen sich auf dem Büchermarkt immer noch am besten. Kaum ein anderes Genre hat so konstant gute Umsätze. Mach den Fernseher an, wann immer Du willst und Du findest zumindest eine Krimiserie.
Es gibt sogar Leute, die behaupten, dass man, will man reich und berühmt werden, auf jeden Fall Krimis oder Thriller schreiben muss. Viele Verlage nehmen gar keine anderen Themen auf.«
Frühling lehnte sich in ihrem Sofa zurück und sagte: »Das ist so langweilig. Warum seid ihr Menschen nur so einfach gestrickt?«
Ich sagte: »Natürlich gebe ich zu, dass ich persönlich andere Genre bevorzuge. Aber Sachen mit übernatürlichen Elementen interessieren doch kein Schwein. Die meisten Menschen stehen auf die knallharte Realität.«
Frühling sagte: »Da Du Dich anbiedern willst, versuchst Du es mit Mainstream? Ist das nicht ziemlich billig?«
Meine Energie schwand. Erinnerungen an ihre Schwester und ihren Bruder, die im Wesentlichen ähnlich umgänglich waren, kamen mir in den Sinn. Die chinesische Mauer in einem Mini zu transportieren war ähnlich aussichtsreich, wie die zwei von irgendetwas zu überzeugen.
Frühling sah mich an und sagte: »Hab Dich nur verarscht. Natürlich mag ich Krimis. Ein gutes Rätzel ist doch etwas feines. Wann fangen wir an?«
Ganz langsam nahm ich auf dem Sofa Platz und blickte sie an. Ob sie es wirklich ernst meinte, konnte ich nicht erkennen. Vielleicht spielte sie mir ihr Interesse nur vor. Ich atmete lange aus und sagte: »Vielleicht sollte ich Dir erst einmal erzählen, was ich bisher weiß.«

Der alte Fall

Frühling schwebte am nächsten Tag durch die Tür. Sie hatte Sandalen an den Füßen, die mir nicht adäquat zum Wetter draußen erschienen.
Sie lächelte und sagte: »Was machen wir heute?«
Ich sagte: »Es wäre mir recht, wenn es mir nicht wehtut und ich keine bleibenden Schäden davon behalte.«
Sie sagte: »Du bist so eine alte Miesmuschel. Total langweilig.« Mit einer Hand winkend sagte sie: »Komm bitte näher, ich möchte riechen, ob Dein Atem nach Mottenkugeln riechen.«
Ich schüttelte den Kopf und sagte: »Du könntest mir erzählen, ob Du das Verbrechen geklärt hast, von dem mir Herbst und Winter erzählt haben.«
Frühling lachte, kam näher und schlang ihre Arme um meinen Hals. Dann küsste sie mich auf die Wange.
Ich hätte sie am liebsten abgeschüttelt, jedoch wollte ich auch nicht unhöflich sein. Irgendwie verunsicherte mich die gesamte Person.
Sie sagte: »Ich hatte nie Lust darauf Detektiv zu spielen. War mir immer zu langweilig.« Dann ließ sie erneut ihr Lachen erklingen.
Von ihrer Reaktion Irritiert, sagte ich: »Du hast Dich noch nicht einmal um den Fall gekümmert? Es hat Dich gar nicht interessiert?«
Frühling lachte ausgiebig. Als sie wieder Luft bekam, sagte sie: »Was kratzt es mich, ob irgend einer von euch tot umfällt? Warum sollte ich meine Mühen darauf setzen und herauszufinden, wer für das Ableben eines anderen verantwortlich ist? Das sind doch kurzweilige Ablenkungen und machen überhaupt keinen Spaß.«
Ich sagte: »Ein gutes Rätsel kann unheimlich spannend sein. Schließlich gibt es unzählige Bücher, Filme, Hörspiele und Theaterstücke, die darüber geschrieben und aufgeführt wurden.«
Frühling lachte erneut und sagte dann: »Das sind keine guten Gründe. Du musst mich schon überzeugen.«

Die Frucht

Der Qualm verzog sich  und hinterließ kaum Spuren. Dafür war mir den restlichen Tag schwindelig und ich hatte ein Piepsen im Ohr.
Frühling brachte mir am nächsten Morgen einen Muffin mit, den sie mir feierlich und mit den Worten: »Das sollte unsere Beziehung wieder richten.«, überreichte.
Ich roch argwöhnisch an der Speise und brachte sie in die Küche, wo das gute Stück, obwohl es zauberhaft roch, direkt in den Müll wanderte.
Frühling stand in der Küchentür und sah mir missbilligend zu.
Ich sagte: »Wahrscheinlich hast Du was von dieser merkwürdigen Frucht hineingetan. Hätte ich das gegessen, würde ich den restlichen Tag glauben, ein Vogel zu sein.«
Sie sagte: »Stell Dich nicht so an. Das war doch gestern sehr lustig.«
Ihr  Hundeblick sollte anscheinend beschwichtigend wirken. Sie trat ein paar Schritte näher an mich heran.
Insgesamt war sie einen halben Kopf kleiner als ich. Ihre Kleidung war figurbetont und eigentlich etwas zu lasziv. Der Geruch von Kirschblüten lag im Raum. Auf ihrem Gesicht konnte ich keine Spur von Schminke erkennen.
Frühling sah in meine Augen und strich mir über den Arm.
Ich zog ihn instinktiv fort.
Sie sprach sanft und beruhigend, wie ein Pferdeflüsterer, bevor er das Tier schlussendlich erschießt.
Sie sagte: »Was hast Du eigentlich mit der Frucht gemacht?«
Leise sagte ich: »Nicht gegessen.«
Sie sagte: »Ich habe genau gesehen, dass Du eine davon eingesteckt hast.«
Das Gefühl, von seiner Grundschullehrerin beim Abgucken erwischt worden zu sein, stieg in mir hoch, als ich kleinlaut sagte: »Das Ding liegt im Kühlschrank.«
Frühling sagte: »Da hast Du mal alles richtig gemacht.«
Verwundert sah ich ihr zu, wie sie einen Blumentopf der mit Erde gefüllt war, aus ihrer Tasche zog. Dann war sie am Kühlschrank und nahm die Frucht aus dem Gemüsefach, steckte sie behutsam in die Erde und goss etwas Wasser aus der Spüle über die Erde.
Dann sagte sie: »Dann wollen wir mal hoffen, dass das Ding wächst.«
Sie stellte den Topf ans Fenster und verschwand.